„Mein ganzer Bauch ist bis oben hin voll.“ Die Stimme der Frau klingt beiläufig, fast schon fröhlich. Wüsste ich nicht, was Sache ist – ich nähme an, es ginge hier um Brunch. Ihr Kopf ist kahl, ihre Haut gelblich-grau und dünn wie Papier. Wie alt sie ist, lässt sich unmöglich sagen. Vielleicht Ende 50? 

Sie kann nicht mehr aufstehen, nicht mal allein auf Toilette gehen. Deshalb trägt sie eine „Schutzhose“. Unter der flachen Bettdecke zeichnen sich ihre mageren Arme und Beine kaum ab. Nur ihr praller Bauch wölbt sich obszön hervor.

Er ist ja auch bis oben hin voll. Mit Krebs.

„Vor 14 Jahren wurde bei mir genau das Gleiche diagnostiziert wie bei Ihnen. Ich wurde operiert und bestrahlt und alles war weg. Aber dann kam es wieder. Und jetzt liege ich hier“, erzählt sie unaufgefordert weiter. Wieder dieser beinahe heitere Tonfall.
Ich erstarre in meinem Bett. Das Gift der Chemotherapie hört nichts und tröpfelt unbeeindruckt weiter in meinen Körper. Mir wird übel – vor Angst.
„Sie werden zu 99 Prozent wieder ganz gesund“, haben die Ärzte gesagt. „Es war ja ein recht frühes Stadium.“
Doch in meinem Kopf tanzt der Zweifel im Kreis und singt manisch: „Was, wenn nicht? Was, wenn nicht?“
Ja, was dann? Was, wenn der Krebs wiederkommt und ich mich irgendwann nicht mehr bewegen kann?
Der Tod lehnt in der Ecke, zuckt mit den Schultern und dreht sich eine Zigarette. Es ist alles eine Frage der Zeit. Er kann warten.

In diesem Moment fasse ich einen Entschluss.
Wenn ich diese Tortur überstehe, wenn ich den Krebs aus meinem Körper gejagt habe – dann werde ich das tun, was mein Herz erfüllt. Ich werde meinen Kopf und meine Seele vollstopfen mit schillernden Erlebnissen. Und wenn ich irgendwann in einem Krankenhausbett vor mich hinvegetiere und meine Haut wundgescheuert ist von den kratzigen Laken, dann schließe ich einfach meine Augen und erlebe alles noch mal. Dann brauche ich keine Angst mehr haben. Dann werde ich nichts verpasst haben. Dann wird es okay sein.
Der Tod bläst lässig kleine Rauchkringel in die Luft. Er ist nicht wegen mir hier – noch nicht. Wir wissen es beide und nicken einander zu.

Das ist inzwischen über ein Jahr her.

Ich habe das Leben ein zweites Mal geschenkt bekommen. Was aus der Frau geworden ist, weiß ich nicht. Aber ich weiß, was ich tun werde, so lange ich noch kann: Reisen.

In gut einem Monat besuche ich Museen, Shops und Restaurants in New York City, höre und mache anschließend Musik in New Orleans, trinke Tequila in Mexiko, rauche Zigarren auf Kuba, tanze Samba in Rio de Janeiro, widme mich Steaks und Tango in Buenos Aires und streichle Elefantenbabys in Südafrika. Ich erfülle mir meine Träume.

Über die Erlebnisse meiner sechs Monate langen Weltreise werde ich hier bloggen. In unregelmäßigen Abständen. Mehr oder weniger wahrheitsgemäß.

Was danach kommt? Ich habe keine Ahnung. Seit ich den Tod in der Ecke rauchen* sah, mache keine langfristigen Pläne mehr.

(* Ich hoffe, er kriegt Lungenkrebs.)