Liebe Omi,

du bist jetzt seit sechsundzwanzig Wochen tot, ein halbes Jahr, und manchmal trifft mich die Trauer immer noch wie ein Blitz. Aber trotzdem kann mich so was wie der Tod nicht davon abhalten, dir zu schreiben, was so passiert ist.

Also.

Opi geht es soweit okay. Am Wochenende war er ziemlich schlapp und hat wenig gesprochen. Seine Augen starrten oft minutenlang ins Leere, zwischendurch nickte er immer wieder ein. Und ab und an fiel sein Blick auf mich und er sah mich an, als wäre ich ein kleines Wunder. Verwirrt war er nicht, er wusste, wer ich bin und alles. Er war bloß müde. Vielleicht gehört das so mit fast 87 und nach 61 Jahren ohne seine Frau. Wer weiß. „Mensch Ärgere Dich Nicht“ gespielt haben wir trotzdem, zumindest am Samstag. Opi hat mich wieder zweimal hintereinander abgezogen und ich schwöre, ich habe ihn nicht gewinnen lassen! Und als ich gestern mit ihm telefonierte, sagte er: „Heute geht es mir schon besser.“

 

Bei mir ist auch alles in Ordnung. Bis auf eine Sache: Ich habe deinen Einkaufswagen-Chip verloren. Weißt du? Den kleinen grünen. Er muss beim Fahrrad fahren rausgefallen sein. Ich habe alle Taschen und Fächer durchwühlt, alle Jacken und Mäntel, das Portemonnaie ausgekippt – er ist und bleibt verschwunden. Warum habe ich nicht besser auf ihn aufgepasst? Ein halbes Jahr hat es geklappt. Wieso jetzt, bin ich nachlässig geworden? Habe ich ihn nicht mehr genug gehütet? Er war meine alltägliche Verbindung zu dir, der glatte, flache Plastikkreis in meiner Hand.

Möglicherweise leitet das nun die nächste Phase des Abschieds ein. Dass man nicht mehr so an den zurückgelassenen Dingen des geliebten Menschen festhält. Nicht mehr festhalten soll. Loslassen und so. Schon möglich, ja.

Aber ich mag jetzt nicht mehr einkaufen gehen.

Du fehlst mir so. Aber das weißt du ja.

Okay, Omi. Das war’s von mir. Ich hoffe, es geht dir gut auf Wolke Sieben und du hast einen guten Blick auf uns hier unten. Bis nächste Woche!

Deine Jessi


[Lest auch Brief an Omi, Nr. 22: Wenn Opi denkt, es geht zu Ende]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 21: Ich hoffe, im Himmel gibt es Soundcloud]

[Lest auch Brief an Omi, Nr. 20: Du hast den Frühling so geliebt]


 

Und wer die Vorgeschichte von Omi und Opi, so einige von Omas markanten Sprüchen und Weisheiten lesen und wissen will, wie es zu allem kam, der kann Wir geben Opa nicht ins Heim! Unser Jahr zwischen Wunsch und Wirklichkeit hier bestellen. Ich würde mich freuen!