„Der Makler hat gesagt, er hat noch nie jemanden so jubeln hören“, sagt Paul und in seinem Mundwinkel zuckt der Anflug eines Lächelns. Er hat gerade seine Traumwohnung verkauft, an einen anderen Menschen. „Weißt du“, sagt Paul dann, „es macht mich froh, dass das hier bald ein neues Zuhause für jemanden ist, der die Wohnung genau so liebt wie ich.“

Ich nicke mit einem mulmigen Gefühl. Wer hier nämlich bald nicht mehr wohnt: Paul und ich.

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Sein Noch-Ehemann und er haben sich zwischenzeitlich darauf geeinigt, die gemeinsame Wohnung zu verkaufen. Zu teuer, zu groß, zu voll mit Erinnerungen. Der Weg zu dieser Entscheidung war eine emotionale Achterbahnfahrt. Und ich saß mit drin.

Der Plan: Paul und ich suchen uns jetzt gemeinsam ein neues Zuhause. Wir swipen durch die üblichen Apps und schicken uns gegenseitig Mietwohnungen. Wir merken nach der ersten Besichtigung: Das wird alles andere als einfach.

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Einen Tag lang versuche ich, erforderliche Unterlagen zusammenzutragen. Natürlich verlangen auch schottische Vermieter Referenzen, Bonitäts- und Seriositäts- und sonstige Nachweise. Aber alles, was ich diesbezüglich vorweisen kann, bezieht sich auf Deutschland. Und da hatte ich es als Freelancer bei der Wohnungssuche oft schon nicht leicht. Auch Paul wühlt lange nach den gewünschten Dokumenten. Bisher hat er – wie viele Menschen hier – Eigentumswohnungen gekauft.

Ein Anruf. Wir haben die Wohnung nicht bekommen. Jemand anders war schneller. Mhm. Ich liege mit geschlossenen Augen zwischen Schufa-Auskunft, Kontoauszügen und Rechnungen bäuchlings auf meinem Bett und höre mir beim Atmen zu. Fuck. What now? Ganz vielleicht, möglicherweise, habe ich die Menge an Energie unterschätzt, die es kostet, in einem fremden Land komplett von vorn anzufangen.

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Im Wohnzimmer telefoniert Paul mit seiner Finanzberaterin und beschließt, dass er doch wieder was kaufen will. Viel kleiner, natürlich, bescheidener, aber hier in der Gegend. Mit einem Zimmer für mich. Schon wieder ein neues Zuhause. Paul setzt sich auf meine Bettkante. „Don’t worry, Jessica. It’s gonnae be fine“, sagt er mit seinem hinreißenden schottischen Akzent und nimmt meine Hand.

Ich glaube ihm.

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