„Find ich toll, so schön authentisch“, sagt das rothaarige Akademiker-Mädchen und legt aufmunternd lächelnd ihr Händchen auf meinen Unterarm, nachdem ich erwähnt habe, dass niemand aus meiner Familie studiert geschweige denn Abitur hat. Meine Eltern sind Angestellte, meine Großeltern Arbeiter. Und ich bin ein Arbeiterkind.

Da ist es wieder, dieses fast vergessene Gefühl. Dass ich hier irgendwie falsch sei, eben „so schön authentisch“, im Gegensatz zu allen anderen am Tisch, die sind nämlich jemand. Ich hingegen bin so was wie der Hamburger Hafen. Ein Stück fleischgewordene Sozialromantik.

Es gab – zum Glück sehr wenige – andere dieser Momente in meinem Leben. Einer davon war besonders einschneidend, weil er fast meine Zukunft entschieden hätte:

Zu diesem Thema schrieb @amina_you den im Tweet verlinkten, ziemlich großartigen Text auf kleinerdrei.org, in dem sie ihre Erfahrungen als Arbeiterkind an der Uni schildert.

Ich erinnere mich noch an den Augenblick. Es war in einer großen Pause in der Aula, als mir mein gymnasialer Deutschlehrer auf meinen Berufswunsch hin antwortete, ich würde nie Journalistin werden. Das würden schließlich nur Leute mit den richtigen Voraussetzungen und Kontakten. Und die hätte ich eben nicht.

Du bist ein Arbeiterkind, bleib auf deinem Platz.

Und obwohl ich in Deutsch nur Einser hatte, auf meiner Reiseschreibmaschine ständig Geschichten schrieb und davon träumte, in einer Redaktion zu arbeiten und über Menschen und das, was sie bewegt, zu schreiben, glaubte ich ihm. Seine Worte pflanzten einen Zweifel, der zu einem Baum wurde und mir einige Zeit im Weg stand.

Und damit bin ich nicht allein:

Allerdings habe ich auch unterstützende Erfahrungen mit Lehrern gemacht. Ohne meine Grundschullehrerin Frau Reimann zum Beispiel hätte ich nie meine Leidenschaft für Geschichten und die Liebe zu Worten entdeckt. Sie lobte und förderte mich, hörte mir zu, gab mir Selbstvertrauen und half mir, Resilienz zu entwickeln. Ohne sie wäre mein Leben deutlich anders verlaufen. (Danke. <3 )

Insgesamt ist das Bildungssystem in Deutschland laut „Zeit“ aber eher ungerecht: „2012 verglich die OECD die Aufstiegschancen in ihren 34 Mitgliedstaaten (…) In den meisten Ländern verbessert sich der Bildungsstand von Generation zu Generation. In Deutschland jedoch gilt das nur für 20 Prozent der jungen Menschen, im Durchschnitt aller OECD-Staaten sind es 28 Prozent.“ An die Uni schaffen es vor allem Akademiker-Sprösslinge.

Auch Lehrer machen herkunftsbedingte Unterschiede – das legte jedenfalls eine Studie im Auftrag der Vodafone Stiftung Deutschland von 2011 nah. Und sie haben mehr Einfluss auf Kinder, als sie möglicherweise ahnen (mein damaliger Deutschlehrer würde sich sicher nicht an diesen einen Moment erinnern). Im Einzelfall beeinflussen Lehrer komplette Biografien in die eine oder andere Richtung.

Ich, das Arbeiterkind, bin nach einem kurzen Umweg übrigens doch noch Journalistin und Buchautorin geworden. Bäm.