Ein Text, den ich im Februar 2014 als Kolumne für NDR.de schrieb, von mir mit weiteren Informationen und Zitaten ergänzt und angepasst. Das Thema ist nach wie vor aktuell. Leider. 

Es ist kalt in Norddeutschland. Als die Familie in Hamburgs Speckgürtel ankommt, hat sie nicht mal richtige Schuhe. Dafür aber Läuse. Wochenlang sind die Mutter und ihre sechs Kinder vor dem Krieg geflohen. Das jüngste Kind und den Vater haben sie unterwegs verloren, wenige Tage vor der Flucht gebar die Mutter ein Kind. Tot. Die Familie landet in einer provisorischen Unterkunft in einer Kita. Die zwölfjährige Tochter wird anfangs von ihrer Mutter betteln geschickt, weil sie die Älteste ist. Und weil sie nicht genug zu essen haben.

Das Mädchen hat sich so sehr dafür geschämt: „Das war furchtbar. Die Leute wollten nichts abgeben, sie waren so geizig. Die Menschen hier waren sehr abweisend, meistens die Reichen. Dabei haben sie genug, alles eigentlich“, ihr Blick wechselt von wütend zu nachdenklich. „Zuhause hatten wir auch genug. Aber dann kam der Krieg.“

Ach, Deutschland und das fiese Flüchtlingsthema. Streit um Bleiberecht, Notlagen, rassistische Kontrollen. Es will der Politik einfach nicht gelingen, zwischen Gesetzbuch und Menschlichkeit zu balancieren. Doch nicht nur die Politik entblößt ein verkrüppeltes Humanitätsorgan. Sondern die Menschen. „Für viele waren wir nur Pack. Die haben uns gehasst. Die waren richtig gemein. Sie hätten uns am liebsten sofort zurückgeschickt. Aber auch ich wollte am liebsten einfach nur wieder nach Hause“, erzählt das Flüchtlingsmädchen von ihrer Zeit als Bettlerin. „Das war aber auch alles so voll, so viele Flüchtlinge waren wir. Die wussten gar nicht mehr, wohin mit uns.“

Natürlich gibt es sie – die vielen Menschen, die ein anderes als ein rein juristisch geregeltes Verständnis von Solidarität und keine Angst vor Wohlstandsverlust haben. Sie schämen sich für die Ignoranz und Intoleranz ihrer Mitmenschen. Sie engagieren sich, spenden, helfen. Aber auch das reicht oft nicht, um Traumatisierten und Entwurzelten einen Start in ein neues Leben zu ermöglichen. Abseits von Krieg, Gewalt und Terror.

„Was der Mensch dem Menschen antut, ich verstehe das nicht.“ Einen Moment lang vergräbt sie das Gesicht in ihren faltigen Händen. Das Flüchtlingsmädchen heißt Elfriede und ist heute 81 Jahre alt. Ihr Zuhause hieß früher Ostpreußen. Seit 1945 heißt es Hamburg. „Ich glaube, dass der Mensch schon so gemacht ist, dass er teilt. Es liegt an jedem einzelnen, ob er was abgibt oder nicht.“

Fragt also mal eure eigenen Großeltern, wie man sich so fühlt als Flüchtling und was sie sich damals gewünscht hätten, wenn ihr in ein paar Tagen gemäß der Tradition des christlichen Abendlandes gemütlich um euren Weihnachtsbaum versammelt seid.

Ja, es ist zuweilen kalt in Deutschland. Das war es schon immer.

Zum kürzeren Originaltext geht es hier.