„Looks nice, eh?“ fragt Joe und tritt einen Schritt zurück, um sein Werk zu begutachten. Eigentlich sollte er nur Lampe und Spiegel anbauen und die Schublade in der Küche reparieren. Aber während ich fasziniert mehrfach den Lichtschalter betätigte, um meine neue Lampe zu bestaunen, hat Handwerker Joe kurzerhand das Namensschild genommen, das in der Ecke der Arbeitsfläche über der kaputten Schublade lag, und es eigenmächtig angebaut.

Es ist aus Messing und darauf steht mein Nachname und ich schleppe es seit geschätzt 20 Jahren von Wohnung zu Wohnung mit. Keine Ahnung, woher es überhaupt kommt. Nie habe ich es an irgendeiner Tür angebracht. Dafür braucht man zwei kleine Nägel oder Schrauben und ich habe mich nicht getraut. Ich konnte mich nirgendwo wahrhaftig zu Hause fühlen.

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„But the landlady! She bought the door specifically on a flea market or something“, sage ich ein wenig panisch.
„Aye, don’t worry“, sagt Joe, die Ruhe in Person, schraubt das Schild wieder ab, nimmt einen schwarzen Stift, malt die Löcher über und grinst.
„See? Nothing. I’ve done this before.“

Guter Mann. Ich habe jetzt also ein richtiges, eigenes Namensschild an einer Wohnungstür und bin sehr aufgeregt, weil ein Teil von mir nicht glauben kann, dass das wirklich sinnvoll ist.

Klar, Hamburg ist meine Heimat. Aber hier in Glasgow bin ich inspiriert, kann atmen und schreiben. Und mich zu Hause fühlen. Nur, dass diese Stadt es mir in Sachen Unterkunft bisher wahrhaftig nicht leicht gemacht hat.

Fünf mal. Fünf mal bin ich umgezogen in weniger als einem Jahr.

Warum kann ich mich so schwer zu Hause fühlen?

Nun war es nicht so, dass ich die letzte Wohnung im West End und ich uns sonderlich gern hatten. Aber wir kamen klar. Ich konnte zu Fuß zur Uni und kannte den Weg ohne Google Maps. Ich hatte eine Routine entwickelt, freitags war ich immer einkaufen. Der Pub um die Ecke war auch okay, unter mir ein als Café verkleideter Co-Working-Space. Außerdem hatte ich mich grad im Fitnessstudio gegenüber angemeldet. Und bin sogar tatsächlich hingegangen. Dann kam der Anruf. Die Vermieterin hätte sich spontan entschieden zu verkaufen. Also noch mal Wohnungssuche von vorn.

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Diese Wohnung hier liegt im Süden Glasgows – da, wo ich zuerst untergekommen war. Sie gefunden zu haben war reines Glück und lief nicht über einen Makler oder eine Hausverwaltung. Die Vermieterin hat selbst mal in der Wohnung gelebt, bevor sie auf Weltreise gegangen ist. Sie hat mir versprochen, dass sie diese Wohnung nicht verkaufen wird. Jedenfalls nicht in den nächsten Jahren. Und ich habe mich entschieden, ihr zu glauben. Ich habe Kerzen, Kissen und eine Kuscheldecke gekauft.

Nichts ist von Dauer – na und?

Joe ist gegangen, Spiegel und Lampe und Schublade sind angebaut und festgeschraubt. So ähnlich wie ich. Diese Wohnung könnte ein Zuhause sein, diesmal wirklich. Schwer, das überhaupt noch sagen zu können, wenn doch das meiste im Leben nicht von Dauer ist. Wenn sich alles ändert und im Fluss ist und dieser Fluss ist leider eine Stromschnelle mit sauhohen Wasserfällen.

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Tja, das ist die Schwierigkeit: Trotz dauernder Veränderung, trotz ständigen Verlusts und des Bewusstseins, dass echt nichts für immer ist, immer noch hoffen und glauben und lieben und sich zu Hause fühlen zu können. Zumindest mit einem Seelenzipfel.

Schornsteine, ein lebendiger Himmel und ein kleines Gefühl

Ich liege in meinem Bett und sehe alte Schornsteine. Genau das wollte ich: Alte Schornsteine sehen können in meiner Version von Spitzwegs Kammer. Außerdem sehe ich ein großes Stück Himmel. Der Himmel über Schottland ist nicht wie der Himmel anderswo. Es gibt sicher Pragmaten, die sagen: Pffft, Himmel ist Himmel. Sie haben ja keine Ahnung. Der Himmel hier ist weit und wie eine Decke aus rollenden, morphenden Bergen zwischen Grummelgrau, Watteweiß und Lichtblau. Immer ist irgendwas in Bewegung. Dieser Himmel ist eine lebendige Präsenz. Ich liebe ihn.

Dann breite ich Arme und Beine aus und mache einen Schneeengel im Bett. Und spüre etwas. Da huscht ein kleines Gefühl vorbei, das ich nicht gleich einordnen kann, weil es so fremd geworden ist in den vergangenen Jahren. Tiefe Ruhe und Geborgenheit. Ich glaube, das muss so was wie Frieden sein.

Es könnte tatsächlich passieren, denke ich, dass ich wieder ganz werde. All die Löcher und Risse und abgebrochenen Ecken, das Gebeutelte, Ausgewrungene, das verschwindet nicht – aber es hat seinen Platz, da kann ich es sehen und weiß, dass es zu mir gehört. Es ist okay, jetzt, in diesem Moment. Mich in mir selbst zu Hause fühlen, das tut gut.

Als ich die Augen schließe, taucht das Bild von meinem Namensschild an der Tür in meinem Kopf auf. Es ist ein bisschen schief und angekratzt, aber das macht nichts. Das bin ich auch.


PS: Ich bin freie Journalistin, Autorin und Studierende und das Betreiben dieses Blögchens kostet – genau wie alles andere im Leben – ein wenig Geld. Wer also mag, kann hier via Paypal ein bisschen Trink-, äh, Schreibgeld dalassen. Dankeschön! <3

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