Wenn wir jetzt abstürzen, ist es meine Schuld. Obwohl wir uns im Landeanflug befinden, ist eines meiner „electronic devices“ mutwillig eingeschaltet. Mein iPhone, ich muss ein bestimmtes Lied auf Repeat hören: „Agua de Beber“.Die Melodie pulst im Ohr, der Ausblick flauscht im Bauch: Die Sonne ist grad aufgegangen, schwarzgrüne, scharfkantig aufragende Bergkämme zerschneiden pastelldunstige Wolkenschleier. Mein Zeigefinger malt ein unsichtbares Herz auf das Bullauge.

Ich lande nicht irgendwo, ich lande in Rio. In der besonderen Stadt.

In meinem Gehirn öffnen sich ob der rauzarten Schönheit und meiner Erwartungen alle Dopaminschleusen – die erste von vielen biochemischen Glücksduschen. „Rio macht dich jeden Tag so unglaublich glücklich“, konstatiert später im Hostel eine vielgereiste Ägypterin. „Aber ich kann es nicht erklären.“ Ich werde wissen nicken.

Auf dem Flughafen Antônio Carlos Jobim ist es wie überall auf der Welt überklimatisiert, unpersönlich, erinnernswertlos. Und trotzdem gleite ich auf Seligkeit zur Immigration. Während ich fotografiert werde, frage ich mich, ob die Dame am Schalter wohl eine Sammlung strahlender Augenpaare angelegt hat.

Selbst die am Gepäckband immer wiederkehrende Angst, dass mein Rucksack es sich diesmal anders überlegt haben und ohne mich nach Taiwan, Tasmanien oder Timbuktu geflogen sein könnte, ist gegen meine Rio-Euphorie chancenlos. Da rumpelt er auch schon auf mich zu, mein Kosmos. Unförmig und prall wie eine schwangere Spinne. Das Monster hinter mir her schleifend passiere ich die automatische Schiebetür und scanne die Wartenden hinter der Absperrung nach einem Schild mit meinem Namen. Ein bisschen aufgeregt, ein bisschen peinlich berührt.

Weil Rio ja bekanntermaßen zu den gefährlichsten Städten der Welt zählt – ein heißes Pflaster, Raub und Diebstahl, Mord und Totschlag überall – hatte ich vorab einen Shuttleservice gebucht. Spießig, aber sicher. Ich klemme meine Handtasche unter meinem rechten Ellenbogen fest und suche. Links. Mitte. Rechts. Nichts. Kleiner alter Mann, mittelgroßer alter Mann, merkwürdiger jüngerer Mann. Sie alle halten ein Stück A4-Papier hoch. Aber keines deutet auch nur entfernt auf eine drollig verhunzte Version meines Namens hin. Gut, denke ich, es ist ja auch noch früh, besonders für Brasilianer. 7:15 Uhr, ich sollte erst um 7:30 Uhr landen. Der kommt noch. Sitzgelegenheiten gibt es keine, also positioniere ich mich günstig neben einer Säule und starre auf eintrudelnde Schildmännchen.

Nach einer Viertelstunde halte ich es nicht mehr aus und gehe los. Einmal zum Geldautomaten. Außer Betrieb. Wieder zurück. Mein Kopf ruckt hin und her. Rechts. Links. Mitte. Noch immer kein Abholer. Die Handtasche klemmt etwas fester.

7:45 Uhr. Hinter der Absperrung reiben die inzwischen zahlreichen stoisch blickenden Zettelmenschen ihre Schultern aneinander. Wachsend beunruhigt tue ich so, als wäre ich grad angekommen, und catwalke vor der Schiebetür auf und ab. Es werden gesucht: Firmen, Pärchen, Businesskunden. Aber nicht ich. Alle schauen mich an, ich werde rot und meine Hände klamm.

8:00 Uhr. Ich stehe wieder an meiner Säule und versuche, mich in irgendein Wifi einzuloggen. Vergebens. Der Screenshot meiner Reservierung zeigt mir eine Telefonnummer. Doch ohne Skype und funktionierende Simkarte ist sie nutzlos.

8:15 Uhr. Ich fluche murmelnd, umstehende Menschen halten zunehmenden Abstand. Die Handtasche baumelt lose an meinem Arm. Tolle Idee mit diesem Brasilien. Geld für ein Taxi habe ich nicht und mein Portugiesisch beschränkt sich auf vier Sätze: „Ich spreche kein Portugiesisch“, „Wie heißt du?“, „Der Berimbau ist ein brasilianisches Musikinstrument“ und einer arg versauten Sache, die mir hier nicht mal im äußersten Notfall nützen würde. Obwohl.

8:30 Uhr. Ich sitze auf meinem Rucksack und zwinge mich zur Besonnenheit. Meine Handtasche steht auf dem Boden. Ein älterer Herr mit rahmenloser Brille kommt auf mich zu. Er spricht mich auf Portugiesisch an und ich kontere mit Satz 1. „Español?“ fragt er daraufhin. „SÍ!“ Er ist ein Schildmännchen, wartet auf zwei Franzosen und ich sei ihm aufgefallen, weil ich so verloren rumirre. Wir machen einen Deal: Ich helfe ihm bei der Kommunikation mit seinen Fahrgästen, er fährt mich bezahlungslos zu meinem Hostel. Zufrieden kehre ich zu meiner Säule zurück.

Ein anderer älterer Herr – weiße Haare, weißes Hemd, rahmenlose Brille – fragt mich wenig später auf Englisch, ob alles ok sei und warnt mich vor Rios allgegenwärtigen zwielichten Subjekten wie möglicherweise dem anderen rahmenlos bebrillten älteren Herrn. Er ruft für mich im Hostel an, aber da weiß man von nichts, und beruhigt sich erst, als der andere ältere Herr ihm seinen Ausweis zeigt. Tudo bem.

Schließlich kauere ich mich auf dem Rücksitz eines bis zum Gefrierpunkt runtergekühlten Kia in meinen Schal. Über 24 Stunden ohne Schlaf, meinen Kopf gegen die Scheibe gelehnt, döse ich ein. Die Franzosen und das Schildmännchen (er heißt Artur) brauchen meine Hilfe nicht. Sie kommunizieren, irgendwie, auf Italienisch, Spanisch, Portufranzösenglisch. Wir rauschen über Autobahnen, vorbei an graffittiverziertem Beton und durch lange Tunnel. Steile Berge ragen überall vereinzelt mitten in der Stadt auf; an ihren Hängen hat jemand ganze Kisten mit verschachtelten Spielzeughäuschen ausgeschüttet. Favelas. Im Radio läuft „País Tropical“. Meine Lider senken sich. Der unendliche Stau entgeht mir fast. Dass wir die Franzosen schließlich in Barra absetzen, merke ich gar nicht mehr.

Ich werde erst wieder wach, als Artur mich anspricht. Seine Stimme klingt ein wenig wie die von Goofy. Er will die Hausnummer des Hostels wissen und ich krame in meiner offenen Handtasche nach meinem iPhone. Da. „Rua Cupertino Durão 56“. Als ich mich aufsetze, sehe ich das hellgraugrüne Meer. Und bin plötzlich ganz wach. „Kannst du eben anhalten? Ich würde gern ein Foto machen!“ Artur grinst und lässt mich aussteigen. Und dann stehe ich in Ipanema auf dem schwarzweißen Pflaster der Promenade, im Fahrtwind eines halbnackten Skaters. Der Dopaminschauer schwemmt allen Ärger weg. Ich bin in Rio, jetzt ist alles gut.