„Gene bedeuten einen Scheiß“, sagt mein Kommilitone Grant zum Thema Familie und nimmt einen großen Haps von seinem Pancake. „Man kann mit Leuten biologisch verwandt sein und trotzdem rein gar nichts mit ihnen gemeinsam haben.“

Darüber denke ich lange nach. Ich kenne nur sehr wenige Familien, die nicht in irgendeiner Weise dysfunktional sind. Familie ist ein kompliziertes, konfliktbehaftetes Konstrukt. Vor allem aber ist Verwandtschaft komplett zufällig und unfreiwillig. Nur, weil wir die gleiche Kieferform, eine ähnliche Haarstruktur, die gleichen Wurstfinger und Talente haben wie Eltern oder Geschwister, können wir trotzdem Fremde sein.

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Wir suchen uns unsere biologischen Erzeuger nicht aus; wir werden in ein Gefüge hineingeboren und müssen dann dort unseren Platz finden.

Familie ist mehr als Genetik

Ist Blut also wirklich dicker als Wasser? Das hat Omi so oft gesagt. Für sie war Familienzusammenhalt immer das Wichtigste, sie hat ihn vorgelebt und war das Zentrum.

Ich sehe das inzwischen so: Wir können uns zwar bei unserer Familie mehr erlauben und uns vielleicht auch eher auf sie verlassen, weil wir eben verwandt sind und immer sein werden – aber genau deshalb können wir uns von der Familie auch schwerer lösen als von Freunden.

Das kann mitunter zu einem lebenslangen Problem werden. Familie kann tiefes Leid verursachen, das sich zuweilen am besten mit therapeutischer Hilfe bearbeiten lässt.

Und wenn wir Familienmitglieder oder Verwandte erst spät kennenlernen, garantieren geteilte Gene noch lange keine gute, herzliche Beziehung. Im Gegenteil: Blutsverwandte können richtige Arschgeigen sein. Genauso jedoch kann aus dem Stand eine Art Freundschaft entstehen. Dabei kommt es meiner Erfahrung nach aber nicht auf die Biologie an.

Es gibt so viele Menschen, die in nicht-klassischen Familienformen aufwachsen oder die sich später im Leben ihre Herzensfamilie aus nicht-verwandten Menschen zusammenstellen; es gibt Familien mit adoptierten Kindern, in denen es harmonisch und liebevoll zugeht – und es gibt das exakte Gegenteil. Und so vieles dazwischen.

Der wichtigste Mensch in meinem Aufwachsen war meine Omi. Von ihr habe ich gelernt, was Großzügigkeit, Mitgefühl und Verständnis bedeuten; das wichtigste Familienmitglied heute ist meine kleine Schwester mit dem großen Herzen. Außerdem zähle ich dazu meine Freunde, die ich immer lieb haben werde.

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Natürlich gab und gibt es auch in unserer – wie in fast jeder Familie – ungute Dynamiken, Streit und Dinge, die anders definitiv besser und gesünder gewesen wären. Trotzdem bin ich insgesamt froh und dankbar. Familie bedeutet eben unter anderem, Geschichte und Geschichten teilen zu können; gemeinsame Sprache und Scherze; ein Stück Kultur, wenn man so will. Und Identität – vielleicht nicht nur in der Zugehörigkeit, sondern gerade auch in der Abgrenzung.

Eins habe ich gelernt, sowohl durch eigene Erfahrungen als auch von Erlebnissen meiner Freunde: Großziehen ist wichiger als zeugen. Denn ein warmes, offenes, liebe- und verständnisvolles Herz – das bekommt man nicht durch die Gene.


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