Sogar Jahrzehnte später bekommen wir Gänsehaut, wenn „Time Of My Life“ läuft, bei unseren Großeltern sorgt eher Musik von Rudolf Schock für wippende Füße und ein sehnsüchtiges Lächeln. Aktuelle Chart-Hits hingegen verursachen deutlich weniger Herzklopfen. Aber warum ist das so?

[Dieser Artikel erschien zuerst in der BILD am SONNTAG]

„In der Jugend erleben wir viel Neues, das uns emotional bewegt“, erklärt der Neuropsychologe Professor Lutz Jäncke von der Uni Zürich. „In dieser Zeit kann das Gehirn Gefühle noch nicht gut regulieren, deswegen schlagen Emotionen einfach stärker durch.“ Besonders Musik löst im Lustzentrum heftige Dopaminschübe aus.

Dazu kommt: „In der Jugend speichern wir Informationen, die mit Gefühlen gekoppelt sind, langfristig ab“, sagt Jäncke.

Das Gehirn ist ein Sound-Schwamm

Zwischen dem 15. und 20. Lebensjahr ist unser Hirn besonders leistungsfähig, funktioniert wie ein Schwamm, alle Erfahrungen sind intensiv und nachhaltig. Wir verknüpfen Songs mit starken Gefühlen und erinnern uns deshalb auch lange danach sofort an alles. „Je mehr Informationen miteinander verbunden sind, desto besser kann das Gehirn diese abspeichern und erinnern. Darum sind Erinnerungen, die mit Musik verknüpft sind, viel stärker“, erklärt Jäncke.

So kennt es auch KISS-Fan Sven Buhrmester: „Die Musik funktioniert wie ein Fotoalbum und erweckt längst vergangene Momente noch mal zum Leben.“ Bei ihm zum Beispiel den, als er seine Lieblings-Band zum ersten Mal in Frank Zanders Show „Vorsicht, Musik“ im TV gesehen hat: „Der Titel war ‚I Love It Loud‘ und mein Vater war geschockt! Geschminkte Männer mit Plateaustiefeln und brachialem Sound überforderten ihn. Bis heute muss ich bei diesem Song an meinen inzwischen verstorbenen Vater denken.“

Auch Katrin Hesse erinnert der 80er-Sound an ein Elternteil: „Aktuell gibt mir die Musik von früher unglaublich viel Halt, da ich meine Mutter vor einem Jahr verloren habe. Diese Musik gibt mir das Gefühl zurück, in der unbeschwerten Jugend zu sein. Sozusagen Urlaub vom Erwachsensein.“

Früher war alles besser, besonders die Musik!

Die Sehnsucht nach Sorglosigkeit ist noch ein Grund, warum wir so an den Liedern aus unserer Jugend hängen. Alles wirkt rückblickend leichter, wir hatten viel weniger Verantwortung. Als anstrengend galten Mathe-Arbeiten, Partyplanung und das Treffen mit dem Schwarm. „Obwohl man früher dachte, dass Schule und Erwachsenwerden unglaublich stressig sind, war es rückblickend eine sehr coole Zeit“, sagt Hip-Hop-Anhänger Thomas Kilian.

Kein Wunder, dass wir auch als Erwachsene bei den Liedern aus dieser Zeit ein wenig Wehmut im Herzen spüren. „Die Musik von früher ist immer auch ein wenig eine Zeitreise im Kopfkino“, meint Sven Buhrmester: „Meine erste Freundin verführte mich zu den Klängen von Paul McCartneys ‚No More Lonely Nights‘. Mit den Beatles konnte man einfach besser bei den Mädels landen als mit KISS.“

Der Soundtrack bleibt ein Leben lang

Und so werden diese Lieder die wichtigsten Titel im Soundtrack unseres Lebens, der uns für immer begleitet. Sogar an Demenz erkrankte Menschen, die sich an fast nichts mehr erinnern können, lächeln bei den Klängen aus ihren jungen Jahren. Professor Jäncke erklärt: „Musik aus der Jugend erzeugt sofort ein Gefühl der Vertrautheit – die Lieder aus der Jugend wird das Gehirn nie vergessen, sie bleiben uns ein Leben lang erhalten.“

Ein lebendiger Beweis dafür ist Anne Broich, die seit ihrer Jugend in den 60ern dieselbe Musik liebt und auch im Alter von 66 Jahren jede Woche mit ihrem Mann dazu tanzen geht: „Wenn ich Boogie Woogie oder Rock’n’Roll höre, kribbelt’s immer noch in den Füßen!“

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