„Hi, ich bin Lucy! Hast du Hunger?“ Sie steht vor dem Gasherd und rührt in einem großen Topf. Als sie sich halb zu mir umdreht, fällt mir – gleich nach ihrem britischen Akzent – ihr abgebrochener linker Schneidezahn auf. Lucy sieht mit Stupsnase und zotteligen Zöpfen aus wie Pippi Langstrumpf nach einer Kneipenschlägerei. Ich bin sofort verliebt. 

Der Ire, der mich reingelassen hat, ist schon wieder von seinem Zimmer verschluckt worden.

„Vielleicht später. Danke, Lucy. ich bin übrigens Jessica. Äh, wo kann ich hier wohl meine Sachen abstellen?“
„Leg dein Zeug einfach irgendwohin, Jessica. Wo immer du willst“

Es ist allerdings weniger eine Frage des Willens als vielmehr eine des Platzes. Ich stehe noch im Eingang, schräg links vor mir ein kleiner, willkürlich möblierter Wohnraum, rechts die halboffene Küche. Alles hier schreit: Wir sind Studenten, wir sind neulich von Zuhause ausgezogen und wir räumen unser Zimmer auf, wann wir wollen. Nämlich nie!

Zwischen einem braunen Kunstledersessel und einem wackelbeinigen Beistelltisch, auf dem einsam der Router thront, finde ich eine Nische für meinen Rucksack. Ich juchze innerlich. Internet! Strom! Heizung! Alles andere ist erst mal egal.

In der Ecke hockt eine schmächtige Person. Sandra, blässliche Politikwissenschaftstudentin aus Berlin, derzeit forschend in Colorado und in New York wegen eines Seminars. Und obwohl ich es hasse, immer und überall wegen meines Akzents als Deutsche identifiziert zu werden, freue ich mich diesmal über eine muttersprachliche Gesprächspartnerin. Allerdings nur kurz. Da sie schon eine Nacht länger da ist, beansprucht Sandra die größere Couch. Und das, obwohl sie eineinhalb Köpfe kleiner ist als ich. Auf der zweiten Couch kann ich aber unmöglich surfen, da passt maximal mein Torso drauf. Lucy, die unsere Worte zwar nicht versteht, wohl aber das Thema erfasst, schleift kurzerhand eine Matratze ins Zimmer.

Eine Stunde später sitzen wir dicht gedrängt auf den zwei Sofas und der Matratze: Shaemus, der bodybuildende Ire; Tanmaya, der Inder mit dem Filmfetisch; Lucy, Mathelehrerin aus Birmingham; Betty, getrennt lebende Baptistin aus Texas, Aida, türkischstämmige New Yorker Grundschullehrerin; Sandra, Besserwisserin aus Berlin – und ich, über zehn Jahre älter als alle anderen.

Wir schlingen geschmacksneutrales Tofu-Curry runter, schlürfen Rum mit zuckersüßem Tropical Punch aus Kaffeebechern und diskutieren hitzig über die Definition von Gewalt, ihre Darstellung in den Medien und ihre Legitimation für politische Zwecke. Als ich sage, dass ich Gewalt generell ablehne, fühle ich mich fast ein wenig reaktionär. Lucy erzählt aus ihrer Hausbesetzerzeit und übt flammende Kritik am Bürgermeister, weil er auf einer Pressekonferenz zu Hurrikan Sandy die Frage nach Evakuierungsplänen für die Gefangenen auf der Insel Rikers in etwa mit „Keine Sorge, die Gefangenen können nicht fliehen“ beantwortet hat. Sandra brüstet sich wortreich mit ihrem Engagement im Vorstand eines Vereins, der sich für Flüchtlinge einsetzt und ihrer Sympathie für den schwarzen Block. Aida spricht mit warmer Stimme von ihren Schülern und wütend davon, dass Halloween für viele Gangs eine Initiationsnacht ist. Betty erzählt von der schwierigen Trennung von ihrem Mann, einem Pastor. Den Inder verstehe ich nicht. Sheamus kippt schweigend seinen Rum. Auch ich halte weitgehend die Klappe und mich an meine Faustregel: Nicht mehr als drei Drinks. Die durchspülen einen plattmarschierten Körper und geben mir den Rest.

Auf die anderen jedoch hat der Alkohol die exakt entgegengesetzte Wirkung. Aufgekratzt überlegt das Grüppchen, wohin es denn noch tanzen gehen könnte. Es ist schließlich Freitag und wir sind in immerhin New York. „Williamsburg ist sooo hipster geworden“, mault Lucy. Sie entwerfen und verwerfen Pläne, die Mädchen malen sich an, dann einigen sie sich schließlich auf irgendwas mit Hip-Hop. Ich lümmele auf der Matratze und gluckse in mich hinein, weil ihre Worte in meinen müden Ohren wie Musik ohne Text klingen. Der lebenshungrige Teil von mir, der gern mitgegangen wäre, ist offenbar schon eingeschlummselt. Und mein unterer Bauch gleicht nach all dem Marschieren wieder einer mit Lymphe gefüllten Wassermelone und ich muss mich schonen. Geht nicht anders – wie kolossal es mich auch nerven mag.

Sobald ihr Lachen im Treppenhaus leiser wird, pelle ich mich aus meinen angeschwitzten Klamotten, schlüpfe unter die heiße Dusche, lasse mich danach auf meine Matratze direkt neben der Wand zur halb offenen Küche fallen und schlafe so schnell und tief ein, dass es an Ohnmacht grenzt. „New York Narkose“ nenne ich diesen Zustand der allabendlichen Totalerschöpfung.

In der Nacht werde ich aus dem Schlaf gerissen. Ein Blick aufs geladene iPhone sagt: 4 Uhr. Schlafmaske und Ohropax helfen nicht gegen einen Schwarm lärmender, beschwipster Nachteulen, die sich in der Küche Würstchen und Eier braten. Der Geruch von Fett kriecht unter meine Decke, in meine Nase und setzt sich in meinem frisch gewaschenen Haar fest. Ich bleibe im Halbschlafmodus und spüre, dass ich friere. Nach unfühlbarer Zeit wird es irgendwann wieder ruhig, der alkoholinduzierte Nachthunger ist anscheinend gestillt. Kurz vor dem Wiedereinschlafen merke ich, wie jemand sachte eine weitere Decke über mich breitet. Eine gehäkelte, das fühle ich an meiner Wange. Geborgenheit bei fremden Menschen. Ich kuschle mich in Dankbarkeit und schlafe ein.