Aus der Ferne sieht es aus wie ein Freiluft-Gottesdienst. Nur, dass hier eben nicht Gott im Mittelpunkt steht, sondern im weitesten Sinne die Natur. Und was würde besser in unsere Zeit passen? Willkommen beim Mittsommer-Ritual der Druiden.

Langsam nähere ich mich dem großen Kreis aus jungen Bäumen und Gräsern im Rouken Glen Park. Ich weiß auch nicht, was ich eigentlich erwartet habe. Vielleicht mehr weiße Rauschebärte, ein Hauch mehr Merlin, Gandalf und Miraculix, eventuell Barfuß-Tänzer mit Astkränzen oder Hörnern auf dem Kopf, ekstatische Zuckungen, enthemmte Tänze, sowas in der Art.

Stattdessen stehen etwa 30 eher durchschnittliche Menschen jeden Alters und Geschlechts brav im Kreis und hören den beiden Männern zu, die in ihren Outfits tatsächlich als kirchliche Geistliche durchgehen könnten. Bloß, dass ihre weißen Gewänder mit den grünen Überwürfen keine steifen Kragen haben, sondern Kapuzen. Einer der beiden hat einen Kurzhaarschnitt und eine eckige Brille; der andere hat einen spitzen Kinnbart und ein glattes Lächeln.

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In meiner Blickrichtung steht ein junger Mann mit Blumenkranz, genau so könnte er mir auch in der Berliner Tram begegnen. Ihm gegenüber steht ein weißhaariges Ömchen im bunten Batikkleid, daneben ein Kerl in Jeans und Trainingsjacke, eine Mutter mit ihrer Tochter. Ich entdecke einen Mann mit langen Haaren und Hörnern – und bin merkwürdig erleichtert. Der Wind weht einen süßlichen Kräuterduft in meine Richtung. Weihrauch, Salbei oder Beifuß?

So ganz genau verstehe ich nicht, was in dem Baumkreis vor sich geht, aber die Himmelsrichtungen spielen eine Rolle, ebenso wie die Elemente. Ich höre immer wieder „Hail and Welcome“ und „Spirits“. Unterschiedliche Beteiligte lesen unterschiedliche Passagen aus kleinen Heften vor. Dann sprechen alle gemeinsam eine Art Gebet. Es klingt vom Rhythmus her ziemlich wie das Vaterunser. Die Sonne bricht durch die Wolken und wärmt das Gras, auf dem ich sitze.

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Vorsichtig nähern sich immer mehr andere Parkbesucher, sie lockt die Neugier auf die Vorgänge im Kreis. Ein Metal-Typ mit wallendem Vollbart und passendem Achselhaar, der duschen offenbar für unnötigen Aufwand hält, lässt sich ein paar Meter neben mir ins Gras plumpsen. Könnten wir das mit den Kräutern noch mal machen?

Die Suche nach Sinn und Halt

Das Mittsommer-Ritual geht weiter; ein eher schmächtiger Mann mit Zöpfchen im Bart schreitet mit einer Trommel außen um den Kreis, dreimal mit unterschiedlichen Rhythmen. Dann lassen die Druiden einen Kelch kreisen, aus dem jeder einmal nippt. Anschließend legen sie kleine Steine in eine große Schale auf den Stein in der Mitte. Der Wind trägt die Worte„… and may mother nature survive“, zu mir.

Es geht, soweit ich die Satzfetzen zuordnen kann, um Durchblick und Hilfe, um Segen und Dankbarkeit, um Licht und Herzen voller Liebe, um Heilung für die Kranken und Trost für die Leidenden. Und viel um die Natur. Die Welt ist seit Anbeginn der Zeit voller Chaos und Kummer, denke ich, und die Menschen suchen ebenso lange auf verschiedenste Weisen nach Sinn und Halt.

„Hail and farewell“ sagen die Druiden schließlich in alle Himmelsrichtungen. Als einer der weißgrün gewandeten beiden Männer „Let’s unwind our sacred circle“ sagt, zieht sich die Wolkendecke wieder zu. Das Mittsommer-Ritual der Druiden ist vorbei.

Christen mögen keine Druiden

Gemächlich schlendere ich den Baumkreis und spreche den Druiden mit der Brille an. Sein Name ist John, den Zirkel hier gibt es seit 15 Jahren und die Bäume hier haben sie vor zehn Jahren extra angepflanzt. „Wir machen das unter anderem, um die Vorurteile gegenüber Druiden auszuräumen“, sagt er. Und das nervigste davon sei das mit den Menschenopfern.

Sein Orden bekomme in den vergangenen Jahren immer mehr Zuwachs. „Das Christentum verliert Anhänger, die Kirche bietet keine Perspektiven und hat keine Antworten auf die Fragen unserer Zeit“, sagt John. Dazu gehört auch die Klimakrise. „Viele Druiden engagieren sich im Umweltschutz, für den Erhalt alter Wälder oder gegen Fracking.“

Ich will wissen, wie die Rituale konzipiert sind und worauf sie basieren – die Druiden pflegten nämlich eine strikte Tradition der mündlichen Überlieferung; Wissen war Macht. Doch was nicht aufgeschrieben ist, neigt dazu, in den Untiefen der Geschichte zu verschwinden. „Unsere Rituale sind alle neu konzipiert“, erklärt John. „Aber wir versuchen, so dicht wie möglich an dem dranzubleiben, wie es die Druiden vor 1000 Jahren gemacht haben. Das ist allerdings nicht ganz einfach.“ Das wenige, was schriftlich festgehalten ist, stammt unter anderem von Julius Cäsar und römischen und griechischen Schreibern. Frühe Berichte über Druiden zeigen sie als Intellektuelle, Philosophen, Astronomen, Naturwissenschaftler; erst später kommt die Sache mit den Opfern dazu.

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Außerdem hätten sich laut John einige Bräuche bis heute gehalten: „Handfasting zum Beispiel. Der Zeitraum von einem Jahr und einem Tag ist kein Zufall, weil dann wieder Markt war und wenn ein Paar in dieser Zeit keinen Nachwuchs bekommen hat, dann konnten sich beide dort neu umsehen.“ Und viele Traditionen der Druiden und frühen Religionen wären damals einfach vom Christentum absorbiert worden. „Sie haben dem Ganzen bloß einen neuen Anstrich gegeben“, sagt John. Er ist erstaunlich bibelfest. „Es ist schon sinnvoll, sich damit auszukennen“, sagt er und grinst. „Damit man den Christen direkt ihre eigenen Argumente um die Ohren hauen kann.“

Die Christen in Schottland waren laut John übrigens die einzigen, die sich gegen die Aufnahme der Druiden als vollwertiges Mitglied in die Ökumene ausgesprochen haben. „Moslems, Hindus, Sikh – alle waren dafür. Nur die Christen waren dagegen.“ Manche Dinge ändern sich eben nie.

Das nächste Ritual finde Anfang August statt, es geht um Dank für die Ernte. „Komm gern wieder vorbei“, sagt John. Und ich halte das für eine ziemlich wunderbare Idee.


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