Der alte Mann sitzt am Fenster im zweiten Stock. Ich sehe ihn, als ich auf dem Weg von der Bank zurück in meine Wohnung kurz den Blick schweifen lasse. Spontan winke ich ihm zu. Er guckt kurz verblüfft und winkt dann zurück.

Beim nächsten Mal, diesmal auf dem Heimweg vom Supermarkt, schaue ich mit Absicht hoch. Er sitzt wieder am Fenster. Wieder winke ich und er winkt, diesmal lächelnd, zurück.

Inzwischen lege ich all meine Wege so, dass ich an seinem Fenster vorbeikomme. Ich weiß nicht, ob er allein lebt, wie er heißt, ob er gesund ist. Aber wir sind so was wie Freunde und machen einander Freude, wenigstens für ein paar Momente.

Es sind diese Momente, die so wichtig sind. Augenblicke mit einem Glitzerkern aus Hoffnung.

Panik-Porno gibt’s genug

Ja, die ganze Welt knirscht unter den Auswirkungen einer Pandemie. Niemand kann sagen, wann es vorbei ist, was die Zukunft bringt. Ich könnte mich jetzt in schlechten Nachrichten suhlen, in Angst. Ich könnte darüber schreiben, dass in Polen staatliche Überwachung per App stattfindet, dass Ungarn jetzt quasi eine Diktatur ist, dass die Wirtschaft kollabiert, dass Menschen sterben, Tausende. Und noch viel mehr. Mache ich aber nicht, will ich nicht. Das machen andere. Panik-Porno gibt es derzeit überall genug.

Scheiße kommt von allein, Hoffnung ist ein bisschen Arbeit. Ich kann nicht ändern, was um mich herum passiert. Aber ich habe einen kleinen Einfluss darauf, wie ich es bewerte, wie ich es wahrnehme, was ich an mich heranlasse.

Das heißt nicht, dass alle für ihre Gefühle komplett selbst verantwortlich sind. Krisen wie diese können überwältigend sein, das ist normal und okay.

Hoffnung
Radikale Hoffnung in wirklich schweren Zeiten | © J. Wagener

Was ich meine, ist die gerichtete Aufmerksamkeit. Das, worauf ich schaue, ist das, was ich sehe. Wenn ich meinen ganzen Tag mit schrecklichen Nachrichten vollstopfe, ist es kein Wunder, wenn ich am Ende vor Erschöpfung, Angst, Zynismus und Hoffnungslosigkeit platze.

Ich plädiere dafür, gezielt nach dem Guten zu schauen. Nach der Hoffnung. Mutwillig.

Krisen und Hoffnung

Krisen und ich, wir kennen uns ganz gut. Da waren die einvernehmliche Scheidung, mit der ein ganzes Lebenskonzept zerbröselte; die Krebserkrankung, die mich körperlich und seelisch zermürbt hat; der Mann, der mir während meiner Weltreise das Gefühl gab, er würde zu Hause auf mich warten – und mir dann bei meiner Rückkehr erklärte, er wäre eventuell in so etwas Ähnliches wie eine Beziehung mit einer anderen hineingerutscht; die zunehmende Pflegebedürftigkeit meiner Großeltern und die damit verbundenen nahezu unvorstellbaren Belastungen; kolossales Scheitern in einer beruflichen Situation; der Tod meiner Omi, sieben Monate später Opis Tod – überhaupt der Verlust von sieben lieben Menschen und meiner Katze… All das innerhalb von weniger als zehn Jahren, all das hat mich fast zerquetscht. Fast.

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Nichts davon will ich nochmal erleben. Nichts davon kann ich ändern. Aber ich habe dadurch so viel über mich selbst gelernt, über meine Stärken und Schwächen, über meine Grenzen, was mich glücklich macht und was nicht. Ja, man kann etwas abgrundtief zum kotzen finden und trotzdem einen brauchbaren Fetzen mitnehmen. Vielleicht haben wir die Chance, ähnliches auch mit unserer Gesellschaft zu schaffen. Irgendwie. Gemeinsam.

Natürlich sind die vielen Ängste und Zweifel nicht unberechtigt. Aber ich weigere mich stur, kopfüber in den Abyss zu springen. Ich will radikal Hoffnung haben.

Zeit für Veränderung

Ich will daran glauben, dass wir die Kraft haben, die Welt positiv zu verändern. Dass wir diese Krise nutzen können, um Dinge, die bisher schlecht gelaufen sind, endlich zu verbessern. Dass wir in all dem Chaos, der Angst, der Not und dem Tod tatsächlich etwas Gutes finden; etwas, das bleibt. Dass wir die Kraft haben, diese Gesellschaft zu formen. Bedingungsloses Grundeinkommen, den Fuckfinger für neoliberalen Kapitalismus und dieses auf unendliches Wachstum und puren Profit ausgerichtetes Wirtschaftssystem, mehr Digitalisierung in der Bildung, flexibleres Arbeiten. Endlich angemessene Bezahlung für Menschen in Berufen, die wahrhaftig systemrelevant sind. Angemessene Unterstützung für Menschen, die häusliche Gewalt erleben. Ein besseres Gesundheitssystem. Den verdammten Planeten retten. Und zehntausend andere Dinge.

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Wir sehen doch jetzt kontrastscharf, was wir wirklich brauchen – Gerechtigkeit, Pflege, Kunst, Musik, Tanz, Kreativität, Solidarität, Menschlichkeit, Gemeinschaft, Nähe, Freundschaft, Liebe. Wir brauchen einander. Und wir brauchen Hoffnung.

Das nächste Mal, wenn ich kurz das Haus verlasse, werde ich Zettel mitnehmen für den alten Mann am Fenster. Und wie bei Tatsächlich Liebe werde ich sie nacheinander fallen lassen. Darauf wird stehen: „Thank you for being so nice. Do you need anything?“

Ja, Dummheit, Gier und Hass sind durchaus stark im Menschen. Liebe, Mut und Hoffnung aber auch.


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