„Opa2“ heißt die Audio-Datei, die beim Aufräumen plötzlich zwischen Ooh La von den Kooks und Open Sesame von Leila K. in iTunes auftaucht. Ach, denke ich, guck mal an. Was das wohl ist? Doppelklick. Und dann höre ich seine Stimme. Opi erzählt von früher.

Zittrig, hoch, leise, verwaschen – seine Stimme klingt anders, als ich ich sie über zwei Jahre nach seinem Tod in Erinnerung habe. Bestimmt, und souverän und klar klang Opi die meiste Zeit seines Lebens und so klingt er inzwischen auch wieder meinem Kopf. Aber diese Aufnahme ist aus der letzten Zeit im Pflegeheim. Wir sitzen im Garten und die Vögel zwitschern. Und Opi erzählt von Gefangenschaft, Zwangsarbeit, Hunger und Typhus.

„Die, die ein bisschen größer und stärker waren, die wurden dann vom Lager in den Wald geschickt zum Holzhacken. Ich war aber zu klein damals. Und dann habe ich die Sachen im Lager erledigt: Brot geholt, Kartoffeln abgeladen, Fischgräten gesammelt. Die haben wir dann aufgegessen, gekocht und Suppe davon gemacht“, erinnert sich Opi.
„Fischgräten gesammelt?“, frage ich.
„Na, aus den Tonnen. Was die weggeschmissen haben.“

Verrat und Zwangsarbeit

„Die“ – das waren die russischen Soldaten. Opi ist 1945 in Ostpreußen in Kriegsgefangenschaft gekommen; er war keine 15. Ich kenne die Geschichten, er hat sie mir immer mal wieder erzählt. Kurz, knapp und sachlich, ausschließlich auf Nachfrage und mit ein bisschen bohren.

Zu Pferd waren ein paar versprengte russische Soldaten in das kleine Dorf bei Rastenburg gekommen und hatten die restlichen 30, die nicht geflüchtet waren, aus den Häusern geholt. Zwei Dorfbewohner wurden gleich erschossen, das Ehepaar Ploma am nächsten Tag, ebenso Opas Tante Lina. Und schließlich Opas Vater; seine Tochter fand ihn tot im Straßengraben. Warum genau, das wusste niemand in der Familie.

Opa und seine Freunde, Helmut und Gustav, hatten sich immer im Schafstall unter der Futterkrippe vor den Russen versteckt. Doch Ende März hat sie „der Neumann“, wie Opa ihn zeitlebens nannte, verraten. Die russischen Soldaten drohten, sie würden eine Granate in den Stall werfen, wenn die Jungs nicht rauskämen. Und so kamen sie hervorgekrochen, ein Bengel nach dem anderen, und gingen zu Fuß ins Ungewisse.

Opi erzählt: „Wir waren in verschiedenen Lagern, in Tapiau waren wir am längsten. Ingesamt war ich ja dreieinhalb Jahre in Gefangenschaft. Und überall haben wir gearbeitet.“ Zum Beispiel in einer Tischlerei, bei Bauern, bei Offizieren. Er hat seine gesamten Teenagerjahre in Zellen und Baracken verbracht, mit Zwangsarbeit.

Zwischen Opis Sätzen hört man in der Aufnahme immer mal wieder, wie er sich mit der Serviette über die kurzen Bartstoppeln wischt. Rasieren hat nicht mehr so gut geklappt zum Schluss. Ach, Opi.

Zu Fuß illegal nach Hamburg

Wie die russischen Soldaten denn so zu ihm waren, frage ich ihn in der Aufnahme. „Die, wo ich war, die waren schon ganz in Ordnung“, sagt Opi. Verständigt haben sie sich fetzenweise auf Polnisch, Russisch, Deutsch.

„Dann wurde ich krank, ich hatte Typhus. Also, Verdacht auf Typhus. Da war ich ziemlich krank und kam in ein anderes Zimmer“, erzählt mir Opi über meine Kopfhörer. „Und die anderen Leute, die da waren, waren mir sehr behilflich. Ich weiß nicht, was die mir da alles gegeben haben. Aber dann wurde ich wieder gesund.“

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1949 ist er freigekommen. Ich erinnere mich an seinen Entlassungsschein, gestempelt in Berlin. Ich habe ihn aufbewahrt; er ist in einer meiner Kisten – in Berlin.

Opi erzählt weiter: „Wir alle zusammen kamen in einen Zug und fuhren in den Ostteil. Von dort aus bin ich schwarz hier nach dem Westen. Meist zu Fuß, zwischendurch auch mal mit dem Zug.“ Er machte sich auf den weiten Weg nach Hamburg zu seinem Onkel Fritz: „Das war ja der einzige, von dem ich wusste, wo er war.“

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Opi, der Flüchtling, fand Arbeit beim Kartoffelbauern, machte seinen Führerschein. Er knüpfte Freundschaften; mit Hans, Peter und Klaus ging er feiern und auf Tour. An die Ostsee oder Ski fahren… Er holte seine verlorene Jugend nach.

Und dann traf er Oma.

Opi erzählt von Omi

Diese Begegnung veränderte sein Leben. In Omi fand er Halt und ein Zuhause. So wie sie in ihm. Zwei Flüchtlinge, die beide nichts hatten. „Das war auf einem Ostpreußentreffen“, sagt Opi. Es war 1954 und es war das Tanzlokal Tegernsee am Hamburger Hauptbahnhof. Das weiß ich, weil Omi mir so oft davon erzählt hat. Sie wollte eigentlich nichts Festes, doch Opi ließ nicht locker.

Omas Vater kannte Opas Familie. „Er hat meinen Nachnamen gehört und gesagt: ‚Den kenn‘ ich, den kenn‘ ich. Mit dem hab‘ ich gearbeitet‘.“

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Und Omas Vater sagte wenig später auch: „Den nimm’ man!“ Und so nahm sie ihn, den Opa. Sie zogen zusammen in eine Baracke im Südosten Hamburgs, sie verlobten sich an Weihnachten, sie heirateten Ende August 1955 und feierten in ihrer bescheidenen Behausung. Sie standen ganz am Anfang eines langen gemeinsamen Lebens.

Oma starb im September 2016; Opi im April 2017. Wenige Stunden vor seinem Tod sagte er: „Ich glaub’, ich geh’ heute zu meiner Frau.“

Ich schließe iTunes und setze die Kopfhörer ab. Mein Herz braucht eine Pause. Ich vermisse die beiden so sehr.


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