Elegante Atmosphäre mache ich ja unter anderem daran fest, wie winzig Schnittchen und Weingläser sind. Demnach ist die Abschluss-Veranstaltung meines Studium-Vorbereitungskurses ziemlich edel. Für mich fängt hier das Abenteuer, als Arbeiterkind an die Uni zu gehen, gerade erst an.

Gemeinsam mit Universitäts-Offiziellen, Dozenten und Dozentinnen, Mitstudierenden und ihren Familien feiern wir Access Students im historischen Hunterian Museum in der University of Glasgow, dass wir das Jahr überstanden haben und angenommen wurden. Zwischen Mumien, Wal-Skeletten und anderen eklektischen Exponaten lauschen wir ein paar Reden, applaudieren gedämpft, suhlen uns in hauchdünnen Lachs-Canapés und dem Gefühl, die erste Hürde auf dem zweiten Bildungsweg geschafft zu haben. Ab September geht’s dann richtig los.

PhD for me? Gee!

„Deine Abschlussprüfung war hervorragend“, sagt mir meine strenge Dozentin für schottische Geschichte beim zweiten Gläschen Weißwein. „Ich erzähle meinen Bekannten immer, dass die beste Studierende in meinem Kurs mit dem besten Englisch in diesem Jahr gar keine Muttersprachlerin ist.“

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Es dauert ein paar Sekunden, bis der Groschen fällt und ich glaube, ich werde rot oder so. „Oh, Dankeschön“, sage ich ein bisschen plump und lenke dann unser Gespräch wieder auf die Jacobites und die Union und Schottland überhaupt. „Einer der Studierenden, die gerade ihren PhD gemacht haben, kommt aus meinem Vorbereitungskurs“, sagt sie ein paar Augenblicke später und in ihrer Stimme schwingt Stolz mit. Ich nicke freundlich-interessiert und schiele nach den Lachs-Dingsis.

Dann schaut mich meine Dozentin direkt an, zieht ihre Augenbrauen zusammen und sagt unvermittelt: „Du hättest auch das Zeug dazu, deinen PhD zu machen.“

Als Arbeiterkind an die Uni – puh!

So ein einfacher Satz, klar und unmissverständlich, dessen Widerhall mich urplötzlich trifft und aufwühlt. „Was, äh, ich?“ frage ich verdattert. Wie ein Mauerblümchen, das überraschend zum Tanzen aufgefordert wird. Oder wie eine Person, die gegrüßt wird und sich reflexhaft umdreht, um zu schauen, ob nicht jemand hinter ihr gemeint ist.
„Ja, klar. Du bringst alles mit“, sagt sie und ich möchte am liebsten im Holzboden versinken.

Davon abgesehen, dass ich noch nicht mal weiß, ob ich überhaupt das erste Jahr an der Uni überstehe, wäre das sehr weit weg und auch mit unglaublich viel Arbeit verbunden. Ich bin oft ungeduldig und manchmal flatterhaft, über 40 und nicht mehr so gehirnflott. Vor allem jedoch entstamme ich einer langen Linie von Bauern und Arbeitern. Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht – als Arbeiterkind an die Uni gehen. Und dann auch noch einen PhD anstreben. Was für ein hochtrabender Gedanke.

Als ich später darüber twittere, gibt es enorm viel Zuspruch. Nicht nur dafür, als Arbeiterkind an die Uni zu gehen – sondern auch dafür, ehrgeizige akademische Ziele anzustreben.

All diese Reaktionen haben mich nicht nur sehr gefreut, sondern auch gezeigt: Es geht vielen Menschen recht ähnlich; Arbeiterkinder trauen sich auch heute noch oft selbst nicht genug zu. Dieses verinnerlichte „Bleib auf deinem Platz“ und die Selbstzweifel sind nur schwer zu überwinden. Dabei sollte und darf Herkunft nicht über Chancen und Bildung entscheiden. Tut sie aber laut OECD-Report oft genug. Deshalb sind Zuspruch und Unterstützung so wichtig.

„Das klingt toll und ich liebe Geschichte, aber, äh, ich weiß wirklich nicht, ob ich schlau genug dafür wäre. Es ist ja auch nicht so einfach, als Arbeiterkind an die Uni zu gehen und all das“, sage ich zu meiner Dozentin und reibe mit Daumen und Zeigefinger meine Nasenwurzel. Sie schaut mich mit unverändert zusammengezogenen Augenbrauen an. Dann lächelt sie und sagt: „Nonsens. Du schaffst das.“

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PS: Ich bin freie Journalistin, Autorin und Studierende und das Betreiben dieses Blögchens kostet – genau wie alles andere im Leben – ein wenig Geld. Wer also mag, kann hier via Paypal ein bisschen Trink-, äh, Schreibgeld dalassen. Dankeschön! <3

 

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