Ich komme aus dem Wasser und ich kann fühlen, wie sie gucken. Schwungvoll lasse ich mich auf mein Badetuch fallen. Mein Bikini ist zu klein, meine Narben sind zu groß, mir egal. Die Sonne lässt die Wassertropfen auf meiner Haut verdampfen. Für einen Sonnenschirm bin ich heute mal wieder zu geizig. Irgendwo knattert ein Hubschrauber. Ein Eisverkäufer schmettert sein Angebot. Wellen donnern zischend an den Strand und waschen über das Stimmengewirr hinweg. Die Geräuschkulisse hier am Strand von Leblon umfängt mich wie ein Stück Heimat.

Dann ist da plötzlich dieses Surren. 

Es klingt fremd. Heller als der Hubschrauber. Irgendwie … insektisch. Aber deutlich lauter als eine Biene oder Wespe. Libelle vielleicht? Ich zucke gedanklich mit den Schultern. Wird schon weiterfliegen.

Aber es hört nicht auf. Es wird lauter. Dann verharrt es über mir.

Ich drehe den Kopf. Und was ich sehe, lässt mich fast aufspringen. Schräg über mir schwebt wahrhaftig eine Drohne.

Sie ist weiß und hat vier Rotoren. Vorne dran eine Kamera. Sie guckt mich an, jedenfalls wirkt es so. Ich gucke zurück. Eine Drohne am Strand? Was zur Hölle.

Drohnen. Bisher sind sie mir nur auf Veranstaltungen begegnet, als technische Spielerei. Oder in Artikeln und Berichten. Als künftiger DHL-Botenersatz. Oder – und das leider am häufigsten – als ferngesteuerte, fehlerbehaftete Tötungsinstrumente.

Und jetzt kreist so ein Teil über meinem Kopf. Wo vorher Wassertropfen kullerten, kriechen Schweißtropfen über meine Stirn.

Das Ding über mir bewegt sich minimal zur Seite. Ich ziehe die Knie an, umschlinge sie mit meinen Armen und suche die Person am Steuerknüppel. Nach ein paar mal umherscannen entdecke ich ihn: Ein junger Kerl, schätzungsweise Anfang 20, neongelbe Badeshorts, umgedrehtes Cap, orangefarben verspiegelte Sonnenbrille. Neben ihm zwei Freunde und ein deutlich älterer Mann, den ich für seinen Vater halte. Sie wirken wie kleine Jungs, vollkommen fasziniert von ihrem Spielzeug. Sie gucken nicht in meine Richtung. Trotzdem habe ich das Gefühl, von ihnen angestarrt zu werden.

Die Drohne dreht sich ein Stück nach links, immer noch auf der Stelle. Was tut sie da? Fotografiert sie? Filmt sie jemanden? Mich? Oder nur das Meer? Die gesamte Szenerie? Ist es lediglich ein Grüppchen harmloser Technikfreaks, die gemeinsam ihr neues Gadget ausprobieren?

Ich habe keine Ahnung. Und das ist, so spüre ich, der Hauptgrund meines Unwohlseins.

Es ist unangenehm, von einer Maschine beobachtet zu werden. Weil man nicht weiß, was sie bezweckt, was sie mit dieser Beobachtung macht – insbesondere, wer da eigentlich was beobachtet oder auch nicht. Vor allem aber, weil man mit der Drohne nicht interagieren kann. Einem Menschen, bei dem ich das Gefühl habe, er starre mich an, werfe ich einen sehr bestimmten, missbilligenden Blick zu, spreche ihn vielleicht an. Eine Maschine ist anders, unheimlich. Sie ist nicht lesbar. Ich ziehe meine Augenbrauen zusammen und grummele. Die Drohne dreht surrend ab Richtung Volleyballfeld.

Ich bin erleichtert – und ein bisschen ärgerlich, dass ich keine Kamera dabei hatte. Um zurückzuknipsen.

Das ist sie also, diese „Zukunft“. Während ich mich wieder bäuchlings auf mein Tuch lege, denke ich: Vielleicht brauchen wir dann am Strand bald nicht nur Sonnen-, sondern auch so was wie Drohnenschirme.