„It’s a wild, wild country. Isnt’ it?“ Die ältere Dame mit dem weißen Bob und dem englischen Akzent spricht mit ihrem Mann, aber sie sieht ihn dabei nicht an; sie schaut entrückt aus dem Zugfenster in die schottische Landschaft. Die zwei sind Teil einer Senioren-Reisegruppe, die zufällig mit demselben Zug von Glasgow nach Oban fährt wie ich. Und wie eine Schulklasse. Und wie sehr, sehr viele andere Menschen. In nur zwei Waggons.

Weil kein Sitzplatz mehr frei ist, stehe ich seit über einer Stunde im Gang. Wir fahren gerade an den Ausläufern von Loch Lomond vorbei und die ältere Dame mit dem weißen Bob ist nicht die einzige, die von der schottischen Landschaft berührt und beeindruckt ist.

Schottische Landschaft umfängt das Herz

Zerklüftete Hügelketten mit scharfen Kanten, an denen die Wolken hängenbleiben wie Watte an einem Nagel. Wenn man mit der Fingerkuppe über den Horizont fahren könnte, würde man sich wahrscheinlich daran schneiden, denke ich. Große, sattgrün überwucherte Felsungeheuer, aus deren uralten Tiefen man jeden Augenblick ein seufzendes Grollen erwartet. An einigen Stellen ist die grüne Decke aufgescheuert wie ein abgenutztes Sofapolster; hier und da rinnen schmale Flüsse wie Silberbänder durch die Wölbungen. Die schottische Landschaft wickelt sich um die Seele, umfängt das Herz, nimmt es in Besitz.

Ich sehe wirklich viel zu selten was davon, befinde ich – und beglückwünsche mich nachträglich zu meiner Entscheidung, mir ein paar Tage außerhalb Glasgows zu gönnen. Meine kurze Reise führt mich über das westschottische Hafenstädtchen Oban und die Insel Mull nach Iona. Und selten war der Ausdruck „Der Weg ist das Ziel“ so zutreffend. Ich bin nahezu die ganze Anreise über damit beschäftigt, mit bewunderndem Herzklopfen aus Zug-, Fähren- und Busfenstern zu starren.

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Und schließlich rückt Iona ins Blickfeld. Türkisblaues Meer, weißer Sand, sanfte Hügel und ordentlich aufgereihte kleine Häuschen. Und das Licht! Das Licht ist hier anders, ein bisschen weicher irgendwie und heller. Warum Iona? Gute Frage. Ich glaube, ich wollte Ruhe, Stille, Natur, schottische Landschaft. Ein wenig Geschichte und viel Meer. Ans Ende der Welt, aber nicht ganz so lange fahren müssen.

Allerdings würde ich gern auch weniger lange laufen, denke ich so, während ich meinen Rucksack-Trolley mehr als 20 Minuten die einzige, schmale Inselstraße entlang zerre. Vorbei an der Kloster-Ruine, den Bio-Gemüsegärten der beiden Insel-Hotels, der wieder aufgebauten Abtei, zwei knuffigen Shetland-Ponys und außerordentlich vielen Schafen. Bitte bleiben Sie stehen, es gibt fast nichts zu sehen.
Iona gilt schon seit Ewigkeiten als spirituelles Zentrum des keltischen Raums. Und zwar nicht erst, seit der irische Mönch und Missionar Columban im Jahr 563 mit seinen 12 Gefolgsleuten hier angelegt und beschlossen hat, eine Kirche und eine Abtei zu errichten und von hier aus das Christentum zu verbreiten. Schon in vorchristlicher Zeit war Iona die Insel der Druiden – das hat mir zumindest neulich ein Druide gesagt – weil hier der Schleier zwischen den Welten durchlässiger sei als woanders. Wenn man will, kann man das durchaus so sehen, finde ich.

Iona ist ein kleines Idyll

Die zartlilafarbenen Spitzen der kniehohen Gräser am Wegesrand nicken zu einem unhörbaren Rhythmus, dazwischen die gelben Tupfen von Butterblumen und Labkraut, die weißen Dolden des Bärenklaus – und… Ist das Sauerampfer? Ich halte an und probiere ein Blatt. Ja, schmeckt genau wie früher.

Von hinten höre ich ein Auto heran rollen. Davon gibt es auf Iona nicht viele, sie gehören den wenigen Einwohnern. „To the hostel?“ fragt mich eine freundliche Stimme aus dem Autofenster. Es ist John, der Hostel-Besitzer und er nimmt mich das letzte Stückchen mit. Wir plauschen ein wenig über meine Anreise und das Hostel. „All I want is a few days of peace and quiet“, sage ich. „Oh, you came to the right place“, sagt John. Das Iona-Hostel liegt abgelegen am nördlichen Ende der Insel, die insgesamt nur 4,8 Kilometer lang und 2,4 Kilometer breit ist. Ein kleines Idyll, ein Rückzugsort.

Nach dem Einchecken mache ich einen sehr langsamen Spaziergang zum Strand, über einen Teppich aus Gras und Gänseblümchen, aus weißem und rotem Klee. Und dann sitze ich einfach nur da, in einer kleinen Mulde in der Seite einer Düne, windgeschützt, und starre über eine Stunde lang nur aufs Meer. Genauso, wie ich es mir vorgenommen hatte. Einatmen. Ausatmen. Sein.

Es ist noch zu früh für Abendbrot, entscheide ich irgendwann ungezählte Atemzüge später – und nehme eine Mini-Wanderung zum Brunnen der Ewigen Jugend in Angriff. Ich meine, wie schwer kann der schon zu finden sein?

Was mir Google Maps bedauerlicherweise vergessen hat mitzuteilen: Der Brunnen der Ewigen Jugend befindet sich ganz oben auf dem höchsten Punkt der Insel, dem Dun ì. Außer mir und meiner Freunde der Schafe ist kaum jemand unterwegs; die vielen Tagesausflügler sind längst wieder weg. Und so klettere ich gar nicht so leise fluchend über Vorsprünge, wacklige Steine und Felsen durch die schottische Landschaft. Immer weiter. Nicht zurückblicken, nicht in Schafdung treten, bloß nicht stolpern.

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Oben auf den 101 Metern angekommen sehe ich: Der Weg hat sich gelohnt. Mein Blick reicht über Iona bis zu den anderen Inseln der Inneren Hebriden. Ich bin ganz allein hier oben mit dem Wind; erfüllt mit dem Bedürfnis, mich mit ausgestreckten Armen im Kreis zu drehen, bis ich umfalle; zu spüren, wie mein Herz gegen Gras, Fels und Erde klopft und in die schottische Landschaft fließt.

It’s a wild, wild country – und es lässt dich nie mehr los.


PS: Ich bin freie Journalistin, Autorin und Studierende und das Betreiben dieses Blögchens kostet – genau wie alles andere im Leben – ein wenig Geld. Wer also mag, kann hier via Paypal ein bisschen Trink-, äh, Schreibgeld dalassen. Dankeschön! <3

 

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