Alles begann mit einer Erkältung: „Ich war ein totaler Workaholic. Ich dachte, ohne mich läuft im Job nichts, und bin mit Grippe und Fieber zur Arbeit gegangen. Das hätte ich nicht tun sollen.“ 

[Dieser Artikel erschien zuerst in der BILD am SONNTAG]

Mehr als 25 Jahre später ist Raimund Seidl (72) schlauer. Und lebt, weil er das Herz eines Organspenders bekam. Rückblick auf ein sehr bewegtes Leben.

Im Dezember 1992 bekam Raimund eine Herzmuskelentzündung. Da war er gerade 47 und Niederlassungsleiter eines Autohauses. Zunächst merkte er davon nicht viel, nur die Luft wurde zunehmend knapper. „Meine Frau sagte immer: ,Du musst zum Arzt!‘, aber für mich war das nur ein harmloser Schnupfen“, erzählt Raimund.

„Eines Nachts bin ich morgens um zwei Uhr aufgewacht und habe zu meiner Frau gesagt: ,Angelika, ich bekomme keine Luft mehr. Fahr mich mal eben ins Krankenhaus, ich lasse mir eine Spritze geben!'“

Seine Frau, zu dem Zeitpunkt hochschwanger, fuhr ihn in die Klinik. Doch mit einer Spritze war es nicht getan. „Bei den Untersuchungen haben die Ärzte festgestellt, dass ich stark herzinfarktgefährdet war“, sagt Raimund.

Ich war sterbenskrank und hielt mein Baby in den Händen“

Wenige Tage nachdem er ins Krankenhaus gebracht worden war, brachte Angelika am 16. Dezember 1992 im selben Krankenhaus ihre gemeinsame Tochter Laura zur Welt. „Sie haben mich im Rollstuhl in den Kreißsaal geschoben. Ich habe sie ganz kurz gehalten, dann musste ich wieder zurück. Ich war sterbenskrank und hielt mein Baby in den Händen.“

Die Mediziner schickten ihn schließlich zu Herzspezialisten ins Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg. Professor Rödiger fand klare Worte. „Er sagte: ,Herr Seidl, Ihre Herzkrankheit ist nicht heilbar.‘ Das war ein beschissenes Gefühl. Ich war doch keine 50!“

Nur noch ein halbes Jahr zu leben

Raimund nahm seinen ganzen Mut zusammen und fragte den Kardiologen, wie viel Zeit ihm noch bliebe. Die Antwort: zwischen drei und sechs Monaten. Allerdings, sagte der Professor, käme er durchaus für eine Herztransplantation infrage.

Raimund ließ sich auf die Liste von Eurotransplant setzen – und wartete. „Die Zeit verging quälend langsam. Ich guckte immer die Tür an und dachte, gleich kommt der Arzt und sagt, dass er ein Herz für mich hat. Ich konnte von meinem Bett aus auch den Hubschrauber hören und dachte jedes Mal: Da könnte jetzt dein Herz drin sein . . .“ Er ließ sogar einen Notar ins Krankenhaus kommen, machte sein Testament.

Wir haben ein neues Herz für Sie“

Am 16. April 1993 dann endlich die erlösende Nachricht! „Ich lag im Krankenbett und aß Gummibärchen. Plötzlich kam ein Arzt rein und sagte: ,Herr Seidl, wir haben ein neues Herz für Sie. Wir holen Sie in drei Stunden ab.‘ Dann war er wieder weg.“ Raimund und Angelika waren überwältigt von verschiedenen Gefühlen, allen voran Dankbarkeit – vielleicht würde er jetzt doch noch seine kleine Tochter aufwachsen sehen!

Als Raimund nach fast sechs Stunden OP aufwachte, schlug ein neues Herz in seiner Brust. Wer es spendete, weiß er nicht. „Man erfährt nicht, wo das Organ herkommt, das ist auch richtig so“, meint Raimund. Ob es sich anders anfühlt? „Kein Stück! Ich bin noch derselbe wie vorher. Aber es schlägt einwandfrei.“ Ein Jahr dauerte es, bis er wieder richtig fit war.

Ganz der Alte – trotz neuem Herzen

Wer Raimund heute trifft, kann kaum glauben, dass er damals dem Tode näher war als dem Leben – so voller Energie, Lebensfreude und Tatendrang ist der 72-Jährige. Auch sein neues Herz schlägt im Takt der Musik, die er immer noch so gern macht.

In seinem Leben habe sich allerdings durchaus so einiges geändert, sagt Raimund: „Ich hege und pflege mein neues Herz! Ich trinke keinen Alkohol mehr, Marathon laufe ich auch nicht mehr. Und ich rege mich nicht mehr so schnell auf. Auf der Autobahn fahre ich keine 220, sondern nur noch 100. Ich darf nie unvorsichtig sein – wenn jemand verschnupft ist, muss ich mich fernhalten.“ Außerdem weiß er Dinge zu schätzen, auf die er früher nicht viel gegeben hat: „Ich bin ein Naturfreund geworden, gehe viel spazieren.“ Und falls er doch mal zu leichtsinnig werden sollte, bremst ihn seine Frau Angelika. „Dann höre ich auch auf sie“, sagt er und lacht.

Mir sind 25 Lebensjahre geschenkt worden!“

Raimund nutzt sein geschenktes Leben und genießt jeden Tag. Über 700-mal hat er in Musicals auf der Bühne gestanden, 40.000 Euro mit Benefiz-Konzerten für Kinder-Hospize eingespielt, Menschen, die wie er damals auf ein Spenderherz warten, Mut gemacht, eine alte Freundin im Hospiz beim Sterben begleitet, ein Buch geschrieben, CDs aufgenommen, er ist Trauerredner und Trauersänger . . . „Mir sind 25 Jahre geschenkt worden, 25 Lebensjahre! Mit allen Höhen und Tiefen. Ist das nicht fantastisch?“, ruft Raimund und strahlt. „Ich habe meine Tochter groß werden sehen“, sagt er und fügt leise hinzu: „Wir alle danken dem Spender, und das meinen wir wirklich sehr ehrlich.“

Zum Thema Organspende hat Raimund eine klare Haltung: „Für meine früher oberflächliche Art, über Organspenden nachzudenken, schäme ich mich heute. Das muss zwar jeder selbst entscheiden, aber ich finde: Wer im Notfall ein Organ nehmen würde, sollte auch bereit sein, eins zu geben.“

Die „Silberhochzeit“ mit seinem Spenderherzen feierte Raimund mit Familie und Freunden groß im Hamburger Delphi-Showpalast: „Ich wollte mich damit bei allen bedanken. Ohne sie hätten wir das nie geschafft.“

PS: Hier gibt’s einen Organspendeausweis

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