Ich bin ein Fremdkörper. Mit Mütze, Wollpulli, Jacke und Schal mäandere ich durch die Straßen meines Viertels. Hamburg-Schanze statt Rio und Buenos Aires. Es ist Ende Mai, es sind 17 Grad und ich friere Innen und Außen. Nach sechs Weltreisemonaten fremdeln wir, meine Heimat und ich. 

Ein halbes Jahr ist viel Zeit für einen Szene-Stadtteil. Und so stolpere ich auf meinem Spaziergang immer wieder über die Knochen, die eine gierige Gentrifizierung auf Fresstour liegen ließ.

Die Bar „Dune“ – Prinz Top Location 2007 bis 2013 – neben Budni in der Schanzenstraße, hat dicht gemacht. Ich erkundige mich bei Achilles, dem Peruaner mit dem griechischen Namen, aus dem Ramschladen nebenan.

„Ist schon seit Monaten zu. Da kommt was anderes hin.“
„Gut. Ich mochte die Bar nie. Nur Spackos. Was soll denn da jetzt rein?“
„Klamotten.“
„Toll! Haben wir hier ja noch gar nicht.“
Wir lachen unisono. Nach der Zukunft des Ladens, in dem er jobbt, frage ich lieber nicht.

Nebenan ist die Holztür zu meiner Abkürzung Richtung Penny sichtlich neu, riecht aber schon amtlich nach Urin. Ich muss lächeln. Some things never change.

Dann komme ich an den Pferdemarkt und erstarre: Die Gentrifizierung hat meine Videothek verputzt! In Zeiten des Downloads mag es überraschend sein, dass dieser Laden es überhaupt bis 2013 geschafft hat. Mich macht es trotzdem traurig. Ich mochte die Videothek nämlich. Ich mochte die sorgfältig nach Themengebieten aufgereihten DVD-Hüllen, die kleine Pornoabteilung, das permanente Hintergrunddüdeln des Daddelautomatens. Mir gefiel es, mit mehreren Schildchen in der Faust über den Filzteppich zu schleichen, mich noch dreimal umzuentscheiden, neue Schildchen in meine Handfläche zu legen und von der Solitär spielenden alten Schachtel an der Kasse bei Nachfragen unwillig mit „Is‘ in Regal sechs. Wenn er da nich ist, ham wir ihn nich.“ angegrunzt zu werden. Mir gefielen die Kiste mit ranzigen Snickers und altem Karamellpopcorn und meine Mitgliedskarte aus Plastik. Ja, diese Videothek war sogar der einzige Ort, an dem ich fast schnittfesten Nikotingeruch nicht angeekelt ertrug, sondern beinahe mochte. Eine 80er-Zeitblase. So etwas gibt es nicht im Internet.

Jetzt stehe ich mit Eishänden in meinen Jackentaschen vor pinken Plakaten, die hysterisch-happy die Eröffnung einer Filiale von „Kauf Dich Glücklich“ anpreisen und Nieselregen verbiegt meine Haare zu Ringeln. Zum Shop-Opening gibt es ein Live DJ Set und einen Berliner Eiswagen, verkündet bonbonbunter Druck neben dem halb abgekratzten „Video Aktuell“-Aufkleber. Hipster auf dem Vormarsch: Auch der Edeka-Markt Schanzen Express mit den studentenfreundlichen Öffnungszeiten gegenüber soll gerüchtehalber bald zumachen und einer erweiterten Verkaufsfläche von American Apparel weichen.

Wenigstens der Wirbel um Zoo Dabelstein, der mich auf der Reise via Facebook erreichte, ist offenbar nicht akut. Die Tierhandlung soll angeblich Nike weichen, doch der Sohn des Besitzers erzählt mir beim Katzenstreukauf: „Bis mein Vater in Rente geht, passiert hier gar nichts. Das sind noch zwei Jahre.“ Und dann? Schulterzucken. „Meine Brüder und ich haben ja alle auch noch richtige Jobs, von uns will das keiner machen.“ Schweigend blicken wir auf die Scheibe mit dem goldenen Schriftzug „40 Jahre Zoo Dabelstein – von 1967 bis 2007“. Ich zahle zügig und gehe weiter das Schulterblatt hoch. Auch das „Nailstudio 43“, Motto „Dünner, schöner, besser“, steht leer. Hier wallt jedoch eine Spur Gönnung in mir auf: Beim Einlösen eines Geburtstagsgutscheins verpasste man mir dort 2010 mit rabiater Pediküre nämlich eine fiese kleine Nagelbettentzündung.

Auf der Stufe vor dem verrammelten Obst- und Gemüsehändler „Didar“ an der Ecke Schulterblatt/ Susannenstraße hockt das Klischee eines Seemanns und stimmt sein Saiteninstrument. Der weiße Vollbart wallt bis auf die Brust, sein Gesicht leuchtet lebkuchenbraun, auf seinem Kopf prangt eine Bilderbuch-Kapitänsmütze. Den habe ich noch nie gesehen, der ist neu in der Schanze. Aufs Stichwort kommt mir mein altbekannter Hinz&Kunzt-Verkäufer entgegen und nickt mir nach sechs Monaten knapp zu, als wäre ich nie weg gewesen.

Seebär
Für kurze Zeit dachte ich, ich sei in einem Seebärenfilm gelandet. War aber nur ein Straßenmusiker vor dem geschlossenen Gemüseladen.

Auch die Obdachlosen auf der Treppe der Roten Flora sitzen noch auf ihren Matratzen, acht an der Zahl. Wenn ich nicht schnell einen Job finde und das Arbeitsamt mir nicht zügig das Geld überweist, sind es vielleicht bald neun, sinniere ich melodramatisch. Neben der Flora wirkt das Haus 73 sauber und frisch eierlikörfarben gestrichen; nachts stehen hier neuerdings zwei grimmige Türsteher vor einem lächerlichen roten Absperrbändchen und sehen seltsam deplatziert aus. Wenigstens, so werde ich in dieser Nacht feststellen, ist im BP1 nach drei Uhr immer noch verzweifeltes Resteknutschen angesagt.

Weiter in Richtung Bartelsstraße. Der Skateshop ist jetzt ein Schnickschnack-Laden namens Santa Susanna: Kerzenständer, Bilderrahmen, Polkadots. Eine Passantin mit sportiver Kurzhaarfrisur spöttelt im Vorbeigehen: „Oh, noch ein neues Geschäft, das keiner braucht.“ Der vierstöckige Rohbau daneben ist fast fertig; ich tippe auf „hochwertige Eigentumswohnungen in angesagter Lage“ und ziehe meine Jacke fester zu. Es riecht nach Bier, das liegt an der neuen Ratsherrn-Brauerei in der Nähe des S-Bahnhofs und trägt sicher zur Angesagtheit der Lage bei.

Aber auch das Karoviertel hat sich verändert. Die Treppen am Platz vorm Knust sind in St-Pauli-Farben rotweißbraun angemalt. Giftgrüne Plakate verraten, dass die Tätowierer von Jungbluth am 21.5. nach 18 Jahren aus der Marktstraße in die Sternstraße gezogen sind. Aus einem Secondhandshop wurde eine Galerie. Im fünfstöckigen Neubau an der Ecke Marktstraße/ Turnerstraße kann der geneigte Loha unten Bio Fair Fashion fürs Gewissen erwerben. Das Eckhaus mit der anarchischen Schrabbel-Kneipe ist abgerissen. Lucky Lucy, der Laden, in dem ich 1995 eigentlich nur Henna für meine Haare kaufen wollte und dann zum Entsetzen meines Großvaters („Du landest noch in der Gosse!“) mit einem Nasenring nach Hause kam, ist schon vor meiner Reise dem Multikulti-Café Timbuktu gewichen. Mir kommt eine Armee Baskenmützenmänner entgegen. Sicher ein Jung-von-Matt’scher Mittagsausflug.

Vieles ist anders, vieles vertraut. Menschen verhalten sich nach denselben alten Mustern und merken es nicht mal. Ich bin verstört. „Keine Sorge. Drei, vier Wochen lang ist man unter Schock“, höre ich den Peruaner mit dem griechischen Namen sagen. Schock trifft es gut, denke ich in meiner Küche stehend, und schneide den Videothekenausweis resolut in zwei Hälften.

Das einzig Wichtige, was sich während der Reise verändert hat, bin nämlich ich. Ich muss jetzt nur noch rausfinden, wie.