Ein Scheißglück, dass ich zufällig noch den letzten Bus erwischt habe, denke ich und beim Abbiegen bleibt mein Blick an der Straße hängen, in der ich angefangen habe – hier, in meiner Wahlheimat Glasgow vor vier Monaten. Mir kommt es vor wie vier Jahre.
Langsam ruckelt der Bus der Linie 4 die Victoria Road entlang. Ich war beim Weihnachtsessen bei einem Kommilitonen und bin auf dem Weg nach Hause – in meine eigene Wohnung. Seit November lebe ich im West End in meiner Wahlheimat Glasgow in einem winzigen Zweizimmer-Apartment.

Ich denke an Paul und dass ich ihn vermisse, aber ich habe mich absichtlich für meine eigenen vier Wände entschieden. Mein Herz musste dringend zur Ruhe kommen, runterkommen, ankommen. Und Paul und ich befinden uns nun mal in unterschiedlichen Lebensphasen mit zum Teil entgegengesetzten Bedürfnissen. Vielleicht brauchte ich ein paar Stufen, um mich in eine eigene Wohnung zu trauen. Ich atme aus. Es ist alles gut so, wie es ist. Jetzt.

Meine Schläfe lehnt an der brummenden Scheibe des Doppeldeckerbusses. Von hier oben kann ich meine Stadt sehen; ich werde ihres Anblicks nie müde, auch nicht im Dunkeln. Wir überqueren den Clyde, und ich denke: Meine Wahlheimat Glasgow ist Hamburg so ähnlich.

Mag sein, dass ich mich deshalb hier wohl fühle, angedockt, geankert. Am Busfenster ziehen die großspurigen alten Sandsteingebäude vorüber, die Weihnachtslichter der Bars und Restaurants, und mein Herz klatscht aufgeregt in die Hände. Immer noch, jedes Mal. Da ist der Crystal Palace, da ist die Central Station, gleich kommt Tony Macaroni. Ich kenne die Strecke auswendig, ich bin sie wochenlang zur Uni gefahren. Jetzt kann ich zu Fuß hingehen. Vorausgesetzt, es regnet nicht in Strömen. Aber hey, das hier ist Schottland.

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Es ist alles ein bisschen sehr stressig, aber an der Uni läuft es gut. Für meinen ersten „richtigen“ Essay über die Jacobite-Risings habe ich ein A bekommen – das ist echt ordentlich für eine Nicht-Muttersprachlerin und ich bin ein bisschen stolz, dass sich die viele Arbeit ausgezahlt hat. Meine Bewerbung für den Vollzeitstudiengang ist abgegeben. Aber während um mich herum alle nach und nach ihre Studienplätze angeboten bekommen, ist es in meinem Mailpostfach still. Was, wenn ich nicht angenommen werde? „Du machst dir viel zu viele Gedanken. Natürlich bekommst du ein Angebot“, schreibt mir der Kommilitone, den ich nach dem italienischen Bistro Eusebi nenne, weil er mir den Kaffee dort ans Herz gelegt hat. Augen zu, ein bisschen hoffen, nützt ja nichts. 

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Das Weihnachtsessen war schön, fast flauschig. Es tut gut, nette Menschen anzusammeln, möglicherweise so was wie Freundschaften zu knüpfen, aber ich bin da vorsichtig geworden, knorrig und spröde. Ein bisschen zumindest.

Auf meiner Einweihungsparty vorige Woche gab es jedenfalls mehrere nette Menschen, Glühwein und Nichtglühwein und Prosecco, nichtlangweilige Gespräche über schottische Geschichte und Outlander und Monogamie, Brexit und ein zweites Unabhängigkeitsreferendum, viele Umarmungen und am Ende eine Taxifahrt und eine Party in einem Club und einen Kuss mit einem Italiener. Und vielleicht sogar ein wenig weniger Knorrigkeit. 

Wirklich schon vier Monate in meiner Wahlheimat Glasgow, denke ich, als ich aussteige. Das ist hoffentlich erst der Anfang.

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