Wir meiden, was uns weh tut. Doch dieser Überlebensinstinkt kann auch Nachteile haben. Denn ganz ohne seelischen Schmerz würden wir uns nicht entwickeln.

„Not bereitet gewöhnliche Menschen auf ein außergewöhnliches Leben vor.“ – C.S. Lewis

Manchmal bekomme ich keine Luft mehr, so sehr tut es weh. Die Trauer nach dem Tod eines innig geliebten Menschen – ich glaube, das ist der größte Schmerz, den es gibt.

„Häufig wird seelischer Schmerz durch eine individuell stark empfundene Belastung oder Verlusterlebnisse ausgelöst, wie zum Beispiel durch so genannte ‚kritische Lebensereignisse'“, sagt die Psychologin Dr. Donya A. Gilan vom Deutschen Resilienz-Zentrum Mainz. Das könnte eine schwere Erkrankung, ein schwerer Unfall, ein Umzug an einen anderen Wohnort oder eben der Tod eines oder einer Angehörigen sein.

„Trennung oder der Trennungsschmerz fühlt sich unter Umständen an, wie eine Amputation und tangiert damit auch das Gefühl der Identität“, sagt auch der Psychologe und Trauerforscher Professor Hansjörg Znoj von der Universität Bern.

Während ich hoffe, dass es möglichst bald weniger schlimm wird, weiß ich gleichzeitig, dass es nicht der letzte tiefe Seelenschmerz in meinem Leben sein wird. Und ich frage mich zum hundertsten mal: Wäre es nicht verdammt schön, wenn wir Menschen einfach viel weniger bis gar kein Leid empfinden würden?

Tja. Ganz so einfach ist das leider nicht.

Ohne Schmerz keine Reife

Emotionaler Schmerz ist nämlich wichtig für uns. Die Wissenschaftler Lawrence Calhoun und Richard Tedeschi haben untersucht, inwieweit Katastrophen und Krisen Menschen reifen lassen – posttraumatisches Wachstum heißt dieses Phänomen. Der Begriff bezeichnet „die positive Veränderung als Ergebnis des Kampfes mit einer großen Lebenskrise oder einem traumatischen Ereignis“.

Als Motiv sei das schon seit der Antike bekannt, beispielsweise in der Literatur. Sie hätten dieses Thema hingegen gezielt wissenschaftlich untersucht, schreiben die Psychologen auf ihrer Website. Das Team stellt jedoch auch klar: „Wir sagen definitiv nicht, dass traumatische Ereignisse gut sind – das sind sie nicht. Aber für viele von uns sind Lebenskrisen unvermeidbar.“

Wo ist denn da der Sinn?

Üblicherweise läuft die Entwicklung in drei Phasen ab: Noch in oder direkt nach einer Krise fühlt sich alles finster und verwirrend an; Werte werden in Frage gestellt, das ganze Leben wirkt sinnlos. Danach folgt der Versuch, in dem Geschehenen irgendeinen Sinn zu finden. Und schließlich formen sich – basierend auf dem Erlebten – neue Werte, die Betroffenen finden meist tatsächlich einen neuen Sinn. Sie sind dankbar für das Leben und oft sogar für die Krise selbst.

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Insgesamt haben Kummer, Schmerz und Leid laut Tedeschi und Calhoun bei den meisten Menschen zu einem erhöhten emotionalen Bewusstsein geführt. Die Psychologen haben auch untersucht, welche Formen dieses posttraumatische Wachstum grundsätzlich annehmen kann.

Hier sind fünf Möglichkeiten, wie wir an seelischem Schmerz wachsen können:

1. Wir gewinnen innere Stärke

Erst in Krisensituationen, erst durch Leid und Not, werden unsere Werte geformt und getestet. Wer tiefen, emotionalen Schmerz und große Lebenskatastrophen durchlebt hat, weiß viel besser, wer er*sie wirklich ist und steht fester im Leben.

2. Wir lernen dazu

„Schmerzen sind ein Feedback-System, sie dienen der Orientierung. Wo ich mich verbrannt habe, greife ich in der Regel kein zweites Mal hin, zumindest nicht absichtlich. Ähnlich ist es auch mit dem seelischen Schmerz“, sagt Professor Znoj. Wir würden also lernen, entsprechenden Menschen oder Situationen aus dem Weg zu gehen.

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Darüber hinaus könne die erfolgreiche Bewältigung des durch die Trauer ausgelösten Schmerzes helfen, besser mit künftigen Trauersituationen umzugehen, sagt die Resilienzforscherin Dr. Donya A. Gilan. „Genauso, wie die erfolgreiche Bewältigung einer Belastungssituation helfen kann, zukünftige Belastungssituationen zu meistern.“

3. Wir sind mitfühlender

Nur wer weiß, wie grauenhaft sich Schmerz anfühlt, kann Mitgefühl für andere in ähnlichen Situationen aufbringen. „Menschen, die keinen seelischen Schmerz erleiden können, sind letztlich kaum zu Empathie fähig und müssen Dinge wie ‚Perspektivenwechsel‘, die Welt aus der Sicht eines anderen zu sehen, mühsam erlernen,“ erklärt Professor Znoj. Im Extremfall spreche man dann auch von Psychopathie.

4. Wir sind dankbarer

Besonders die kleinen Dinge, die vermeintlich selbstverständlichen, machen Krisen-Überlebenden Freude. Durch belastende Situationen würden wir die Fähigkeit erwerben, die positiven Seiten des Lebens wertzuschätzen und neue Bewältigungsformen entwickeln, meint die Resilienzforscherin Dr. Gilan.

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Außerdem zwingt Schmerz die Aufmerksamkeit ins Hier und Jetzt und sorgt für größtmögliche Achtsamkeit und Konzentration auf den Moment. Ein schlichtes, aber wirkungsvolles Mittel für ein Stück mehr Glück.

5. Wir lassen mehr Nähe zu

Menschen, die ähnliches Leid erlebt haben, fühlen sich einander näher – vorausgesetzt, sie sind mutig genug, sich ihren Schmerz anzuvertrauen. Gelingt das, fühlen wir uns verbundener. Und wer sich so öffnen kann, erlebt intensivere Bindungen und mehr Intimität.

So sieht Trauer aus. Manchmal ist man unendlich müde, weil man weitermachen muss, obwohl man nicht mehr kann. Manchmal weint man sehr, weil Opas Hut das einzige ist, was von ihm bleibt. Es ist nicht leicht, sich so zu zeigen, wie man eigentlich nicht gesehen werden will. Aber das Leben ist eben nicht nur gönn dir, yolo und schön, sondern auch schmerzhaft und schwer. Wir wollen uns selbst optimieren, ein tolles Bild von uns zeichnen, und unterdrücken Gefühle wie Wut, Angst, Schmerz und Trauer. Nur: Sie gehören genauso zu uns wie Glück und Freude. Es ist okay, zu heulen, so schluchzen, zu brüllen oder einfach nur dazuliegen und sich zu verstecken. Oder auch zu lachen und zu tanzen. Oder alles gleichzeitig. Jede Art zu trauern ist okay. Hauptsache, sie hilft dem Herzen beim Überleben. ❤🙏🏽 ———— #grief #trauer #facesofgrief #death #trauergesicht #leben #tod #sadness #love #grievingheart #loss #griefpositivity

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Nur glücklich? Gruselig!

Wir alle durchlaufen verschiedene Phasen des emotionalen Reifeprozesses im Leben. Klar, seelisches Leid ist kein schönes Gefühl – die Erleichterung, wenn es vorbei ist, allerdings schon. Untersuchungen haben gezeigt, dass nach überstandenem Leid das gefühlte Glückslevel kurzzeitig ansteigt. Und zwar über das vorherige Level hinaus.

Außerdem: Wer permanent nur glücklich und zufrieden ist, wäre wohl kaum in der Lage, Glück als solches überhaupt zu erkennen und zu empfinden – weil es nun mal der unveränderte Normalzustand wäre. Vor allem aber wüssten wir überhaupt nicht, wer wir sind und wo unsere Grenzen liegen.

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„Es wird schwierig, ohne kritische Lebenssituationen seine Selbstwirksamkeit zu entwickeln, zu stärken und zu testen. Das Gefühl, selbst etwas zu bewirken und auch in schwierigen Situationen selbstständig handeln zu können, gezielt Einfluss auf die Dinge und die Welt nehmen zu können, kann sich kaum entwickeln“, erklärt Dr. Donya A. Gilan. Kritische Lebenssituationen könnten die Selbstwirksamkeit erhöhen und als Stressimpfung betrachtet werden.

Also nächstes Mal, wenn der Schmerz dich in die Knie zwingt, umarme ihn zur Abwechslung und versuche daran zu denken, dass er es ist, der dich menschlich macht. Wenigstens den Versuch ist es wert.


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