Grundsätzlich verreise ich am liebsten allein. Diesmal, bei meinem kurzen Urlaub in Schottland irgendwo im Nirgendwo, war ich noch alleiner als sonst. Und das war gut so.

Mein letzter richtiger Urlaub – und damit meine ich, mehr als fünf Tage irgendwo dort sein, wo die Sonne scheint – war Brasilien im Januar 2016.

 

Nach mehreren herzzertrümmernden Todesfällen, dem Umzug in ein anderes Land, dem kontinuierlichen Nervenkitzel der Freiberuflichkeit und der zusätzlichen Belastung durch ein Vollzeitstudium mit Anfang 40 (von den psychologisch komplexen Nebenwirkungen einer Pandemie mal abgesehen) war mein Energielevel bei minus 70.000. Ich musste einfach aus meiner Wohnung raus. So gemütlich sie auch ist, nach mehreren Monaten allein in den gleichen zwei Räumen war ich reif für… egal, was und zwar egal, wo.

Tag 1: fliegende Fische

Mit jedem Kilometer im Bus sind nach und nach all die schweren und bedrückenden Gedanken von mir abgefallen und auf der Landstraße liegengeblieben. Hoffentlich überfährt sie jemand.

 

Das Zimmer in dem alten Kutschgasthof von 1820 ist sehr, sehr schön. An den Wänden hängen Original-Stiche von George III und dem Erstgeborenen von Queen Victoria – Dachbodenfunde einer sehr alten, sehr privilegierten Adelsfamilie. Bedauerlicherweise beißt sich das Muster meines Schlafanzugs aufs Grausamste mit der kitschigen Toile-de-Jouy-Tapete. Habe mich verzückt lachend rücklings aufs Bett fallen lassen. Punk ist nicht tot. Punk ist 43 und braucht dringend Urlaub.

 

Nach dem Nickerchen war ich eben am Fluß Tay und habe zum ersten Mal in meinem Leben einen fliegenden Fisch gesehen. Also einen Fisch, der offenbar vollkommen grundlos kurz aus dem Wasser gesprungen ist. Ob Fische sich auch manchmal erzählen: „Stell dir vor, Hubert: Ich habe heute einen schwimmenden Menschen gesehen!“ – „Echt? Ich seh’ NIE einen!“?

 

Was das Essen angeht: Es ist außerordentlich köstlich und quasi alles selbst gemacht, auch der Honig. Also, von den Bienen. Es ist jedoch auch verhältnismäßig kostspielig, deshalb habe ich meine Strategie entsprechend gewählt: Mir beim späten Frühstück den Bauch vollstopfen, Mittag ausfallen lassen, frühes Abendbrot. Stattdessen den Wein zum Essen weglassen? Ich bin doch keine Barbarin. Und: Meikleour ist nur einmal im Jahr!

 

Da mein Zimmer über ein Wannenbad verfügt, gehe ich jetzt baden und dann schlafen. Herrlich, ich liebe mein Leben.

 

Tag 2: Danke für nichts, Google

Leider habe ich vollkommen verdrängt, dass ich passionierte Heimschläferin bin. Nachtruhe war deshalb eher meh. Ungewohnte Stille und Dunkelheit auf dem Land plus wirre Albträume von Angela Merkel und Corona-Leugner*innen. Urlaub, so schön! Nach dem Frühstück erst mal einen erbaulichen Spaziergang machen und die malerische Umgebung erkunden. Und keine Nachrichten mehr vor dem Einschlafen. Na, dann mal hopp, hopp!


Google Maps ist der Teufel. Wollte nach dem sozial distanzierten Frühstück an einem Einzeltisch zwischen einer Plastikscheibe auf der einen und Birkenstämmen auf der anderen Seite vollgefressen hochmotiviert eine der zwei, nun ja… Sehenswürdigkeiten Meikleours erkundigen: Cleaven Dyke – eine prähistorische Erdwallanlage, die vor tausenden von Jahren für Prozessionen genutzt worden sein soll. Laut Karte ein simpler Weg; immer geradeaus, links und wieder links.

Was Google allerdings hinterhältig verschwiegen hat: Der Weg ist überhaupt kein Weg, sondern eine Landstraße ohne Bürgersteig oder sonstige Erwägung der Existenz von Fußgänger*innen. Nachdem ich Meikleour komplett durchquert hatte (etwa vier Minuten nach Verlassen des B&Bs), hörte der Fußweg irgendwann plötzlich einfach auf.

 

Obwohl nur alle elf Minuten ein Auto vorbei gerast kam, war es jedesmal nervenzerfetzend. Irgendwann fehlten mir Kraft und Lust auf Hechtsprünge in die Brennnesseln.

 

Landstraße in Schottland

 

In meiner Verzweiflung entschloss ich mich dazu, über einen Zaun zu klettern und meinen Weg durch den Wald fortzusetzen. Allerdings verlief oben am Zaun ein Draht und ich erinnerte mich dunkel an ein „lustiges“ Experiment während meiner Ferien auf dem Ponyhof in den 1980ern; Draht kann wehtun. Direkt „Woran erkenne ich einen Elektrozaun?“ gegoogelt. In einem Youtube-Video erklärte Schirmmützen-Heini in aufreizender Ausführlichkeit, man sollte einen Grashalm nehmen und sich langsam nähern. Gesagt, gerupft, getan. Zaun schien harmlos – also flugs drüber.

 

Gerade, als ich anfangen wollte, mich Nehberg-artig durch Farn, Heidekraut und Moos zu schlagen, fiel mir schlagartig noch etwas anderes ein. Handy raus und hektisch „shooting season Scotland“ gegoogelt. Offenbar müssen aktuell Fasane, Rebhühner, Schneehühner, Enten, Gänse, Waldschnepfen dran glauben. Und Moorhühner. O Gott. Erinnert sich noch jemand außer mir an dieses verdammte Spiel? Keine Lust, irrtümlich als totes Moorhuhn zu enden; habe deshalb aus Sicherheitsgründen einen Beatles-Song angestimmt. Selbst der*die erbsenköpfigste Jäger*in weiß, dass Moorhühner und Waldschnepfen nicht Can’t Buy Me Love durchs Gehölz tschilpen.

 

Der Wald war magisch, wunderschön. Silberkrustige Baumstämme, sattgrüne Farnblätter, purpurne Blüten, kleine, braune Pilze, die aussahen, als hätte jemand sein Hütchen liegen lassen… Und das Schönste: Ich war vollkommen allein. Nur ich und die Natur. Vielleicht ein paar Feen. Hie und da ein Bienchen. Pure Wildnis. Freiheit.

 

Fliegenpilz

 

Und dann, nach nicht mal fünf Minuten, stieß ich auf einen augenscheinlich regelmäßig genutzten Spazierweg und eine ältere Dame mit Hund. Gerade noch rechtzeitig, bevor ich beseelt einen Baum umarmen oder einen Urschrei ausstoßen konnte. Wie ich später herausfand, führte dieser – sichere und schöne – Waldweg fast direkt zum B&B. Danke für nichts, Google.

 

War über zwei Stunden unterwegs und der Cleaven Dyke war erwartungsgemäß unspektakulär; im Grunde eine von Büschen überwucherte Schneise im Wald. Na, aber irgendwas ist ja immer.

 

So, wollte heute nur was Leichtes zum Abendessen und habe mir frittierten Fisch mit Pommes und Remoulade bestellt, dazu ein großes Ale (ein Versehen) und zwei Kugeln Eis (Absicht). Die Jogginghose beginnt zu kneifen, deshalb nach dem Essen noch einen Spaziergang durchs gesamte Dorf. Die acht Minuten müssen sein.

 

Tag 3: kein Urlaub in Schottland ohne…

 

Es regnet mit beeindruckender Beharrlichkeit. Schottland eben. Da ich hier jedoch weder atemberaubende Sehenswürdigkeiten noch unvergessliche Events verpasse, ist das okay.

 

Das andere örtliche Highlight neben dem Cleaven Dyke ist eine sehr, sehr hohe Buchenhecke. Gepflanzt 1745, vor dem letzten Jacobite-Aufstand. Ja, dem mit „Bonnie Prince Charlie“. Die steht morgen sicher auch noch da. Werde diesem Tag dem Lesen von Uni-Büchern widmen. Und ein Nickerchen machen.

 

Tag 4: Irgendwas ist ja immer

 

Es hat aufgehört zu regnen und ich war tatsächlich bei der Hecke. Musste dafür wieder an einer fußweglosen Landstraße vorbei, Ausweichen durch einen Wald war diesmal nicht möglich. Habe dem Tod ins Gesicht gelacht und bin einfach immer so lange auf der Straße gegangen, bis ein Auto kam.

 

Die Hecke war … wirklich sehr hoch und recht lang. Angeblich wird sie nur alle zehn Jahre geschnitten, weil es so teuer ist – angeblich mehrere zehntausend Pfund. Sorgen, die nur Großgrundbesitzer*innen kennen. Die Buchenhecke soll jedenfalls an die Schotten erinnern, die 1746 in der Schlacht von Culloden gefallen sind, und hier zu Hause waren. Menschen und Krieg, ey.

 

War anschließend noch mal ausgiebig allein im Wald spazieren und habe Blaubeersträucher entdeckt. Mein inneres Kind so: „Oh, Blaubeeren!“ Mein erwachsenes Ich so: „Oh, Fuchsbandwurm.“ Aber irgendwas ist ja immer.

 

Apropos naschen: Zum Dessert gab es heute Sticky Toffee Pudding mit Vanilleeis und für einen Moment meinte ich, die Englein singen gehört zu haben. Dazu stilecht ein Gläschen Port (Grahams) und anschließend einen Whisky (Ardbeg), weil ich es mir wert bin (und so schlecht schlafen kann).

 

Tag 5: Perfekter Social-Distance-Urlaub

 

Trotz allem wieder schlecht geschlafen; wegen allem wieder ein opulentes Frühstück. Eine der Angestellten hat (wie jeden Tag darauf) gedrängt, mein Zimmer sauber zu machen. Ich habe ihr (wie jeden Tag) versichert, dass sich das nicht lohnen würde. Konnten uns nach zähen, knallharten Verhandlungen darauf einigen, dass sie mir extra viele von diesen Fertigkakao-Tütchen ins Zimmer legen darf.

 

Da heute mein letzter ganzer Tag hier ist, werde ich noch mal einen ausgedehnten Spaziergang über den Nordwald hinaus machen – zum romantischen Loch Stormont oder so.

 

Okay. Meine Fußsohlen glühen. Ich bin insgesamt vier Stunden marschiert – nur, um ein schottisches Gewässer zu finden, das aussieht wie der Öjendorfer See. Wenigstens ist mir (bis auf eine deplatziert durchs Gehölz mäandernde Schulklasse) in den vier Stunden keine einzige Menschenseele begegnet. Schönster Social-Distance-Urlaub! Hatte Blätter und Äste im Haar und fühlte mich glücklich und zufrieden. Ich möchte bitte öfter in den Wald, See egal.

 

Weil ich keine Snacks dabei hatte und fremde Pferde auch nie füttere, bin ich auf dem Rückweg von einem empörten Pferd erst angeschnaubt und dann beinahe angekackt worden. Lache immer noch darüber, dass es mich gesehen und „Geil, Snacks on Legs“ gedacht haben muss.

 

Morgen geht’s wieder zurück nach Hause. Habe soeben erfahren, dass die Einschränkungen in Glasgow wieder verschärft worden sind, weil die Corona-Infektionszahlen steigen. Wie an vielen Orten in Europa.

 

Es ist mir unbegreiflich, warum Menschen während einer Pandemie meinen, Urlaub an übervollen Stränden machen zu müssen. Urlaub in Schottland, mutterseelenallein im Wald ohne andere Menschen finde ich ja wesentlich erholsamer. Und – trotz Landstraße und Jagdsaison – ein bisschen weniger gefährlich.

 


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