Liebe Omi,

du bist jetzt seit genau fünf Wochen tot. Mir kommt es vor, als sei es erst gestern gewesen… Jedenfalls kann mich so was wie der Tod mitnichten davon abhalten, dir zu schreiben, was so passiert ist.

Also.

Wir wollten mit Opi zur Bank, um die Sache mit der Vollmacht zu regeln – das hättest du gern noch erledigt, ich weiß. Aber es konnte ja niemand ahnen, dass du von einem einfachen Arztbesuch bei der Nephrologin niemals zurückkehren würdest. Ach, Omi. Leider waren wir nicht erfolgreich; Opi hatte einen extrem schlechten Tag und hing im Rollstuhl wie ein zusammengeknülltes Handtuch. „Zombie-Opa“ hättest du ihn genannt. Mach dir keine Sorgen, wir regeln das schon noch.

Dann habe ich bei meiner Großkusine übernachtet und ihre Tochter und die andere Großkusine waren auch da. Ach, das hätte dir gefallen, Oma! Wie früher bei dir zu Hause. Wir haben Pizza selber gemacht und Wein getrunken, über dich und deine auch bereits verstorbene Lieblingsschwester geredet und sehr herzlich über eure alten Geschichten gelacht. Ihr verrückten Hühner. Und ein Augenzwinkern lang schien es, als säßest ihr beide mit uns am Tisch. Da saßen wir übrigens recht lange. Oh, ich kann deine Kommentare schon wieder hören.

Ansonsten kehrt langsam der Alltag wieder ein und ich nehme mal an, das ist grundsätzlich eine gute Sache. Gestern bin ich das erste Mal seit dem Tag, an dem Du gestorben bist, ohne Licht eingeschlafen und habe mich nicht vor der Stille, den Bildern und Gedanken gefürchtet. Ich habe nicht dein totes Gesicht gesehen, sondern dein echtes. Es wird, Omi. Trotzdem vermisse ich dich ganz schrecklich und so sehr, dass ich ab und zu plötzlich stehen bleiben muss. Ich kann nach wie vor nicht begreifen, dass ich dich nicht mehr einfach so anrufen kann. Es fühlt sich so an, als wärest du nur kurz weg. Du warst eben nicht nur meine Oma, sondern auch meine Vertraute und Freundin. Wir haben über alles und jeden geredet und du hast so viel Anteil genommen an meinem Leben, mir guten Rat gegeben und mit mir gelacht und geschimpft und geschludert. Vor allem gelacht. Ich mag nicht mal an Weihnachten denken. Weihnachten ohne dich – wie soll das denn nur gehen?

Manchmal muss ich trotzdem noch so doll weinen, dass die Leute komisch gucken. Na, sollen sie ruhig. Neulich habe ich auf der Zugfahrt von Hamburg nach Berlin eine Stunde lang stummschluchzend an die Scheibe geheult. Die Tränen hörten und hörten nicht auf. Erst in Spandau ging’s wieder.

Jedenfalls fehlst du so sehr, es ist wirklich unfassbar.

Gut, Omi – sonst ist bei mir aber soweit alles okay. Ich hoffe, es geht dir gut, wo oder was auch immer du jetzt bist. Also, dann bis nächste Woche!

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 3: Was heißt eigentlich „tot“?]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 2: Opi ist so traurig]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 1: die Beerdigung]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim
© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.