„Ja, Baby – das Kap-Wetter ist launischer als jedes Model“, sagt Hostelbarkeeper Lucas, als ich zum dritten Mal umgezogen an ihm vorbeigehe. Ich performe einen Catwalk bis zur Tür. Lucas pfeift und ich starte kichernd meinen Spaziergang. Vormittags hielt mich platternder Herbstregen im Zimmer gefangen, inzwischen glitzert die Sonne über dem Tafelberg. Trotzdem friere ich ein wenig – in Afrika. 

Aber eigentlich ist Kapstadt gar nicht Afrika. Dafür ist es viel zu cool – nicht nur die Temperaturen.

An der Kreuzung, an der die Kloof Street in die Long Street übergeht, wallt von hinten plötzlich ein ohrenbetäubendes Grollen auf. Als ich mich umdrehe, sehe ich schätzungsweise 30 Spätteens die Kurve hinabskaten. Karohemden, Vans, Wollmützen, Handykameras. Neben mir blickt ein sonnenblondes Mädchen im kurzen schwarzen Jerseykleid nur kurz unter ihrer ganz ähnlichen Wollmütze auf und dann gleich wieder auf ihr iPhone5. Ein uniformierter Schwarm lauter Too-Cool-For-Schools, hier nichts Besonderes.

Ich drücke meine eisigen Daumen durch die dafür vorgesehenen Löcher an den Bündchen meiner Fleecejacke und biege am „Cats and Moose Backpackers“-Hostel in die Long Street – der fast vier Kilometer langen Hauptschlagader von Cape Towns „City Bowl“. Vor dem Klettertourladen „Abseil Africa“ hat sich ein Pulk Kerle Anfang Vierzig versammelt. Auf der Suche nach einem „crazy Adventure“, wie das Schaufenster es anpreist. Auf der Flucht vor dem Älterwerden, wie es ihre tiefen Surffältchen, Sneakers und Rip-Curl-Hoodies verraten. Kapstadt, ein großer Jungsspielplatz.

Und ein Mode-Metropölchen für Mädchen. In Shops wie „Mememe“, „Strato“, „Second Time Around“ und „Sitting Pretty“ jobben vorrangig Ex-, tatsächliche oder Wannabe-Models, Fashion-Design-Aspirantinnen. „Everybody thinks, working in Fashion is sooo glamourous. It’s not. It’s fucking hard work, it eats up your life“, schnattert Nachwuchs-Designerin Rani mit gedehntem südafrikanischem Akzent, während ich stirnrunzelnd durch die Pannesamtkleider mit Goldkreuzchenmuster browse. Daneben reihen sich Bart-Simpson-Shirts, College-Jacken und Pullis mit Flausch auf den Schultern auf. Ich fühle mich unangenehm zeitmaschiniert und schlüpfe zurück auf die Long Street. Allerdings erst, nachdem Rani auf den Summer gedrückt hat, denn fast alle Läden hier haben eine Gittertür. Zur Sicherheit, wie mir Verkäuferinnen mehrfach erklären. „Pleeeasure!“ ruft mir Rani auf mein gemurmeltes Danke hinterher.

In diesem Moment schlurft ein mit den Jahren in sich zusammen gesunkener Schwarzer an der Tür vorbei – alterslos, zahnlos. Obdachlos. Zum Schutz gegen den Regen hat er einen Müllbeutel zur Jacke umfunktioniert. Das ist der echte Street-Style – aber den will in Kapstadt keiner sehen. Eine Frau nimmt meinen betrübten Blick wahr: „Don’t be sad. If you give them something, they go and drink.“ Ich schüttele knapp den Kopf und gehe weiter.

Da, Ein Rip Curl Shop. Natürlich. Die Püppi im Schaufenster trägt mintfarbene Jogginghose mit passendem Schal und abgestimmtem Hoodie. Daneben ein kopfloser Plastiktyp in Neopren und ein paar Bretter, die für viele hier die Welt bedeuten.

Aber die Long Street ist nicht nur Shoppingmeile für Skater und Surfer, sondern auch Hostelhochburg, Fressallee mit überdurchschnittlicher Burgerbeteiligung, Café- und Barparcours gleichermaßen. „Bob’s Bar“ beispielsweise ist ziemlich groß. ramschig und erinnert mit schon vormittags hämmernden Charthits an die Läden auf der Bourbon Street in New Orleans. In Schuppen wie diesem können sich mehr oder weniger coole Kids aus der ganzen Welt mit Schnäpsen für umgerechnet 45 Cent gegenseitig auftauen.

Schon wieder dieses Grollen, der Skaterpulk nutzt einen autofreien Moment in dieser Einbahnstraße und donnert zum zweiten Mal an mir vorbei. Diesmal mache ich schnell ein Foto, das glaubt einem ja sonst keiner. Da ich die in Kamera nun schon mal meinen kalten Händen habe, fotografiere ich auf meinem Heimweg halbherzig ein paar der bunten, viktorianischen Häuser, die sich scharf kontrastierend zwischen zweckmäßige Neubauten quetschen.

Die Sonne zieht sich ein Wolkendeckchen an, fröstelnd schiebe mich auf dem schmalen Bürgersteig an heimeilenden Anzugträgern vorbei. Vor dem Schaufenster des Shops „African Art Collection“ erwäge ich kurz den Kauf einer Straußeneilampe. Aber dann fällt mir doch niemand ein, dem ich dafür ausreichend Hass entgegenbringen würde. Außerdem habe ich kein Geld für Schnickschnack.

Es ist kurz vor 18 Uhr, die Geschäfte schließen. Jetzt muss ich schnell nach Hause. Vor Einbruch der Dunkelheit, sonst ist es allein nicht sicher für mich. Auch nicht in der Innenstadt. Ich schaffe es gerade noch, die untergehende Sonne begießt die Wattewolken um den Tafelberg mit Orangensaftlicht. Ich kichere. Hier hängt die klischeeklassische Model-Mahlzeit am Himmel. Dann sehe ich kurz nichts mehr, kalter Wind pustet mir die Haare ins Gesicht. Aber Samstag werden es 27 Grad, dann kann ich endlich wieder nur im Pulli raus.

Und der ist nämlich nicht von Rip Curl.