Ich habe eine Wohnung in Berlin! Leider ist von meiner Devise „Diesmal muss alles hübsch ordentlich sein, sonst läuft nichts“ (such Hybris!) etwa so viel übriggeblieben wie von einem Becher Ben&Jerry’s bei akutem PMS.

Meine neue Wohnung ist – ich denke, das kann man objektiv so festhalten – das, was man landläufig mit dem Begriff „schrabbelige Butze“ bezeichnen würde.

Als der Verwalter bei der Besichtigung fragte „Ist diese Wohnung nicht zu viel … Rock’n’Roll für Sie?“ entriss ich ihm empört die Selbstauskunft. Zu viel Rock’n’Roll? Für mich? Ha! Dass ich nicht lache! Ich habe schon zu Metallica auf Theken getanzt, hatte mal Gitarrenunterricht, verfüge über eine Tätowierung und erwäge, mir die Haare Rot zu färben. Pffft!

Und dann stehe ich eineinhalb Wochen später (rothaarig) nach Mietvertragsunterzeichnung in dieser Wohnung, höre, wie der nette Handwerker schnaubt und schnalzt (unablässig) und alle fünf Minuten „Dit kann man allet machen, dit kostet aber Zweemarkfuffzich“ murmelt und als er mir Preise nennt, wird mir schwummerig.

Und trotzdem strahle ich und bin glücklich. Ich weiß: Es mag etwas dauern, aber hier wird alles gut.

12 Gründe, warum ich meine schrabbelige Wohnung liebe:

  1. Ich kann die Miete bezahlen. Sie kostet kalt weniger als meine jetzige Wohnung in Hamburg, ist aber 20 qm größer. Ha!
  2. Sie ist sehr, sehr hell.
  3. Sie ist freundlich. Wirklich, eine unglaublich freundliche Wohnung, sie sagt sogar guten Tag und auf Wiedersehen! Also, in meinem Kopf.
  4. Sie hat einen Balkon, auf dem ich und eine Kiste Bier bequem Platz nehmen können. Sonst niemand mehr, aber das ist ja dann auch egal.
  5. Sie ist echt groß. Wenn ich im Bett liege, werden meine Füße nicht die gegenüberliegende Wand berühren.
  6. Sie ist nicht im 4. Stock ohne Fahrstuhl. Weniger schleppen und ächzen ftw!
  7. Sie hat ganz zauberhafte Fenster mit wunderhübschen alten Griffen.
  8. Ich kann sie nach meinen Wünschen gestalten. Dafür müsste ich laut Handwerker wohl mindestens eine Niere verkaufen, aber hey!
  9. Sie hat ein magisches kleines Versteck, eine Lesenische, ein Dachkämmerchen. Einen Ort, wie ich ihn mir als Kind immer gewünscht habe.
  10. Sie ist ruhig gelegen und trotzdem zentral.
  11. Es ist das erste Zuhause, das ich mir nach dem Verkauf des Reihenhauses bewusst ausgesucht habe und kein Provisorium – ich komme endlich an.
  12. Ordentlich kann jeder. Meine Wohnung hat Charakter und ich habe eine Schwäche für komplizierte Dinge – für Kanten, Risse, Löcher, für das Unperfekte, Schadhafte, Schiefe und Gelebte. Mit Aufmerksamkeit und Zeit und Liebe wird sie wieder heil und wunderschön.

Manchmal ist eine Wohnung ein bisschen wie ein Mensch.