Wenn ich geahnt hätte, was auf mich zukommt, hätte ich Robinson Crusoe aufmerksamer gelesen. Vor allem aber hätte ich mehr Verständnis aufgebracht für den Protagonisten, der auf der Insel hockt, sich in seiner Höhle einnistet und über seine Pflanzen freut. Ich hätte was lernen können für die Einsamkeit im Lockdown.

„Und, wie ging’s dir so im Lockdown?“
„Ja, feiffe – fie allem amberen auff. Nur baff Daydrinking war okay“, versuche ich mit diesem nervigen Spreizinstrument in den Mundwinkeln zu der Zahnarzt-Assistentin zu sagen.
„Kenn ich. Saß schon mittags mit Gin auf der Terrasse. Haha.“
„Hahaha.“

Wir lachen kurz und trocken. Hinten in unseren Augen hängt noch der düstere Lockdown-Schimmer. Denn die vergangenen Monate während der Corona-Pandemie waren nicht leicht.

Einsamkeit im Lockdown

Keine Frage, die Pandemie hat unsagbare Anstrengungen von allen gefordert: Familien, die sich an Konflikten oder Homeschooling-Stress aufgerieben haben; alte Menschen in Pflegeheimen, die monatelang von Angehörigen getrennt sein und Angst um ihr Leben haben mussten; medizinisches und Pflegepersonal am absoluten Limit.

Doch dann gibt es da noch eine Gruppe von Menschen, die in der Wahrnehmung bisher kaum stattgefunden hat, weil interessiert ja niemanden und kriegt auch keiner mit: Singles.

Monatelang kauerten wir komplett allein in unseren Wohnungen. Der gelegentliche Einkauf im Supermarkt oder der hin und wieder klingelnde Postbote als einzige Sozialkontakte. Und die Einsamkeit im Lockdown ist auch an uns nicht spurlos vorbeigegangen.

Laut einer Umfrage hat hier in Großbritannien eine von zehn Personen die Lockdown-Regeln gebrochen, nur um kurz Kontakt zu anderen zu haben. Kein Wunder: Monatelang ohne andere Menschen zu sein, das macht was mit der Seele. Hier der Versuch, die verschiedenen Phasen der Einsamkeit im Lockdown festzuhalten – so, wie ich sie erlebt habe. Und ich hatte noch Glück.

Die Phasen des Verfalls

Phase 1: jagen und sammeln

Das Toilettenpapier geht zur Neige. Ich ziehe festes Schuhwerk an, packe mir Wasser und Snacks ein – und klappere auf der Suche nach dreilagigen Zelluloserollen den halben Tag lang sämtliche Supermärkte und Läden im Umkreis ab. Zum dritten Mal in dieser Woche.

Wenn ich irgendwo umkämpfte Luxusgüter wie Dosentomaten, Kichererbsen oder Nudeln finde, schlage ich zu. Und dann kaufe ich welche. Auf dem Schwarzmarkt sollen die Preise für Handdesinfektionsmittel in astronomische Höhen schnellen. Bitcoins sind nichts dagegen. Dass ich noch einen Desinfektionsmittel-Altbestand aus Weltreisezeiten habe, fällt mir erst nach umgerechnet 8 Euro fünfzig für 50 Milliliter auf. Aber derartige Investitionen amortisieren sich ja immer erst im Laufe der Zeit; das weiß man, das ist bekannt.

Aus einer kurzen, wirren Prepperphase vor einigen Jahren besitze ich auch noch ein UKW-Radio mit Handkurbelbetrieb, Sturmstreichhölzer, einen Klappspaten sowie Einwegmasken – allerdings in einer Kiste am Rande Berlins, was mir in Schottland höchstens von ideellem Nutzen ist. Trotzdem fühle ich mich leidlich gewappnet. Und das zählt.

Noch weigere ich mich, Zoom zu installieren und schlage entsprechende Einladungen aus. Ich habe irgendwo was mit Datenschutz gelesen. Im Hintergrund lacht leise mein Google-Konto.

Ansonsten ändert sich für mich und meine Jogginghose nicht viel. Nur Nachrichten machen mir Angst, wie ich mir in den hin und wieder geführten Selbstgesprächen bestätige. Eigentlich alles wie immer. Fast.

Phase 2: Nestbau

Einkaufen ist Leistungssport – es fühlt sich an wie eine Zombie-Version des Sat.1-Klassikers Superball – weshalb ich versuche, es zu vermeiden. Zum Glück gibt es das Internet.

Um der aufwallenden Finanz- und Existenzangst Herrin zu werden, bestelle ich zudem völlig enthemmt Kissen, Poster und Topfpflanzen. Wie jemand, der keine Angst vor Peter Zwegat und einen Interieur-Instagram-Account hat, jedoch bedauerlicherweise nicht fotografieren kann.

Ich lege für alles Listen an und bringe Stunden damit zu, nach einem bestimmten, vergriffenen Poster Ausschau zu halten; letztlich entscheide ich mich dazu, mich stattdessen für Kunstgeschichte einzuschreiben.

Die Topfpflanzen bringen Leben ins Haus. Jedes neue Blatt wird beobachtet, bejubelt, dokumentiert, gelobt und auf Social Media gepostet – so müssen sich Helikoptereltern fühlen. Oder Robinson Crusoe.

Statt Zoom zu installieren, vereinbaren meine Freund*innen und ich Gebäck-Übergaben an selten frequentierten Parkbänken. Ich bekomme Brot für meine Nougatschnecken und weiß auch nicht so recht. Falls jemand fragt: Ich bin Team Blätter- statt Sauerteig.

Nachrichten machen mich wütend, deshalb muss ich sie dosieren: Einmal morgens, einmal abends; je eine rote und eine blaue Pille. Inzwischen unterhalte ich mich regelmäßig recht angeregt mit mir selbst. Und den Topfpflanzen.

Phase 3: Daydrinking

Einkaufen fehlt mir; die Kassiererin ist immer so nett und mein Lieblings-Postbote hat Urlaub. Ich schnappe mir meinen Hackenporsche, gehe wieder selbst und lege mir einen beachtlichen Vorrat an Gin und Whisky zu. Er hält etwa eine Woche.

Und da bin ich offenbar nicht die einzige, auf Amazon ist der Fusel vergriffen. Ganz gleich, wen ich anrufe: Alle sind beschwipst und beduselt, der Wein fließt in Strömen. Zunächst lüge ich mir eine gewisse nonchalant-Juhnk’sche Aura in die Bademanteltasche, während ich auf dem Sessel im Erker verschiedenste Cocktail-Kreationen im Glas schwenke. Doch wenn ich ehrlich bin, verliert das schon nach kurzer Zeit jeden Reiz. Wer tagsüber betrunken ist, ist abends wieder nüchtern.

Doch im Grunde verliert alles seinen Reiz. Selbst das vergriffenste Poster, die pinkste Flasche Gin, die üppigste Topfpflanze, das ausgebuffteste Nischenrezept mit eingelegten Zitronen, geröstetem Bulgur oder literweise rote-Bete-Saft vermag meinen Hirnwindungen kein Fitzelchen Dopamin mehr zu entlocken. Wenn man alles so oft gemacht hat und vermeintlich beliebig oft wiederholen kann, was bedeutet es dann?

Das ist der absolute Tiefpunkt.

Erst nehmen meine Selbstgespräche die Form von Monologen hamlet’schen Ausmaßes an. Ich sinniere, ich hadere, ich fluche. Was soll das alles? Wozu bin ich hier? Dann liege ich auf der ebenso neuen wie unbenutzten Yogamatte und starre den Stuck an. Was ist Zeit? So ein merkwürdiges, absurdes Konzept. Mein kurzes, hartes Lachen prallt von den Wänden ab und wird vom üblichen brütenden Schweigen erstickt. Die innere Leere und Ungewissheit lassen sich weder mit Bourbon noch Bulgur bändigen. Nachrichten sind mir egal. Vielleicht denken meine Klamotten, ich sei gestorben. Vielleicht habe ich irgendwo noch einen Volleyball.

Gott ist nicht tot, Friedrich Wilhelm. Gott ist im Lockdown.

Phase 4: der Roman

Langsam gewöhne ich mich an das konstante Ausweichen beim Einkaufen – rechts, links, ab in die Nische. Könnte eventuell so etwas wie Abstumpfung oder Routine sein, befinde ich.

Außerdem befinde ich: Man könnte, man müsste, man sollte doch endlich mal einen Roman schreiben! Das ist die Gelegenheit, der ideale, ablenkungsfreie, einmalige Moment für ungebremste Schaffenskraft und sprudelnde Kreativität.

Stattdessen mache ich Hausputz – und finde Klopapier unter dem Bett. Gleichermaßen beängstigend und seltsam beruhigend. Lache zehn Minuten über die Vorstellung von mir selbst als Klorollen-Eichhörnchen.

Weiteres Highlight: Der Lieblings-Postbote ist aus dem Urlaub zurück und der pflanzenverrückte Nachbar hat im Garten im Innenhof zwei Hochbeete und ein Gewächshaus gezimmert. Ich verachte ihn für seine Produktivität.

Meine Selbstgespräche reduzieren sich mittlerweile auf ein seltenes, halbartikuliertes Grummeln. Ich weiß ja, was ich meine. Ich verstehe mich. Oder?

Halbherzig schreibe ich schließlich ein paar Ideen für einen Roman zusammen. Es kommen blutende Bäume, Generationentraumata, Verschwörungsmythologien und Prepping vor. Puh, ich darf abends kein Grusel-Netflix mehr gucken. Hm, wie viele Bücher wohl durch Einsamkeit im Lockdown entstehen? Und wie fühlt sich eigentlich eine Umarmung an?

Ich habe vier verschiedene Jogginghosen. Und Zoom installiert. Wenn ich mit Menschen spreche, habe ich anschließend Halsweh. Die Topfpflanzen lachen mich aus. Beim nächsten Gießen lasse ich den Dünger weg.

Phase 5: Yoga und Jogging

Es ist wie es ist, ich kann es nicht ändern, das Leben geht weiter. Irgendwie. Vorerst. Ich bin gesund, ich muss mir um niemand anderen große Sorgen machen. Ein bisschen bin ich froh, dass Omi und Opi jetzt nicht mehr leben – die Angst um sie hätte mich wahnsinnig werden lassen.

In den Geschäften gibt es wieder ausreichende Mengen Toilettenpapier, Nudeln und Dosentomaten. In meinem Schrank auch. Haltbarkeit, die ein wohliges Sicherheitsgefühl vermittelt.

Mein Alltag hat sich eingependelt. Morgens gehe ich joggen, dann mache ich Yoga. Nach Frühstück und Dusche wird gearbeitet. Dann Mittagspause. Dann weiterarbeiten, anschließend Abendessen, danach Netflix oder lesen, schlafen, repeat. Fast jeden Tag irgendein Web-Seminar auf Zoom. Es ist ein wenig eintönig, aber ich komme zurecht. Ich vermisse die Natur. Ich vermisse Pubs. Ich vermisse liebe Menschen. So sehr.

Hier in Schottland wird der Lockdown gelockert und ein befreundetes Paar fragt mich, ob unsere beiden Haushalte eine Bubble bilden wollen. Ich sage lässig „Sicher!“, aber mein Herz zittert und in meinen Augen wallt Wasser auf. Zu dritt machen wir einen Ausflug mit Spaziergang und ich halte meine Nase in den Wind. Außerdem treffe ich drei sehr zauberhafte Border Collies.

Die Topfpflanzen fühlen sich vernachlässigt.

Phase 6: Umarmung und Bier im Park

Der Lockdown wird noch weiter gelockert und ich treffe mich mit Freund*innen und einer Gruppe von Aktivist*innen mit Sicherheitsabstand im Park. Das letzte Mal haben wir uns Ende Februar gesehen. Wir hören die Songs für das geplante Album und trinken Bier. Es ist Juli, nasskalt und sehr, sehr schön. So ähnlich muss sich Robinson Crusoe gefühlt haben, als die Spanier kamen.

Im Garten im Innenhof gedeihen Zucchini, Tomaten, Erdbeeren, Erbsen, Kräuter und ein Apfelbaum. Beim Müll rausbringen nenne ich den Pflanz-Nachbarn „gründaumigen Elfenkönig“ und er lacht in seinen Dreitagebart. Ich liebe ihn für seine Gartenbegabung.

Ich bekomme von meinen beiden Bubble-Freunden die erste Umarmung nach vier Monaten Einsamkeit im Lockdown. Und lasse lange nicht mehr los. <3

Resilienz hilft, ist aber nicht alles

Zum Glück bin ich einigermaßen resilient, zum Glück kann ich hervorragend mit mir alleine sein und brauche das sogar. Aber selbst mir hat die Einsamkeit im Lockdown arg zu schaffen gemacht.

Erlebter Kummer lässt sich nicht vergleichen und ist immer höchst individuell – nur, weil es anderen während der wichtigen und richtigen Selbstisolationsphase fies und mies ging, heißt das nicht, dass Alleinstehende nicht unter den Lockdown-Maßnahmen gelitten hätten.

Und das ist das Problem: Jede*r Single leidet für sich allein. Naja, und halt mit den Topfpflanzen.


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