Liebe Omi,

du bist nun seit über elf Wochen tot und es gibt noch immer täglich Momente, in denen ich das kurz vergesse und mich erschrecke … Allerdings kann mich so was wie der Tod nicht davon abhalten, dir zu schreiben, was passiert ist.

Also.

Ich habe mich furchtbar aufgeregt, Omi. Deshalb schreibe ich dir auch erst heute. Der Grund für meine schäumende Wut waren drei äußerst unnötige Briefe.

Der erste kam von eurer Krankenkasse. Dort hat man dich im System immer noch als Opas Betreuerin vermerkt. Dabei müssten die doch als erstes und besonders genau wissen, dass du gestorben bist. Davon abgesehen, dass ich zwischenzeitlich schon zweimal angerufen und dazu auch zwei Einschreiben inklusive Sterbeurkunde verschickt habe, in denen ich mich als neue Unterstützung für Opa angab – sogar mit ordnungsgemäß ausgefülltem Krankenkassenformular.

Der zweite kam von deiner Bank. Man hat dir allen Ernstes eine neue EC-Karte zugeschickt. Geht’s noch? Dabei war ich einmal persönlich da und habe zweimal mit einer stellvertretenden Filialleitung telefoniert. Mir fehlen die Worte. Aber eventuell muss man im Himmel mittlerweile auch für Blusen und Bücher bezahlen, wer weiß. Die Geheimzahl muss ich dir dann per Ouija-Brett verraten, nehme ich an.

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Der dritte Brief jedoch hätte dich in die Luft gehen lassen wie das HB-Männchen. Deine ehemalige Hausverwaltung will nämlich eine Nebenkosten-Nachzahlung von dir für die Wohnung deines Sohnes. Er ist vor dir gestorben, du hast ein Jahr vor deinem Tod noch dein Kind beerdigen müssen. Und die Sache mit seiner Wohnung war längst geklärt, sogar mit anwaltlicher Unterstützung. Du hattest damit nichts zu tun. Oh, wie wütend du damals warst, so hatte ich dich noch nie erlebt.

Für mich bedeuten diese Briefe: Ich muss mal wieder überall anrufen und Ruhe bewahren, obwohl ich am liebsten schreien würde. Und von all dem Ärger und Bürokratie-Irrsinn mal abgesehen: Es tut jedes Mal weh, wenn ich Post für dich in den Händen halte.

Du fehlst mir nämlich leider unverändert sehr. Deine Umarmungen, deine grauweißen Haare, deine schwarzhumorigen Witze und dein Herz voller Liebe.

Ach, Omi.

Opa geht es jedenfalls recht gut soweit, er wird jeden Tag mobilisiert und ein paar Stündchen in den Rollstuhl gesetzt. Obwohl er jedes Mal motzt, tut es ihm insgesamt gut, glaube ich. Sein Zimmer habe ich am ersten Advent mit deinen Weihnachtssachen dekoriert – so, wie du es auch getan hättest. Mein Leben ist ansonsten weitgehend okay, mach dir mal keine Sorgen um mich, Omilein. Ich hoffe, bei dir ist ebenfalls alles in schönster Ordnung und du kannst so viele gemütliche, lange Mittagsschläfchen auf Wolke Sieben halten, wie du willst.

Also dann, bis nächste Woche!

Deine Jessi


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Wir geben Opa nicht ins Heim
© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.