Ich bin in meinem Hafen. Der Herbstwind wischt mir den Pony ins Gesicht, mit dem übrig gebliebenen Auge sehe ich dem Schiff nach und ziehe meinen Schal fester. „Hamburg Süd“ steht auf einem der weißgrauen Metallcontainer. Die habe ich zuletzt in Buenos Aires wahrgenommen – aber da hieß der Fluss nicht Elbe, sondern Rio de la Plata. Als im März mein Herz beim Anblick der Hamburg-Container für einen Wimpernschlag aussetzte, löste sich der klemmende Zuhause-Schalter in meinem Herzen. 

Es ist ein Jahr her, dass ich auf Weltreise ging. Am 31. Oktober 2012 begann mein Abenteuer in New York mit Hurrikan Sandy. Es endete am 10. Mai 2013 in Hamburg mit einem emotionalen Zyklon.

Dazwischen lagen sechs lebensdurstige Monate mit allem – und scharf.

Aber der Mensch, der ich bin, brauchte genau diesen Trip – und nicht sechs Wochen Kurklinik St. Peter Ording umringt von kranken 70-Jährigen. Denn der Krebs hatte mir nicht nur Körperliches genommen; er hatte mir auch das Vertrauen geraubt – darin, dass sich Dinge irgendwie finden. Dass ich einen gewissen Einfluss auf mein Leben habe. Dass alles gut werden kann.

Ich war Angst.

Und dann konfrontierte mich diese Reise ungerührt und unaufhörlich mit zu bewältigenden Situationen – mit Trolley-Rucksack über die Brooklyn Bridge marschieren, vor einem gruseligen Couchsurfing-Host fliehen, auf Kuba Unterkunft und Internet finden, in Rio ohne Kreditkarte klarkommen und voll wie 1000 Russen nachts um vier allein aus der Favela Cidade de Deus nach Hause gelangen, in Capetown mit Sneakers und Handtasche auf den Tafelberg klettern, Surfen ohne von Haien gefressen zu werden. Zum Beispiel.

Buenos Aires in Hamburg.
Manchmal sieht Hamburg verdächtig nach Buenos Aires aus.

Das alles hat Mut und Zuversicht in meinem Herzen wachsen lassen. Ich hab’s immer geschafft. Irgendwie. Und so das Gefühl zurückgewonnen, dass ich zumindest partiell auf mein Leben einwirken kann. Dass ich oft Glück habe. Dass alles gut wird – wenn auch nur momentweise. Und dass das vollkommen reicht.

Reisen kann Seelen heilen.

Aber die Rückkehr hat geziept wie ein Pflaster, das man zu langsam abreißt. Ich war plan- und orientierungslos – der kleine Nachteil von „alles auf null“. Und der erfüllte Lebenstraum hinterließ eine Lücke: What the fuck is next? Ich ging mit mir selbst in Klausur. Plante und verwarf, brainstormte und mindmapte mich durch die ganze Wohnung. Und bewältigte auch diese Situation: Mittlerweile habe ich die Jobs, die ich mir gewünscht habe; ich schreibe und studiere. Ich kümmere mich mit um meine pflegebedürftigen Großeltern. Ich fliege auch bald wieder nach Rio. Ich lebe, ich liebe, ich bin glücklich. Jetzt. Es ist nicht immer leicht. Und es war ein langer Weg – von und nach Hamburg. Von und zu mir.

Das Schiff gleitet weiter Richtung Elbmündung. Mein Fernweh ist grad ganz klein; ich bin gelandet, hier an den Landungsbrücken. Ein vorbei wankender Mann nuschelt mir durch seinen gelbgrauen Vollbart ein „Moin, Moin, Mäuschen“ zu – am späten Nachmittag. Heimat, das sind immer auch Menschen. Aber Menschen können dich verarschen, verraten, verlassen. Dein Hafen jedoch, hast du ihn einmal gefunden, verlässt dich nie.

Eine Möwe kackt im Flug auf eine der Skulpturen. Ich kichere in meinen Schal. Die Palmen hier sind zwar nur aus Metall. Aber es sind die schönsten, die ich kenne.