Liebe Omi,

du bist jetzt seit dreiundzwanzig Wochen tot und das Leben geht einfach so weiter, was ich noch immer nicht ganz begreife. Allerdings kann mich dein Tod nicht davon abhalten, dir zu schreiben, was passiert ist.

Also.
Ich habe Magendarm, Omi. Und die einzige Maßnahme, die mir einfällt: Vermuste Banane mit Haferflocken. Das hast du immer für mich gemacht, wenn ich krank war und es hat – soweit ich mich erinnere – gut geholfen. Tut es jetzt auch! Opi hatte übrigens so was ähnliches, darum musste ich mehrmals mit der Einrichtung und der Ärztin telefonieren. Sie wollte eigentlich gestern bei ihm vorbeigeschaut haben, aber er sagt, es sei niemand da gewesen. Na ja – du weißt ja, wie das mit Opi manchmal so ist. Ich rufe wohl lieber noch mal an und frage nach.

Und ich musste weinen, Omi. Nachts, als ich wach lag und eine Frage unaufhörlich in meinem Kopf wirbelte: „Hat Omi eigentlich gewusst, wie sehr sie geliebt wurde? Hat sie das gewusst?“ Ich kann es nur hoffen. So sehr hoffen.

Als ich neulich mit Opi telefonierte, sagte er unvermittelt: „Manchmal geht die Tür auf und ich denke, die Oma kommt rein.“ Kurzes Luft holen. „Aber dann fällt mir wieder ein, dass sie verstorben ist.“

In diesen Augenblicken wird die Lücke, die du hinterlassen hast, mit stummem Schmerz gefüllt. Da ist kein Platz für Worte.

Aber es wird trotz allem Frühling, Omi. Unaufhaltsam. Man kann es spüren. Es ist etwas Weiches im Wind, die Kälte kneift nicht mehr so harsch in die Wangen. Es wird ein paar Momente früher hell und etwas später dunkel. Und die Vögel zwitschern mutiger. Du hast den Frühling mehr geliebt als alles andere, deshalb war Ostern für dich auch das wichtigere Fest als Weihnachten. „Ach, es ist so schön, wenn alles grünt und blüht“, hast du oft gesagt, „wenn die Natur wieder zum Leben erwacht.“

Aber du, du erwachst nie wieder zum Leben.

Es fühlt sich mittlerweile nicht mehr so an, als würdest du unsichtbar auf meiner Bettkante sitzen. Am ehesten fühlst du dich an wie der Frühlingswind. Diffus, wispernd und warm.

Du fehlst uns so, Omi. Deine Liebe und Fürsorge, deine derben Witze, dein prustendes Lachen, dein Verständnis. Daran hat sich fünf Monate nach deinem Tod nichts geändert; es wird wohl so bleiben. Aber immerhin kann ich inzwischen an älteren Damen im Rollator vorbeigehen, ohne weinen zu müssen und das ist doch schon mal was.

Okay, Omi. Das war’s soweit von mir. Ich hoffe, im Himmel ist jeden Tag Frühling. Bis nächste Woche dann!

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 19: Alles Gute zum Geburtstag]

[Lest auch Brief an Omi, Nr.18: Sei froh, dass du das alles nicht mitkriegst]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 17: Deine Schwägerin hat Opi aufgeregt]


 

Wir geben Opa nicht ins Heim
© J. Wagener

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi (und so einige von Omas markanten Sprüchen) lesen will, der kann hier das Buch „Wir geben Opa nicht ins Heim – unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit“ dazu bestellen.