Wahrscheinlich bekomme ich Hornhaut. Der Kunststoffgriff meines Trolley-Rucksacks reibt schrittrhythmisch schabend meine Handfläche wund. Die Haut brennt, aber das fällt kaum auf – diverse Schmerzrezeptoren laufen körperweit auf Hochtouren. „Geh‘ unbedingt zu Fuß über die Brooklyn Bridge“, haben sie gesagt, „das ist voll schön und romantisch.“

Von Romantik bin ich nur leider momentan so weit entfernt wie Paris von Ulan Bator. 

Ich befinde mich jetzt seit knapp drei Tagen in New York und mache nichts als gehen. Meilenweit. In meinem ganzen Leben bin ich noch nie so viel in so kurzer Zeit gelaufen, spaziert, marschiert. Und das mit meinen beeinträchtigten Beinen. Diese Stadt wirft mir täglich den – zugegeben funkelnden – Fehdehandschuh hin. Das hier ist, unmittelbar nach Hurrikan Sandy, kein Wellness-Trip. Das ist urbanes Überlebenstraining. New York verlangt dem Neuankömmling ja schon im Normalbetrieb alles ab. Ohne Strom und Internet, ohne Heizung und heißes Wasser, ohne U-Bahn und ohne Informationsfluss ist es jedoch die raue Essenz des Großstadtdschungels.

Und ich mittendrin, auf dem Weg von Downtown Manhattan nach Brooklyn, wo ich bei Couchsurfern in einer WG unterkommen werde. Dort fahren Züge, ich muss es also nur über die Brücke bis zur nächsten Bahnstation schaffen.

Au! Schon wieder ein Tritt in die Hacken. Der Fußgängerweg über die Brooklyn Bridge ist nicht sehr breit und ohnehin stark frequentiert, jetzt jedoch schieben sich Menschen Ellenbogen an Ellenbogen über den Eastriver, zwischen bekritzelten Wellblechzäunen hindurch. Es ist die einzige Verbindung zwischen Brooklyn und Downtown, was soll man machen? Ich halte mich rempelenergiesparend im Windschatten dreier beleibter Frauen, von denen eine an Krücken geht und die sich deshalb praktischerweise in meinem Tempo bewegen.

Die Steigung zieht sich, ich gehe schnaufend einfach immer weiter, irgendwann bin ich oben. Vielleicht hätte ich mehr Sinn für Ort und Augenblick, würden meine Füße nicht bei jedem Schritt empört nach der Gehwerkschaft schreien und müsste ich nicht einen 15 Kilo schweren Trolley hinter mir her zerren. Am meisten ärgert mich aber das prätranspirative Kribbeln in meinen Achseln. Vor nicht mal einer Stunde habe ich in der Wohnung einer Freundin meines Gastgebers das erste Mal seit über 65 Stunden heiß geduscht und fühlte mich endlich wieder sauber. Bis jetzt.

Ein kleiner Verschnaufmoment zwischen fotografierenden Touristen. Ich blicke mich um und empfinde  – das soll mir in New York noch öfter passieren – eine gewisse Entzauberung: Die Brooklyn Bridge mag für ihre Zeit ein Meisterwerk der Ingenieurskunst gewesen sein, ein hinänglich beeindruckendes Fotomotiv abgeben und als Filmkulisse für Romcom-Showdowns dienen;  ich sehe aus der Nähe liebloses Graffitti, Blechabsperrungen und angegrauten Sandstein. Überbewertet. Doch als ich mich umdrehe, breitet sich die berühmteste Skyline der Welt vor mir aus. Mich überkommt dieses neue Gefühl, ein sanfter Guss aus Euphorie, Dankbarkeit und Stolz: Ich bin wahrhaftig in New York. Der Über-Stadt. Metropolis. Und hey, ich komme irgendwie klar.

Die dicken Krückenfrauen sind inzwischen längst weiter vorn; ich seufze und schlurfe in meiner Geschwindigkeit weiter. Immer Schritt für Schritt, wie ein Duracellhase auf Tranquilizern. Manchmal muss ich die Hand beim Rucksackziehen wechseln. Irgendwann geht es langsam bergab. Schritt für Schritt. Und dann, endlich, stehe ich auf der anderen Seite. In your face, New York!

Mit dem iPhone in der geröteten Hand – ich hatte vorher Screenshots der Ausschnitte von Google Maps gemacht – halte ich in einem Getümmel inne, das mit dem in Manhattan mithalten kann. Alles wuselt, nur ich stehe still. Sie strömen um mich herum wie um einen Fremdkörper. Nichts anderes bin ich. Schon wieder, immer noch. Und jetzt? „Nimm einfach den A-Train bis Nostrand“, stand in der Mail. Der gespeicherte Plan verrät mir die nächste Challenge: Jay-Station finden. Die ist dann, ich frohlocke, eine der wenigen in New York mit Rolltreppe.

Nach nicht mal 15 Minuten Zugfahrt ploppe ich irgendwo in Brooklyn aus dem Boden und stehe schon wieder an einer unbekannten, stereotypen Kreuzung. Natürlich stapfe ich zunächst in die falsche Richtung, traue mich aber, vor einem Kebabladen einen Cop zu fragen und drehe wieder um. Inzwischen sind Rücken, Waden, Füße und Hände nahezu taub. In Kopf und Muskeln summt die Erschöpfung, alles ist Watte. Die wollbemützten Gestalten vor dem Liquor Store dringen mit ihren schnoddrigen Sprüchen nicht zu mir durch. Trolleyrucksack und ich rattern die Tompkins hoch, wir müssen von der Fulton bis zur Putnam. Es dauert gefühlte Äonen, bis ich vor einem Mehrfamilienhaus aus dunkelrotem Backstein stehe, im Erdgeschoss ein „Dominican Beauty Salon“, der 25. auf dem Weg hierher. Kurzer Blick aufs iPhone: Nummer 352, Ziel erreicht. Es ist 20 Uhr, es ist dunkel, ich bin fertig. Die Klingel verrät mir hämisch quäkend, dass ich nach ganz oben muss. Mit letzter Kraft wuchte ich die 15 Kilo schmale, rutschige Steinstufen hoch.

Ein großer rothaariger Typ mit Bart, vielleicht so Mitte Zwanzig, reißt die Wohnungstür auf und drückt zur Begrüßung meine wunde Hand. Tut gar nicht weh. Hornhaut. Ich habe es ja gesagt.