Seit Oma gestorben ist, ist Opas gute Versorgung im Pflegeheim noch wichtiger. Hier ein Danke an Pflegekräfte, am alle, die sich um ihn kümmern – wieder und noch mal. 

„Heute war eine Schwester bei mir im Zimmer, ich kannte sie nicht. Aber sie sagte, dass sie mich kennt.“ Opa nuschelt wieder ein bisschen am Telefon. Und ich bin wie jedes Mal froh, wenn er von selbst zusammenhängende Geschichten erzählt. „Die kommt wohl von oben oder was, ich weiß nicht. Jedenfalls sagte sie, dass sie mich kennt. Und sie kam an mein Bett und hat ihr Gesicht an meins gelegt.“

Keine Selbstverständlichkeit

Mein Herz rutscht in den Bauch. Diese kleine, liebevolle Geste muss Opa glücklich gemacht haben, sonst hätte er sich diese Episode nicht gemerkt – geschweige denn, sie mir erzählt. Und ich freue mich sehr darüber.

Als Expertin für Angehörige eines geliebten, alten Menschen im Pflegeheim weiß ich aus Erfahrung: Es sind diese Kleinigkeiten, die einen großen Unterschied machen. Ich weiß auch: Sie sind absolut keine Selbstverständlichkeit.

Unzählige Pflegekräfte wischen jeden Tag, auch an Feiertagen wie Heiligabend, in Pflegeheimen, Krankenhäusern und anderen Einrichtungen Hilfebedürftigen den Hintern ab, halten Händchen, reichen Essen an.

Darum hier die Wiederholung eines wichtigen, zeitlosen Textes von 2014 aus „Wir geben Opa nicht ins Heim!“:

Danke an Pflegekräfte

„Ich habe keine Lust mehr, Kekse zu backen!“ Oma rückt sich resolut die Brille zurecht. „Und ich mache jetzt nur noch, worauf ich Lust habe. So. Da hast du’s!“ Ihre neue Abgrenzung begrüße ich sehr – immerhin hat Oma ihr ganzes Leben immer mit weit offenem Herzen für andere gesorgt und wäre dabei selbst fast zerflossen – aber jetzt geht es nicht einfach nur um Kekse. Es geht um ein Dankeschön.

Seit Juli ist Opa im Pflegeheim und ich möchte mich bei den Menschen bedanken, die sich Tag und Nacht um ihn kümmern. Er ist kein einfacher Charakter, das war er nie. Er hat Probleme, seine Gefühle auszudrücken. Er weiß noch nicht mal, was er fühlt. Das ist vielen Männern seiner Generation eigen. Der Krieg hat ihre Herzen verdorren lassen. Sie wären sonst zugrunde gegangen.

Opa macht keine Komplimente, er bedankt sich selten. Sein Ton ist knapp und befehlsartig – oder wie er sagt: „Hart, aber herzlich.“ Er schwelgt nicht in alten Geschichten. Er ist keiner von den drolligen Großvätern mit weißem Flauschhaar und Pullunder aus der Bonbon-Werbung.

Er ist ein zahnloses, schrumpliges Menschlein in T-Shirt und Windel, aus der dauerhaft ein Urinschlauch ragt. Er ist ängstlich, verwirrt und ungeduldig. Früher hat er gern gesungen und Witze gemacht. Aber Parkinson hat seine Stimme verschluckt, Demenz hat seinen Humor gefressen. Meistens, jedenfalls.

Und obwohl Opa oft unabsichtlich anstrengend ist, sind die Pfleger und Pflegerinnen lieb zu ihm. „Komm‘, wir tanzen Tango!“ sagt der Auszubildende, wenn er Opa auf den Toilettenstuhl hilft. Das bezaubernde Mädchen streichelt ihm noch mal über die Füße, wenn sie ihm das Abendbrot gebracht hat und lächelt warm. Der große Pfleger bleibt ruhig und besonnen, wenn Opa sich wegen seiner Tabletten aufregt und die Zusammenhänge nicht versteht, und kümmert sich um alle organisatorischen Belange. Die ältere Pflegekraft rennt unermüdlich über die langen Flure und hat trotzdem immer ein offenes Ohr für die Familie und all unsere Fragen.

Es ist nicht perfekt. Wie auch? Die Personaldecke in Pflegeheimen ist deutlich zu dünn, die Bezahlung schlecht, die Arbeit hart, es bleibt oft wenig Zeit. Dinge rutschen durch und gehen daneben. Vergessene Tabletten, nicht geleerte Katheterbeutel und WC-Eimer, ein Apfel für den Zahnlosen.

Und trotzdem sind es die kleinen Gesten der Menschlichkeit, die die letzte Zeit seines Lebens für meinen Opa angenehmer machen. Ein Lächeln, ein paar beruhigende Worte, ein liebevolles in die Decke einwickeln, eine Hand in einer anderen.

Dies geht darum raus an alle Pflegekräfte, an alle Schwestern und Pfleger, an alle Ärzt*innen, Therapeut*innen und Betreuer*innen – nicht nur in Opas Heim, sondern überall:

Ohne euch ginge nichts mehr. Ihr – eure Herzen, euer Engagement – seid unsagbar wichtig für diese Gesellschaft. DANKE. Danke für jede liebevolle Geste, für jede Extra-Minute, für jedes Streicheln, Zuhören und Trösten und für eure ganze, kräftezehrende, großartige Arbeit.

Ich nehme Omas Hand und grinse. „Okay, hier kommt ein Vorschlag: Ich backe und du gibst mir Anweisungen. Weißt du, Omi, die im Heim freuen sich bestimmt über Kekse. Ein kleines Danke an Pflegekräfte kann nicht schaden.“
„Ja, die sind wirklich alle sehr nett zum Opa, das muss ich schon sagen.“

Und dann hat Oma doch wieder ein bisschen Lust zu backen.

Oma ist am 13. September 2016 gestorben und Opa folgte ihr am 21. April 2017. Ich wusste die beiden meistens in guten Händen. Ich sage darum auch nach ihrem Tod noch mal ausdrücklich Danke an Pflegekräfte. <3

Hier übrigens die Dinge, die sich Pflegekräfte selbst wünschen – basierend auf einer Umfrage auf meinem Twitter-Account Die Enkelin:

Bessere Bezahlung:

Grundsätzlich klar – aber zusätzlich auch Ausgleichszahlungen fürs Einspringen; höhere Schichtzulagen, besonders nachts;
Idee: Boni für besonders gute Pflege. Sehr spezifische Anreize schaffen, das war vielen wichtig.

Aus- und Weiterbildung:

Auch ältere Pflegekräfte weiterbilden (Pflegeforschung und Professionalisierung); die Ausbildung verbessern, Azubis dürfen keine vollen Kräfte ersetzen -> da braucht es eine gesetzliche Regelung; verpflichtende Teamleiter-Fortbildungen für Führungskräfte; Entwicklungs-Möglichkeiten und Perspektiven; ggf. Pflegeberuf als praxisorientiertes Studium für höheres Ansehen. Insgesamt: Aus- und Fortbildung durch Vorgaben und Gesetze besser regeln.

Höheres Ansehen:

Weg von medizinischer Assistenz, hin zum eigenständigen Beruf mit eigener Verantwortung; die mediale Darstellung des Jobs verbessern; der Pflegeaufwand muss im aktuellen DRG-System mitgerechnet werden und sich in den Erlösen abbilden.

Weniger Bürokratie/ mehr Technologie:

Dokumentation digitalisieren mit einfacher Nutzeroberfläche und präzisem Touchscreen; Roboter zur Überwachung von kritischen/ demenziell erkrankten Patienten und als Hebehilfe; Zusammenarbeit von Krankenhaus- und Heimpflege vereinfachen und verbessern. Folglich: Digitalisierung vorantreiben.

Arbeitszeit/ Personal:

Klare Zuständigkeit für eine überschaubare Anzahl zu Pflegender, kein ständiger Wechsel von Stationen -> z.B. durch Bezugspflege; einen Betreuungsschlüssel 1:5 (derzeit z. Z. nachts 4 zu 150); verlässlicher Dienstplan, mehr als 1 Monat im Voraus und nicht ständig einspringen müssen; Entgegenkommen in der Kinderbetreuung oder bessere Teilzeitmodelle für junge Mütter; neue Arbeitszeitmodelle um Schichtdienst zu entzerren; Bettensperre bei Personalmangel. Das Rentenalter von 67 in der Pflege ist grotesk -> Rente mit 60 bzw. nach 40 bis 45 Dienstjahren; keine Zeitarbeitskräfte mehr, stattdessen Hilfs- und Assistenzkräfte, die einfache Aufgaben übernehmen (Lager-/ Wäschewagen auffüllen etc.).

Fazit:

Kekse und liebe Worte sind wichtig, schön und gut. Noch viel wichtiger allerdings ist es, dass wir Pflegeberufe endlich als das ernst nehmen, was sie sind: hochspezialisierte, anspruchsvolle Tätigkeiten mit enormer Belastung und großer Verantwortung. Dass wir die Arbeitsbedingungen, Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten verbessern.

Respekt ist nämlich das größte Danke an Pflegekräfte.


Wir geben Opa nicht ins Heim
© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.

 

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