„Wieso spricht die kein Portugiesisch?“ Der 10-Jährige mit dem Fake-Brilli im Ohr verschränkt die Arme und glotzt zur Betreuerin neben mir. „Die“, das bin ich und ich spreche in der Tat kein Portugiesisch, wohl aber Spanisch und ich habe gerade genug verstanden, um einen Anflug inneren Trotzes zu spüren. Pass‘ mal auf, du kleine Ratte, „die“ ist zäh! 

Vor mir haben sich gut 20 hyperaktive Kinder versammelt. Die jüngste, Milleny, trägt Windeln und Schnuller und sonst nichts; die beiden ältesten, Stefanie und Vitor, sind 13 und knutschen.

Und die wollen jetzt alle von mir bespaßt werden. Oder sich weiter kloppen wie die frontzahnlosen Zwillinge Samuel und Ismael hinten links.

Zäh, so dämmert mir, wird hier nicht reichen.

Mein Gutmenschtum, das mich so rechtschaffenheitstrunken hierher geführt hat, ist offenbar gerade Kuchen essen. Ich stehe verunsichert im Centro Comunidade, oben in Rocinha – einer gigantischen Favela in Rio – wo ich in einer muffigen Rumpelkammer zwischen zerfledderten Bilderbüchern und einäugigen Puppen auf staubigen Jiu-Jitsu-Matten mit Kindern tanzen soll. Dreimal pro Woche. Die, die sich nicht treten und boxen, starren mich an. Ich starre zurück und kann nichts sagen.

Mhm. Läuft super.

Natürlich hatte ich mir vorher Gedanken über meine Aufgabe als Freiwillige gemacht. Und konstatiert, dass mich rein gar nichts darauf vorbereiten können würde. Deshalb bin ich ohne Plan 30 Minuten in Rios Hitze die Estrichgassen Rocinhas hochgestiegen. Immer am dampfenden Kanal aus Scheiße entlang. Vorbei an dauerhaft improvisierten Shops mit Verkaufstheken aus Bierkästen. An Gemischtwarenlädchen mit ungekühlter, fliegenbeschwarmter Fleischauslage, Beautysalons mit Plastikblumengirlanden und schäbigen Kneipen. Hindurch unter dicken Stromkabelwürsten, die hier fast bis auf Kopfhöhe herunter hängen und ob ihres Umfangs das wenige Tageslicht schlucken.

Müllwasserfall in Rocinha
Haufenweise Müll. Aber eben genau so viel Liebe in Rocinha.

Ein Slalom vorbei an Hundekacke, willkürlich aus dem Boden ragenden Abwasserrohren, benutzten Slipeinlagen, Plastikbechern, Straßenkatzen und hin und wieder shirtlosen Typen, die schwitzend Kühlschränke, Matratzen oder Säcke mit Eis auf ihren Rücken durch die Gänge schleppen. Irgendwas tropft in Rocinha immer von oben, auch wenn es nicht regnet. Und über allem liegt der Gestank von Müll; von Feuchtigkeit, Fäkalien und Feuer.

Jetzt stehe ich also hier oben und höre mich in gebrochenem Portugiesisch sagen: „Ich spreche kein Portugiesisch, weil ich aus Deutschland bin. Und da sprechen die Leute Deutsch. Sprichst du Deutsch? Nein? Englisch? Eben. Wir müssen uns in der Mitte treffen, wenn wir miteinander reden wollen. Dazu brauche ich eure Hilfe. Geht das klar?“

Ein Mädchen aus der zweiten Reihe, löchriges Hello-Kitty-Shirt, sie ist vielleicht 8, schiebt sich nach vorn, nimmt meine Hand und flüstert: „Ich will ganz schnell Englisch lernen, damit ich mit dir sprechen kann.“ Und mir ist bis ins letzte Molekül hinein klar, dass das hier exakt richtig ist.

Einen Monat ist das her. Inzwischen springen mir Kamilly, Milleny, Antonio und die anderen quietschend auf den Arm, wenn ich ankomme. Die älteren begrüßen mich mit Küsschen. Sie alle nennen mich „Teacher“.

Unkonzentriert und ungezähmt sind sie noch immer. Wenn sie sich langweilen, jagen sie sich. Aber es gibt zwischen den illegal aufeinandergestapelten Häuschen keine Spielplätze – wo sollen sie also sonst hin mit ihrem Bewegungsdrang? Mittlerweile beherrschen alle die kurze Choreografie, die ich mir für sie ausgedacht habe – drüben, auf unserer Hosteldachterrasse in der gepflegteren Nachbarfavela Vidigal. Herzklopfen hatte ich, als ich sie ihnen das erste Mal zeigte. Was, wenn sie scheiße finden? Aber sie fanden sie „legal“, brasilianisch für toll, und haben hart geübt; die Jungs noch engagierter als die Mädchen. Als alle das erste Mal gemeinsam tanzten, jubelten sie hinterher. Mit mir.

Heute ist mein vorletztes Mal in Rocinha und obwohl ich weiß, dass ich nach den zwei Stunden wieder verschwitzt, verdreckt und völlig fertig ins Hostel krieche, bin ich wehmütig. Wir haben nicht nur zusammen getanzt, wir haben getobt, gelacht, gespielt, geknuddelt. Gesungen und gerappt. Fanboy Matteus was von Jay-Z und ich im Gegenzug Fettes Brot, unterlegt von nicht enden wollendem Kinderlachen, weil Deutsch für sie so ulkig klingt und ich ein lausiger Rapper bin. Aber ein guter Clown, der sorglose Minuten verschenkt. Und sie dabei selbst gewinnt.

Zeit, mich zu verabschieden. Wir stehen im Kreis, als sie unvermittelt eine Wunde aufreißen.
„Hast du Kinder, Teacher?“ fragt Vitor.
„Nein“, sage ich.
„Willst du welche?“
„Ich kann nicht.“
„Wieso nicht?“
Statt einer Antwort hebe ich mein Shirt und zeige die Narbe, die quer über meinen Bauch geht.
Sie schauen mich an. Die Narbe. Wieder mich.
„Was ist passiert?“ fragt Leticia und legt ihre kleine Hand in meine.
„Krebs“, sage ich.
„Krebs?“
„Ja.“
Sie umarmt mich. Und dann umarmt mich auch Vitor. Und Matteus. Und Marcel. Und Stefanie. Und Kamilly. Alle. Wir sind ein Menschenknäuel mit mir in der Mitte. Eine Minute, gefühlt wie ein Jahr. Selten habe ich so gekämpft um meine Tränen zu schlucken. Ich gewinne. Knapp.

Diesen namenlosen Schmerz hatte ich am Montag, den 28.02.2011 gegen 7 Uhr morgens in den Klinikschrank gehängt, im Tausch gegen das hinten offene OP-Hemd mit Streublümchenmuster und die Tür anschließend für immer fest verschlossen. Dachte ich.

Als hätte er meine Gedanken gespürt, löst sich Gustavo, der mit dem Fake-Brilli im Ohr, als erstes und formt mit seinen Händen ein Herz. In diesem Moment leuchtet in meiner Seele ein ganz deutliches Wissen auf: Ich kann keine biologischen Kinder mehr bekommen, aber ich kann Herzenskinder haben. So viele, wie ich will.

Und um das zu verstehen, braucht man gar kein Portugiesisch.