Es gibt für jeden Menschen den richtigen Ort zur richtigen Zeit. Für mich, in meiner jetzigen Lebensphase, ist das Schottland. Ja, das hat mich auch überrascht. 

„Aber da regnet es nur!“, „Niemand weiß, wie’s nach dem Brexit weitergeht!“, „ES REGNET STÄNDIG!“ sind die häufigsten Reaktionen darauf. Dicht gefolgt von „Äh. Huch?!“

Also hier ein kleiner Erklärungsversuch für mein neues Leben in Schottland:

Sehnsuchts-Ort Schottland

Als Teenager hatte ich eine schwierige Phase, in der ich erst die Highlander-Filme und dann die Highlander-Serie im TV verschlang. Etwas am Mythos Schottland drückte auf einen Sehnsuchtspunkt in meiner Seele. Mit 17 las ich die Outlander-Bücher von Diana Gabaldon und habe sie geliebt. Wegen der nahbaren, für damalige Verhältnisse emanzipierten Protagonistin einerseits, wegen der rau-romantischen Kulisse Schottland andererseits. Dann kam das Leben und naja, ich wurde erwachsen und kämpfte in diversen persönlichen Cullodens.

Flucht-Ort Schottland

Vergangenes Jahr, drei Monate nach dem Tod von Opi, wollte ich einfach nur ein paar Tage raus. Ich wollte Wind, der meine Trauer wegweht. Und Regen, der meine Tränen wegwäscht. Ich wollte Burgen und Lochs und alte Gemäuer. Gruselgeschichten und Gespenster, die mir mehr Angst machten als meine eigene Vergangenheit und Zukunft.

Flüge nach Glasgow waren zu der Zeit recht günstig. Ich erinnerte mich an meine frühere Sehnsucht und dann klickte mein Finger auf „jetzt buchen“.

Es war dann nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Es war viel schöner.

Herzens-Ort Schottland

Es waren vor allem die Menschen, die mich berührten. Ihre Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Offenheit. Da war die alte Dame, die mich im Bus freundlich fragte: „Where are you from, love? And what are you doing here?“ Und die gern mit mir plauderte. Oder der Busfahrer, der mir lächelnd den halben Ticketpreis schenkte, weil ich nicht genug Kleingeld dabei hatte. Oder das Paar, das auf dem Bürgersteig eine Autobatterie stehen hatte und sich wortreich dafür entschuldigte, den Weg zu blockieren.

Glasgow
Sonne in Glasgow | © Jessica Wagener

Der dann Ceilidh-Tanzabend, als zwei Männer indischer Herkunft in kompletter Highland-Montur inklusive Kilt, zwei junge Frauen mit Hijab, eine Mutter mit ihrem etwa 15-jährigem Sohn mit Down-Syndrom, ein distinguiertes Pärchen aus zwei Herren in Pullunder, mehrere stiernackige Glatzköpfe in Jogginghose, beschwipste Studierende – als alle zusammen tanzten oder es versuchten und dabei über ihre und andere Füße stolperten und lachten und für einen Abend niemand Lust oder Zeit hatte, sich und andere wegen irgendwas zu hassen. Das. Das war schön.

So insgesamt: Zauberhafte Gastgeber. Reizende Tanzpartner. Charmante Barkeeper. Keine Gespenster oder nur kurz.

Natürlich sind nicht alle Schotten dauerglücklich und tänzeln Dudelsack spielend, Whisky schlürfend und in Tartan gehüllt durchs Leben. Es gibt auch in Schottland Probleme wie Arbeitslosigkeit, Rassismus, Drogenkonsum, soziale Ungerechtigkeit. Aber das Fundament für die gleiche Scheiße ist besser als in Berlin. Menschlicher, wärmer. Wenigstens das.

Glasgow
Glasgow | © Jessica Wagener

Lern-Ort Schottland

Anders als in Rio de Janeiro, wo die Grundschwingung der Stadt das Verweilen im Moment, das Sein mit sich trägt, sind es in Glasgow für mich Entwicklung und Inspiration. Die ganze Stadt strotzt vor Geschichte und Geschichten, die Schönheit von Landschaft und Architektur lässt zuverlässig mein Herz stolpern. Gerade auch das Schroffe, das Ungeschliffene, das Dreckige. Die Gassen. Der Stahl. Der Backstein. Das Bleigrau.

Der Schleier zwischen den Welten fühlt sich hier zarter an. Als wäre man von einem Rauschen umhüllt und müsste sich nur ein bisschen konzentrieren, um jede Geschichte hören zu können. Sie sind alle schon da. Alle. Sie warten auf mich.

Vielleicht, denke ich, kann man sein Zuhause gar nicht finden. Vielleicht findet es einen.

Übrigens: Dreimal war ich bisher in Glasgow und es hat auch nicht mehr geregnet als in Hamburg.

Ach ja – und Whisky.

Darum. Darum Schottland.

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