In dem Moment, als ich die Tür öffne, weiß ich es.

Oma stirbt.

Sie liegt auf dem Rücken, ihre Arme rechts und links auf der weißen Krankenhausdecke; sie sind prall, voller Wasser. Ihr Mund steht ein bisschen offen – wie immer, wenn sie schläft. Ihre runde Nase sieht spitzer aus als sonst, ihre Haut ist glatter als ich es erinnere. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich regelmäßig. Doch ihrer Lunge fällt das Atmen schwer; immer wieder tiefes, angestrengtes, rasselndes Einatmen.

„Omi?“, flüstere ich, ich will sie nicht erschrecken. „Hörst du mich?“ Keine Reaktion. Sie schläft tief und fest. „Omilein? Ich bin’s.“ Vorsichtig berühre ich ihre Hand. Nichts. Nur das Fauchen der Luft in ihrem offenen Mund und das Sprudeln des Sauerstoffs im Hintergrund. Ich bin gestern von einer sehr notwendigen Reise zurückgekommen – auch Oma hat darauf bestanden, dass ich sie mache. „Ich weiß, dass du in Gedanken immer bei mir bist. Ich hab dich lieb. Ich hab dich liehieb!“, sagte sie am Telefon und ich konnte nicht ahnen, dass es ihre letzten Worte an mich waren. Als ich losflog, war die Lage lange nicht so dramatisch.

Oma hat auf mich gewartet.

Ich will meine Tasche abstellen und stoße mit dem Bein gegen den Stuhl. Es rummst und sie öffnet die Augen. Sie sind riesengroß. „Todesaugen“ wird der Arzt sie später nennen, aber das weiß ich da schon, ohne es zu wissen. Und ich weiß auch, was ich jetzt tun muss.

„Ich bin hier, Omi. Wie ich es dir versprochen habe. An deiner Seite. Du muss überhaupt keine Angst haben. Mit mir an deiner Seite brauchst du dich vor nichts zu fürchten. Das weißt du doch, oder?“ Ich war schon immer die Starke, der Fels.
Ein kleines Nicken, bevor ihr Blick mit den großen Augen ruhelos im Zimmer umherschweift. Rechts, Links, Decke.
„Hast du Schmerzen, Omilein?“
Sie schüttelt sachte den Kopf.
„Hast du Durst?“
Nicken.
„Na, dagegen kann man doch was tun!“
Ich öffne den Schnabelbecher. „Soll ich mischen, Omi? Halb und halb mit Apfelsaft, wie du es gern magst?“
Nicken.
Ich helfe ihr beim Trinken. Ihre Lippen schließen sich vorsichtig um den Schnabel und sie schluckt, dann sinkt sie erschöpft etwas tiefer ins Kissen.
Ich nehme meinen ganzen Mut zusammen, streiche ihr über das grauweiße Haar.
„Du weißt, was los ist, Omi?“
Ein fast unsichtbares Nicken.
„Okay. Aber ich bin hier, also kann dir nichts passieren. Ich hab dich lieb.“

Die Tür geht auf und ein Arzt kommt rein. „Guten Tag“, sagt er und ich frage mich, was er meint. Und ich denke: Wenn als Angehörige in ein Krankenhaus kommt und den Arzt nicht mühevoll auftreiben muss, sondern er von sich aus erscheint, dann ist es ernst. Also frage ich: „Wollen wir hier sprechen oder lieber unter vier Augen?“ Er überlegt kurz. „Lieber unter vier Augen.“ Wir gehen raus. Vor dem Zimmer erklärt er mir, was los ist.

Oma hatte zwei Infekte, die sie sehr geschwächt haben. Aber das eigentliche Problem ist der Bauchfellkatheter. Er musste zu früh in Betrieb genommen werden, weil Omas Nieren bereits versagt haben. Darum konnte er nicht richtig einheilen – ein Leck entstand. Das Ende der Dialyse. Das Ende von Omas Leben.
„Wir könnten sie jetzt theoretisch noch an die Hämodialyse anschließen. Aber das würde sie nicht überstehen und das wäre auch nicht mehr human.“
Mein Magen verklumpt. Ich weiß, dass er Recht hat. Ich weiß es, seit ich die Tür aufgemacht habe. Ich hole Luft.
„Was würden Sie denn mit Ihrer eigenen Mutter machen?“
„Ich würde sie nicht unnötig leiden lassen.“
Ich merke, wie mein Hals zuschwillt.
„Haben Sie hier eine palliativmedizinische Abteilung.“
Er verneint.
„Arbeiten Sie mit mobilen Palliativdiensten zusammen?“
Er schüttelt den wattig behaarten Kopf.
„Okay. Dann sind Sie also der Mann, der den Weg meiner Oma auf die andere Seite gestaltet?“
„Hm, ja. Wenn man so will…“ Ich glaube, einen Hauch von Güte in seinen Basset-Augen ausmachen zu können.
„In Ordnung. Verstanden. Dann reden wir Klartext: Wie können wir gewährleisten, dass es möglichst schmerz- und angstfrei wird? Was können wir tun? Was kann ich tun? Oma hat sich in den letzten Jahren echt genug gequält!“ Meine Stimme bricht.
Er erzählt was von Morphium und Beruhigungsmitteln und Dämmerzustand und ich weiß es doch auch alles nicht.

Sobald er weg ist, rufe ich bei einem Palliativteam an. Und die erklären mir: Die größten Schwierigkeiten beim Sterben sind Loslassen, Luftnot, Durst, Schmerzen und Angst. Gegen alles gibt es Mittel, nur beim Loslassen hilft nichts.

Das bespreche ich anschließend mit dem Arzt. Er setzt sämtliche Medikamente ab und bereitet Morphiumspritzen vor. Dann rufe ich meine Großkusine an. Jeder, der noch will, soll jetzt kommen. Aber sie waren in der vergangenen Woche alle schon da, Oma hatte jeden Tag Besuch: ihre ehemalige Haushaltshilfe und Freundin, meine Mutter, meine Schwester und ihr Freund, die Schwester meiner Oma, ihre Lieblingsbetreuerin aus dem Heim, meine beiden Großkusinen. Auch Omas Großnichte, die auf der Station nebenan arbeitet, hat in den vergangenen Wochen täglich nach ihr geschaut. „Sie hat sich so gefreut über den Besuch und gesagt ‚Wie schön, dass alle noch mal kommen‘.“

Sie hat es gewusst.

Leise öffne ich die Tür und gehe zurück zu Omi. Sie liegt da und mein Herz brennt. „Hey, Omi“, sage ich. Sie schaut mich an und dann wieder rastlos in der Luft umher. „Der Arzt sagt, wir kriegen das alles hin.“ Ich atme ein paar Mal. „Es gibt richtig schöne Morphiumspritzen. Wie bei deinem kleinen Bruder, weißt du noch? Alles wird flauschig. Ich verspreche dir: Es wird nicht weh tun. Und ich bin hier, an deiner Seite.“ Sie schließt die übergroßen Augen und nickt langsam.

Ich gehe um den Tisch, so hilflos, nehme das Parfüm und sprühe etwas davon auf ihre Decke.„Nur, weil man sterbenskrank ist, kann trotzdem gut duften.“ Auf Eleganz hat Oma stets Wert gelegt. Es ist das Parfüm, das ihre eigene Mutter immer benutzte und vielleicht hätte ich mir etwas dabei denken sollen, als sie es sich vor einigen Wochen gekauft hat.

Kaum hörbar geht die Tür auf, meine Großkusine betritt das Zimmer. Wenig später kommt meine andere Großkusine dazu. Ich müsse das auf keinen Fall allein machen, sagen sie und ich bin ihnen unendlich dankbar. Mit der liebenswürdigen, gütigen, geduldigen Schwester Madleen besprechen wir die Morphium-Dosis. Oma hat ja schon lange Morphin-Tabletten bekommen und braucht daher mehr. „Bitte geben Sie ihr alle zwei Stunden oder so eine Spritze. Das Allerwichtigste ist jetzt, dass sie nicht leidet. Keine einzige Sekunde mehr.“

Und so sitzen wir zu dritt um Omas Bett und erzählen die alten Geschichten. Wisst ihr noch… Damals, als… Oma ist immer mal wach und döst dann wieder weg. Sie ist nicht allein, sie wird geliebt. Die Zeit verstreicht unbeachtet, die Sonne geht unter und der Himmel glüht in allen Farben. Direkt vor Omas Fenster und genau in dem Winkel, dass das Spektakel sehen kann, ohne den Kopf zu bewegen.

Oma nickt nicht mehr, sie kann auch nicht mehr schlucken. Unsere Gespräche verebben. Ich singe das Lied, das Oma mir immer zum Einschlafen vorgesungen hat, als ich klein war und in ihrem Bett schlafen durfte. „Wer steht da draußen und klopfet an? Dass ich die ganze Nacht nicht schlafen kann…“ Dann sind wir still und schauen der Sonne beim Abschied zu.

Es gibt ein Wort dafür. Frieden.

Irgendwann verabschieden sich meine beiden Großkusinen, ich bleibe. Schwester Madleen kommt rein. Bevor sie die höher dosierte Spritze setzt, lege ich sachte eine Hand auf Omas Wange und schaue ihr in die Augen, ganz tief. Sie schaut zurück, sie sieht mich direkt an, dieses eine Mal noch. „Auf Wiedersehen, Omi. Meine Liebe“, sage ich und lächle mit nassen Wangen. Sie schließt die Augen.

Oma und ich sind allein. Ich lege meine Hand auf ihre und rede leise, während meine Tränen immer schneller auf das Krankenhauslinoleum tropfen.

„Ich weiß nicht, ob du mich hörst. Aber ich danke dir für deine Liebe, von ganzem Herzen. Danke, dass du mich großgezogen hast. Ich weiß, dass du gesagt hast, ich hätte es am schwersten, wenn du gehst. Aber mach dir keine Sorgen um mich, Omilein. Ich werde das überstehen. Ich habe schon so viel überstanden. Und du wirst immer, immer bei mir sein, egal, was ich tue, wohin ich gehe. Um Opi musst du dir auch keine Sorgen machen, dem geht’s gut und ich passe auf ihn auf. Es ist alles erledigt, Omi. Wenn du magst, kannst du gehen. Du hast genug gelitten. Du musst auch keine Angst haben. Es ist okay, wirklich. Es ist in Ordnung…“

Die letzten Silben sind ein einziges großes Schluchzen.

Omi atmet gleichmäßig und nicht mehr rasselnd.

Und dann fange ich unvermittelt an zu beten.

„Lieber Gott, ich weiß, wir haben uns lange nicht gesprochen, aber wenn es dich gibt und du nicht sauer auf mich bist – könntest du bitte machen, dass Omis Weg jetzt ganz leicht wird? Sie war ein guter Mensch und hat sehr viel Liebe hier gelassen und es wäre schön…“

Omi schläft jetzt ganz tief und ich werde stumm.

Ich weiß nicht, wie lange ich da so gesessen habe, aber es ist schon dunkel draußen, als eine innere Stimme sehr klar sagt: „Du solltest jetzt besser gehen. Das ist der Moment.“ Ich widerspreche nicht, nehme meine Sachen, ein letztes „Auf Wiedersehen, ich liebe dich“, ein Winken, dann schließe ich die Tür. Es ist in Ordnung.

Meine Zähne tun innen weh vom Weinen und ich kann nicht aufhören und weiß nicht, wie ich den Weg zur Wohnung meiner Schwester, die zusammen mit meiner Mutter nicht in Deutschland ist, finde, aber ich schaffe es, irgendwie. Ich falle ins Bett, nehme eine Schlaftablette, um halb sechs wache ich auf und mache mich fertig, um ins Krankenhaus zu fahren. Als ich den Kaffeebecher abstelle, um loszugehen, klingelt mein Telefon. Es ist die Klinik, es ist 7:29 Uhr. Ich setze mich.

„Sind Sie Frau Jessica Wagener?“
„Ja.“
„Ihre Großmutter ist heute Morgen um zehn nach Sieben gestorben.“
„Okay. Okay. Kann ich sie noch mal sehen und mich verabschieden?“
„Aber natürlich.“

Ich lege auf und rutsche aus dem Stuhl auf die Knie, mein Mund offen in einem stummen Schrei. Dann rufe ich Menschen an, dann sitze ich in einem Taxi, dann stehe ich vor einer weißen Tür in einem Krankenhaus.

Ohne zu zögern öffne ich sie. Omi sieht aus wie gestern, den Mund ein bisschen offen – wie immer, wenn sie schläft. Nur die lachsfarbene Rose zwischen den gefalteten Händen ist anders. Ich setze mich neben sie und schaue sie an. Ach, Omi. Omi, bist du wirklich tot? Ich starre auf ihren Brustkorb. Hat er sich nicht grad bewegt? Ich lege meine Hand auf ihre und sie fühlt sich fast so an wie immer und ich versuche, unser Schlaflied zu singen, aber es geht nicht, weil ich so weinen muss.

Schwester Madleen kommt rein und wünscht mir leise herzliches Beileid. Sie weiß, welche Frage mich aufwühlt, ohne dass ich sie stelle. „Keine Sorge, sie ist nicht mehr aufgewacht, sie hat die ganze Nacht tief und fest geschlafen, ich habe immer wieder nachgesehen. Es war alles ganz friedlich.“ Und sie weiß auch, was mich noch quält. „Manche Menschen können erst richtig loslassen, wenn sie allein sind.“ Mein Dank kennt keine Worte, also umarme ich sie.

Meine Kusine, die in der Klinik arbeitet, kommt rein und umarmt mich. Wir haben uns Jahrzehnte nicht gesehen, aber so fühlt es sich nicht an. Sie erzählt ein bisschen von Omas letzter Woche und wie glücklich sie über den vielen Besuch war.

Wenig später kommt meine Großkusine und hilft mir mit den Anrufen und den Sachen und allem und ich bin so froh darüber, nicht allein zu sein. Dann fahren wir zu Opa ins Pflegeheim, ich will es ihm selbst sagen.

Ich setze mich an sein Bett, nehme seine knorrige Hand. „Opi, du weißt ja, dass Omi sehr krank war.“ Sein Gesicht bewegt sich nicht. „Ich fürchte, ich habe schlechte Nachrichten. Die Oma ist heute früh verstorben.“
„Ach was?“ sagt er knapp und obwohl sein Gesicht ausdruckslos bleibt, liegt Entsetzen in seiner Stimme.
Ich erzähle ihm alles, jedes Detail, ganz langsam und in aller Ruhe.
„Es war friedlich und schmerzfrei und liebevoll. Es gab einen Sonnenuntergang und ich habe für sie gesungen. In ihrem letzten wachen Augenblick war sie nicht allein. Und es hat nicht wehgetan.“
Nach minutenlanger Stille sagt Opa nachdrücklich „Ich habe das gespürt. Heute morgen um sieben bin ich aufgewacht und ich habe das gespürt.“ Ich weiß, dass es diesmal nicht seine Demenz war. Und ich weiß auch, dass wir das ertragen können, als Familie.

Als ich mich am Nachmittag schließlich zurück zur Wohnung meiner Schwester schleppe, komme ich an einer Kleingartenkolonie vorbei. Es ist ein wunderbarer, satter Spätsommertag, die Luft vibriert vor lauter Leben. Das letzte Aufbäumen, bevor im Herbst alles stirbt. Plötzlich höre ich Oma, sehr deutlich: „Sei nicht traurig, mein Kind. Es geht mir gut, gut geht es mir! Ich bin munter und fidel. Ich habe keine Schmerzen mehr. Wenn ich gewusst hätte, wie schön das ist – ach, ich wäre schon viel früher gegangen.“

Es sind Momente wie diese, an denen ich mich ausdrücklich nicht für verrückt halte.

Da steht ein ausladender Baum, restlos angefüllt mit reifen Äpfeln. Wieder Omas Stimme: „Ooooh, guck dir den Baum an! So viele Äppel! Ach, Kind – sei nicht traurig. Weine nicht. Freu dich lieber über das Leben, über die Natur. Die Natuuurrr!“

Ich muss unwillkürlich lächeln. Keine Ahnung, ob es ein Leben nach dem Tod gibt und wie das aussieht. Aber Omi geht es gut, wo oder was auch immer sie jetzt ist. Ja, das Leben ohne sie wird nicht leicht, sie fehlt so sehr. Ihre Witze, ihr Rat, ihre Umarmungen. Ein Leben ohne Oma fühlt sich an, als hätte jemand die warme Decke weggenommen. Aber über zehn Jahre Kampf, Krankheit, Qual, Not und Elend sind endlich zu Ende. Und wir werden sie immer, immer bei uns haben. Ihre Stimme, ihre Kommentare.

Vor allem jedoch ihre Liebe.