Liebe Omi,

du bist nun seit sechzehn Wochen tot und ich werde mich nie daran gewöhnen, dass du nicht mehr hier bist. Nie. Davon abgesehen kann mich dein Tod aber nicht daran hindern, dir zu schreiben, was so alles passiert ist.

Also.

Weihnachten, Omi. Wir haben es überstanden. Aber es wurde geweint, das kann ich dir sagen.

Ein paar Atemzüge lang stand ich Heiligabend mit Herzklopfen vor der Zimmertür, bevor ich mich traute, sie zu öffnen. Die anderen waren schon da. Opa saß in dem geliehenen, großen Rollstuhl mit der Kopfstütze, so dass er sich anlehnen konnte und keine allzu großen Nackenschmerzen bekam.

Alle saßen einträchtig im Kreis um den kleinen Couchtisch und um Opi herum und hatten sich ein bisschen schick gemacht. Du hättest es so gewollt. Im Hintergrund lief Weihnachts-Jazz und das war gut so; „Stille Nacht“ hätte uns nur noch trauriger gemacht. Meine Schwester hat auch den kleinen Plastikweihnachtsbaum rausgeholt, den du damals nach dem Auszug zu Hause extra fürs Heim gekauft hattest und der kein Vergleich zu der hübschhässlichen Douglastanne aus den Jahrzehnten davor ist.

Mama hat Frikadellen mitgebracht, ich habe extra-weiche Schokokekse gebacken, meine Schwester hat Kartoffelsalat nach deinem Rezept und eine Mousse au Chocolat zubereitet. Opi hat einen ganzen Teller allein weggeputzt, es war eine Pracht! Ich hatte ihm den Beistelltisch hingeschoben, so dass er mit uns in der Runde essen konnte.

Das Unglaublichste war jedoch: Opa hat sich über sein Geschenk gefreut. Ich habe ihm ein magnetisches, seniorengerechtes „Mensch Ärgere Dich Nicht“-Spiel besorgt und statt zu meckern wie üblich, sagte er: „Jaja, ist gut.“ Und wie du weißt, ist das bei ihm das höchste der Gefühle.

Ein Geschenk war allerdings noch schöner.

Für meine Schwester hatte ich in wochenlanger Kleinarbeit ein Hörspiel gebastelt, in dem du in sechs Folgen deine Geschichte erzählst. Nur du. Ich hatte aus der Zeit der Vorbereitung fürs Buch noch stundenlanges Interviewmaterial von dir – das habe ich sortiert und chronologisch sinnvoll zusammengeschnitten.

Als ich ihr die Kopfhörer aufsetzte, brauchte sie einen Sekundenbruchteil, um zu begreifen, dass sie da wahrhaftig deine Stimme hört. Dann füllten Tränen ihre Augen und ich nahm sie lächelnd in den Arm. Ich war ja dran gewöhnt, aber sie konnte nicht lange zuhören – also gab ich die Kopfhörer an Mutti weiter. Sie fing auch sofort an zu weinen, nahm meine Hand und sagte: „Ich vermisse doch ihren Anruf jeden Tag!“ Ich weiß. Ich weiß. Ich weiß.

Ach, Omi.

Du warst bei uns an Heiligabend. Unsere Herzen waren miteinander verbunden und synchron bis obenhin gefüllt mit Liebe zu dir und dem Gedanken an dich und deine Liebe für uns. Wir konnten dich nicht sehen, aber wir haben dich gespürt.

Und so lange das so ist, Omi, bist du nicht wirklich tot.

Ich hoffe jedenfalls, es geht dir gut und du hast Weihnachten im Himmel gefeiert, von Wolke Sieben auf uns runtergeschaut und gefühlt, wie sehr wir dich lieben.

Also dann, Omi. Bis nächste Woche.

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 13: Das letzte Weihnachten zu Hause]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 12: Opi vermisst dich immer noch sehr]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 11: Dein Grabstein steht]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim
© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.