„Sie sehen glücklich aus. Warum sind Sie so glücklich, Jessica?“ Die Frau hinter dem Schalter fletscht professionell die Zähne, ihre Stimme klirrt zu hell, um ehrlich freundlich zu sein. Dass mir diese Frage so gestellt mikrosekundenlang ein schlechtes Gewissen macht, schafft nur das Department of Homeland Security. Jedes Mal. Im Neuronentempo horche ich in mich hinein: Bin ich vielleicht doch nur deshalb so gut gelaunt, weil irgendein subversiver Teil im finstersten Winkel meiner Seele insgeheim die amerikanische Bevölkerung pulverisieren will? 

Nein, da ist nichts. „Ich habe eine schwere Krankheit überlebt. Und jetzt reise ich. Das macht mich glücklich.“

Schweigen. Zähnefletschen. Augenbrauenhochgeziehe.

„Und wo genau reisen Sie hin, Jessica?“

Oha, ausgerechnet Mexiko und Kuba. Ich schnaube leise. Kann ich ja nichts dafür, dass die USA überall so ihre Befindlichkeiten haben. „Meine nächste Station nach New York ist New Orleans, dann Miami. Von da aus geht’s nach Tulum, Havanna, Brasilien. Oh, und natürlich Südafrika.“

Wieder dieses laute Schweigen.

Doch dann wird aus dem Zähnefletschen ein Lächeln: „Das ist aber eine ganz schöne Tour. Stecken Sie mich in Ihre Tasche und nehmen Sie mich mit. Und Willkommen tin Amerika.“ Ich lächle zurück, atme aus und unterdrücke dieses unsinnige Davongekommen-Gefühl.

Hier bin ich also.
JFK.
New York.

Meine gesamten Habseligkeiten für die kommenden sechs Monate – kunstfertig in einen 15,3 Kilo schweren Trolleyrucksack gezwängt – hinter mir her ziehend, gehe ich durch die letzte Tür in die Flughafenhalle.

Und finde mich auf einem überbelegten Campingplatz wieder.

Feldbetten mit roten Decken, Helfer in gelben Westen, Menschen, Taschen und Koffer und noch mehr Menschen. „Thank you, Sandy“ steht auf einem ironischen Post-It, das jemand an einen Snackautomaten geklebt hat. Hurrikan Sandy, von deutschen Boulevardmedien „Monstersturm“ genannt, hat die Ostküste ziemlich auseinandergenommen. In NYC ginge nichts mehr, höre ich sie murmeln: Tunnel seien überflutet, Brücken gesperrt, der öffentliche Nahverkehr kollabiert, der Strom in einigen Teilen der Stadt komplett ausgefallen.

Die aufsteigende Panik quetsche ich ins Handgepäck. Ruhig bleiben. Du wolltest Abenteuer, hier hast du Abenteuer. Im Notfall finde ich vielleicht irgendwo ein Feldbett oder eine Decke. Ich logge mich mit nervenzerfetzend wenig Restakku ins lokale Wlan ein, checke die Mails meines Gastgebers, besorge mir eine Flasche Wasser und ein Snickers. Und jetzt? Ich finde tatsächlich ein Taxi. Für 60 Dollar bringt mich der Mann mit dem – Klischee, Klischee! – Turban im Yellow Cab nach Manhattan.

Es ist ungefähr zehn Uhr abends und wenig los auf den sonst so strapazierten Straßen, wir fahren durch eine New Yorker Ausnahmenacht. Ich versuche zu realisieren, wo ich bin. In meinem Kopf setzt Sinatra zu „New York, New York“ an, bricht aber nach wenigen Tönen ab. Sandy hat uns das Lied verdorben. Das Autoradio ist ausgeschaltet. Stille.

Und dann schiebt sie sich ins Blickfeld. Schräg vorne, atemberaubend. Die Mutter aller Skylines. New York. Das heißt, die Hälfte davon. Denn während Midtown und Uptown wie immer unter Strom stehen, liegt Downtown im Dunkeln. Das Chrysler Building funkelt auf fremdvertraute Weise; daneben lässt eine schwarze Silhouette die Skyscraper-Umrisse nur erahnen. Licht und Schatten. So offen symbolhaft mit ihren Kontrasten kokettieren sieht man die Stadt nie. „Schau genau hin. Du wirst das nicht so schnell wiedersehen“, sagt der Taxifahrer, als hätte er meine Gedanken erraten. Ist aber auch nicht schwer.

Downtown Manhattan. Wir rollen im Schritttempo durch finstere Straßen. Keine Ampeln, keine Laternen. Einzige Lichtquelle sind die Scheinwerfer der wenigen Autos. Der Big Apple schläft, zwangsweise. In einzelnen Fenstern flackern kleine Kerzen.

„Unheimlich, hm? Aber heute ist ja auch Halloween!“ Taximan kichert schrill. Ein Gänsehautmoment. Vereinzelt mäandern Grüppchen von Fußgängern mit Taschenlampen umher, leuchten den wenigen entgegenkommenden Personen misstrauisch ins Gesicht, halten inne, tauchen wieder ins Dunkel ein. So ähnlich stelle ich mir die Zombieapokalypse vor.

Wir erreichen die Adresse in Nolita. „Lass‘ den Taxifahrer hupen“, hatte mein Host geschrieben. „Mein Telefon geht nicht, die Klingel auch nicht und der Türöffner eben so wenig.“ Dass er für diese Mail auf der Suche nach Mobilempfang eine Stunde gelaufen ist, erfahre ich später.

Wir hupen, minutenlang. Und gerade, als die Panik wieder aus meinem Handgepäck krabbeln will, kommt ein Typ mit Wollmütze auf das Taxi zu. „Hi, ich bin Mike. Willkommen in New York.“ Er nimmt meinen Rucksack und wir stolpern durch den stockfinsteren Hausflur die Treppen hoch in den ersten Stock. Er vorweg, ich an seinem Ellenbogen.

Der langgezogene Raum in dem Zweieinhalb-Zimmer-Apartmen ist karg. Ein Schreibtisch, eine Matratze auf dem Boden, eine Kerze auf dem Tisch. Ich renne zum Fenster und quietsche vor Freude, weil ich zum ersten Mal im Leben eine echte Feuerleiter sehe. Mike lacht, wird aber schnell wieder ernst.

„Es tut mir so leid, hier drin ist es echt kalt. Wir haben seit Tagen keinen Strom. Aber ich könnte dir noch eine Decke geben, wenn du magst. Oh, und unglücklicherweise haben wir auch kein warmes Wasser.“ Ich versichere ihm, dass alles „great“ und „awesome“ und sowieso „no problem“ sei.

Fast Mitternacht. Halloween. Zombieapokalypse in New York. Ich lümmele in meiner Fleecejacke auf der Matratze und esse mit frostigen Fingern mein Snickers. Weniger Erdnüsse drin als bei uns, konstatiere ich. Vor meinem Fenster brummt ein Generator so laut wie mein Magen. Schlafen wird also schwierig, trotz Erschöpfung. Dass Mike Myers, Jon Bon Jovi und David Bowie in wenigen Metern Luftlinie ähnliche Probleme haben, tröstet mich ein marginal. Irgendwo jammert eine einzelne Sirene. Die habe ich schon hundertmal gehört, nur eben noch nie live. Ich komme mir vor, als wäre ich in einen Film geklettert. Das Abenteuer hat begonnen.