„Beijam! Beijam! Beijam!“ Die Menge um uns johlt im Takt. Der Mann im Minnie-Mouse-Kostüm hält mein Handgelenk, führt meine Finger an seine nackte Sportlerbrust und sieht mich flehend an. Zungenküssen soll ich ihn, sonst schmerzt sein Herz. Ich kenne das Spiel, ich spiele nicht zum ersten Mal mit. 

Aber er ist nicht mein Typ. „Beijam! Beijam!“ Meine Begleiterinnen sind Antarctica-Dosenbier holen, von ihnen ist keine Hilfe zu erwarten. Ich hauche dem Mäuserich ein Alibi-Küsschen auf die Wange – Gruppdendruck ist mir egal – und winde mich geübt aus seinem Klammergriff. Buh-Rufe und sein „Linda, por que?“ klingen mir nach, als mich die Masse wieder absorbiert. In weniger als zwei Minuten küsst er eine andere. Karneval in Rio.

Wir, ein paar Mädchen aus dem Hostel und ich, sind auf einem Bloco an der Promenade Ipanemas, einem gigantischen Straßenfest um stundenlang spielende, sich langsam fortbewegende Sambatrommler – dem eigentlichen Bloco – herum. Die Männer hier sind entweder oben ohne oder in Frauenklamotten, am liebsten aber beides. Nur Touristen tragen Oberbekleidung. Die Frauen hingegen sind Nonnen, Bräute, Engel, Schmetterlinge. Fastdress-Kostüme von Lojas Americanas oder aus dem Billig-Shopping-Labyrinth im Centro.

Ich zwänge mich durch schweiß- und bierbenetzte Sixpacks hindurch. Auf dem karnevalsstrapazierten Strand und der sechsspurigen, komplett gesperrten Avenida Vieira Souto ist gerade genug Platz für die Millionen von Berauschten, die sich im 32 Grad feuchtwarmen Rio mutwillig die Vernunft wegtrinken, -singen, -tanzen, -knutschen und die mit Jecken so viel gemeinsam haben wie Gisèle Bündchen mit Carolin Kebekus.

Wir treffen uns bei der pausierenden Bateria wieder, hier ist mehr Luft zum Atmen. Gegenüber stiert ein Typ im Hawaiiröckchen ins Nichts, Augenblicke später kotzt er druckvoll zwischen die Trommeln. Es ist 16:30 Uhr am Rosenmontag. Der cariocarnevaleske Wahnsinn jongliert schon seit über einer Woche mit uns. Uptempo. Gegen 7 ins Bett, bis 14 Uhr schlafen, mühsame Wiederherstellung, zu irgendeinem Bloco, eskalieren. Mein Schlafrhythmus hat einen neuen Puls. Samba.

Und der sorgte vergangene Nacht im Sambódromo fast für eine Herzplosion.

Unsere Karten für das klassische Karnevalsspektakel kaufen wir gegen viertel vor eins bei Schwarzhändlern. Nach einem fast einstündigen Machtspielchen zahlen wir 50 Real für Setor 7, direkt gegenüber der Jury. Von dort sehen wir drei Sambaschulen, mehr hätten meine ausgefeierten Synapsen ohnehin nicht aufnehmen können. Jede Schule hat ein Thema, Unidos da Tijuca widmen sich in diesem Jahr beispielsweise dem „Verzauberten Deutschland“ (irgendwas mit Thor, Goethe und Schwarzwälder Kirsch), wir sehen sie noch von hinten. Um die 3000 bis 5000 Menschen und bis zu acht Karnevalswagen pro Sambaschule haben gut eine Stunde Zeit, um die 700 geraden Meter durch das Sambódromo zu desfilieren. Das sagen die Fakten.

Was sie nicht sagen: Ich habe noch nie etwas so umfassend Überwältigendes erlebt.

Unendlich nachströmende Reihen regenbogenschillernd kostümierter Menschen tanzen singend durch Flitterkaskaden; bei jedem beinahe grotesk detailverliebt geschmückten Festwagen beiße ich mir Entzückensseufzer schluckend in die Faust. Ich bin im sexy Glücksbärchiland. Und höre Musik, die so energiegeladen ist, dass sie wie Elektrizität von Mensch zu Mensch springt. Die Luft surrt, die Moleküle schwingen anders. Und immer, wenn die Bateria vor der Jury – und damit auch vor uns – stehenbleibt, schwebe ich zwei Millimeter über dem Betonboden. Meine Augen sehen die Champions League für Fantasie, Musik und Kreativität. Mein Gehirn sieht Sterne. Mein Herz sieht… ja, Liebe. Ich schreie und klatsche, ich lache, ich tanze mit Gänsehaut.

Sambodromo
Ja, so sieht Lebensfreude gegen 4:30 Uhr aus.

Wir wanken morgens entrückt nach Hause. Schweigend. An der Copacabana steigen wir spontan aus dem Bus, dem herrlichsten aller Sonnenaufgänge entgegen. Der gesamte Himmel ist in obszön sattes Pink getaucht. Ich glaube, er glitzert sogar. Wir rennen in Unterwäsche ins Meer und lassen uns von den Wellen fast ausziehen. Salz in den Augen ist nicht der einzige Grund für Tränen. Ich fühle mich schmerzhaft lebendig.

„Oba, gatinha…“ Jemand kippt mir Bier über den Fuß. Bloco. Schon wieder greifen Hände nach mir, jemand zieht mich zu sich. „Um beijo?“ fragt ein brasilianischer Adonis, höchstens 21. „Não, gracinho“. Heute nicht. Mein mühsam geschminktes Make-Up soll nicht verwischen. Leben und Tod – das ist mein Kostüm. Aber es ist keine Verkleidung. Die Angst vor dem Tod ist ein tröpfelndes Toxin, das Leben ist mein Gegengift.

Mitten zwischen all den wirbelnden Narren steht plötzlich ein unmaskierter Gedanke und schaut mich an. Seine Ruhe kontrastiert mit der bierseligen Bewegungsunschärfe. Stille erstickt den Lärm. Und ich WEISS auf einmal, warum ich mich seit zwei Jahren in jedem Augenblick verlieren will. Warum ich zu keiner Gelegenheit nein sage. Warum Glück mich immer auch traurig macht: Ich nehme permanent Abschied.

Ich trauere in jedem Moment um den Moment.  Ich klammere mich unbewusst verzweifelt an jeden Augenblick. Vielleicht bin ich ja zum letzten Mal glücklich. Zum letzten Mal gesund. Zum letzten Mal lebendig. Der sanfte Handabdruck des Todes auf meiner Schulter ist wie ein eisiges Brandmal. Ich werde es nie wieder los.

„Darf ich dich darauf hinweisen, dass du keinen Krebs mehr hast und wir alle sterben?!“ fragte mich eine einstige Freundin genervt.

Ja. Mir fällt das gemeinhin übliche Verdrängen dieser Tatsache nur leider etwas schwer. Noch immer. Und man weiß ja, dass Krebs manchmal ein bisschen wie Inspektor Columbo sein kann. Aber so geht es auch nicht weiter. Ich kann nicht mehr an zwei Enden gleichzeitig brennen. Ich will keine Närrin mehr sein. Ich muss loslassen. Darauf vertrauen, dass es noch genug Momente geben wird. Und dass die, die waren, Teil von mir sind. Ich werde sie mitnehmen. Überall hin. Der Gedanke nickt und wendet sich zum Gehen. Ich habe verstanden.

Die Trommeln setzen wieder ein. „O coração bate ao ritmo da bateria – das Herz schlägt im Rhythmus der Bateria“, lacht ein wunderhübscher Dunkelhaariger mit Dreitagebart und tanzt lockend an mir vorbei. Ich schüttle den Kopf und drehe mich weg. Mein Herz sucht seinen eigenen Beat. Ich ziehe den kleinen schwarzen Hut aus meinem Haar, werfe ihn zwischen leere blaue Bierdosen und fahre per Mototaxi ins Hostel, lasse meine Finger frei im Luftstrom fliegen. Ich will schlafen.

Es gibt keinen Rhythmus ohne Pausen.

(Pssst! Nachtrag – Meine diesjährige Lieblingsbateria: http://www.youtube.com/watch?v=GJZQ4sJzRTI)