Schottland ist meine neue Heimat. Aber viele Deutsche wissen nicht viel über Schottland. Also, außer Whisky, Golf und Outlander. Deshalb hier mein Schottsplainer. In der ersten Folge: Warum will Schottland Unabhängigkeit?

Vorab: Das Thema ist extrem komplex und weit verzweigt, das hier sind nur vereinfachte Zusammenfassungen und ein grober Überblick.

Also! Entgegen erstaunlich verbreiteter Annahme ist Schottland KEIN eigenes Land – es gehört zu Großbritannien (wie England, Wales, Nordirland) – sehr wohl aber eine eigene Nation. Mit einer eigenen, speziellen kulturellen Identität. Und diese Identität unterscheidet sich von der englischen. Sie baut seit ca. 1000 Jahren sogar weitgehend darauf auf, eben NICHT englisch zu sein.

Aber: Schottland WAR sehr lange ein eigenes, unabhängiges Land. Mit eigenem Parlament und allem. Nach dem Tod der kinderlosen „virgin queen“ Elizabeth I von England wurde 1603 der Sohn von Mary Queen of Scots – James VI – König von Schottland UND England/ Irland (und zu James I). Das war die Union of Crowns. Es gab aber noch zwei Parlamente und jede Menge Komplikationen. Doch dazu ein anderes mal mehr.

(Die Sache mit den Jacobites verdient einen eigenen Beitrag. Ist in Planung!)

Im Jahr 1707 löste sich das schottische Parlament freiwillig auf und schloss sich England an. Es gab fortan nur noch ein gemeinsames Parlament in Westminster – das war die Union of Parliaments. Diese Regierung aus der Distanz brachte etliche Probleme mit sich. Tut sie bis heute.

Ein Großteil der schottischen Bevölkerung war auch dagegen, aber der Großteil der Elite setzte sich durch. Kniffliges Thema, aber das hatte unter anderem mit Landbesitz und Zugang zu Kolonien im Empire zu tun. Kurz: mit Profit. Und im Laufe des 18. Jahrhunderts profitierten insbesondere schottische Eliten tatsächlich massiv vom British Empire. Im Klartext: vor allem von der Ausbeutung und Versklavung von Menschen, besonders auf Tabak- und Zuckerplantagen. In Glasgow (das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur „second city of the empire“ avancierte) zeugen noch heute viele Straßennamen davon, woher das Geld für Architektur, Wohlstand & Co. kam: Jamaica Street usw. Hier dazu mehr.

Gleichzeitig galten andere Strukturen als nicht mehr profitabel und tragbar: Im Zuge von Optimierung, Modernisierung und Fortschritt setzten Großgrundbesitzer beispielsweise auf Schafzucht statt auf Kleinbauern. Menschen wurden mit Gewalt aus ihrem Zuhause entfernt und umgesiedelt = Highland Clearances. Das hat ein Trauma hinterlassen und ganze Landstriche entvölkert.

Aber auch darüber hinaus emigrierten viele Schott*innen in die ganze Welt. Seit dem 16. Jahrhundert verließen schätzungsweise 3,6 Millionen Menschen Schottland. Aktuell leben hier ca. 5,5 Millionen Menschen . Zum Vergleich: allein in London sind’s 8,9.

Unterdessen schritt ab dem späten 18. und im 19. Jahrhundert die Industrialisierung auch in Schottland rapide voran, unter anderem finanziert durch Gewinne des transatlantischen Handels. In Glasgow waren es vor allem Textilien. Die Dampfmaschine in einer effizienten Form hat James Watt verbessert und entwickelt – ein Schotte. Auch der Philosoph und Ökonom Adam Smith war Schotte; Edinburgh galt als das Athen des Nordens, intellektuell war ordentlich was los hier im 18. und 19. Jahrhundert – die Aufklärung blühte in Schottland so sehr, dass vom „Scottish Enlightenment“ gesprochen wird. So viel zum Thema „Die Wilden hinterm Hadrianswall mit den blauen Gesichtern“…

Fast forward: Nach den beiden Weltkriegen ging es mit der Industrie in Schottland bergab, spätestens seit den 1960er Jahren. Die soziale Ungleichheit war extrem und noch ausgeprägter als traditionell ohnehin. Teile des Landes waren leer, in Städten wie Glasgow hausten viele bis in die 1960er und 1970er im Elend. Und auf diesen Strukturwandel kam die brutale Austeritätspolitik der Tory-Premierministerin Margaret Thatcher (1979 – 1990). Thatcherism und die Folgen haben die Menschen in Schottland bis heute nicht vergessen.

Unterdessen entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts der schottische Nationalismus, unter anderem vorangetrieben durch den Dichter Hugh MacDiarmid. Richtig Auftrieb gab’s in den 1970er mit den Ölfunden vor der schottischen Küste.

Seit den späten 1950ern wählen die Schott*innen mehrheitlich sozialdemokratisch ausgerichtete Parteien wie Labour. Weil aber der Rest Großbritanniens immer wieder mehrheitlich die konservativen Tories wählt, bekommen die Schott*innen seit einem halben Jahrhundert eine Politik, die sie nicht wollen, für die sie nicht gestimmt haben und die den Bedürfnissen der Menschen hier nicht gerecht wird.

Wieder fast forward: Im September 1997 gab es ein Referendum, bei dem die Schott*innen für die Devolution stimmten – also dafür, wieder ein eigenes Parlament mit teilweisen eigenen Befugnissen (z.B. Bildung, Gesundheit) zu haben. Westminster verabschiedete daraufhin den Scotland Act.

1999 wurde dann das schottische Parlament auch tatsächlich feierlich wieder eröffnet. In Winnie Ewings historischen Worten: „The Scottish Parliament, adjourned on the 25th day of March in the year 1707, is hereby reconvened“.

Die 1934 gegründete und seit 2007 hier regierende Scottish National Party (SNP) ist übrigens nicht das, was man sonst so unter einer typischen nationalistischen Partei versteht. Sondern sozialdemokratisch und eher links. Hauptziel: Endlich komplett selbst bestimmen, was hier in Schottland passiert. Zum Beispiel, wie Einwanderung geregelt wird. Schottland ist nämlich auf Einwanderung angewiesen und grundsätzlich ein sehr weltoffenes Fleckchen.

First Minister ist Nicola Sturgeon. Sie hat Schottland ziemlich engagiert und souverän durch die Pandemie geführt und ist eine der beliebteste Politiker*innen in ganz Großbritannien.

Bei der Parlamentswahl 2011 holte die SNP, damals unter Alex Salmond, mit 69 Sitzen die absolute Mehrheit. Das der damalige UK-Premierminister David Cameron als demokratisches Mandat für ein Referendum akzeptiert.

Im September 2014 gab es dann ein Referendum zur Unabhängigkeit. Damals stimmten 44,7 Prozent der Schott*innen dafür, 55,3 Prozent dagegen. Knappes Kiltchen. Wichtiges Argument der Unionists damals: „DANN SEID IHR NICHT MEHR IN DER EU!“

Tja. Dann kam Brexit. Eine eindeutige Mehrheit von 62 Prozent der Schott*innen wollte laut Abstimmung in der EU bleiben und war gegen den Brexit. Weil ja aber in solchen Fragen seit 1707 Westminster das Sagen hat, wurde Schottland gegen seinen Willen aus der EU gezerrt. Mit all den negativen wirtschaftlichen und menschlichen Folgen, die der Brexit mit sich bringt.

Darum will Schottland Unabhängigkeit

Und unter anderem deshalb will die SNP eine erneute demokratische Abstimmung über eine mögliche Unabhängigkeit Schottlands auf den Weg bringen. Unionists (also Leute, die die Union der vier Nationen unter dem Dach Großbritannien befürworten) reden oft von „once in a generation“. Aber die Grundvoraussetzungen haben sich seit 2014 halt einfach drastisch geändert, das Kern-Argument ist geschmolzen. Und so normale Wahlen gibt’s ja auch nicht nur einmal in 50 Jahren.

Die Union of Parliaments von 1707 wurde übrigens freiwillig geschlossen. So wie der EU-Beitritt Großbritanniens. Deswegen verstehen viele nicht, warum sie nicht freiwillig und demokratisch wieder aufgelöst werden können sollte. Die Union des not so United Kingdoms ist in der Tat eine verfassungsrechtlich komplexe Angelegenheit. Hier erklärt Ciaran Martin die Sache ausführlich.

Zusammenfassung: Schottland ist kein eigenes Land, aber eine eigene Nation und hat guten Grund dazu, unabhängig sein zu wollen. Natürlich denken die Menschen hier nicht alle gleich, es ist eine diverse Nation und es wird viel diskutiert. Schaut euch dazu diesen ARD-Beitrag an.

Und ja, Schottland und schottische Geschichte sind wirklich komplizierte und teilweise sehr aufgeladene Themen. Zu allen Punkten wurden schon etliche akademische Bücher geschrieben. Andere Leute wissen mehr darüber als ich. Aber vielleicht versteht ihr dieses Land, das ich so liebe, jetzt wenigstens ein bisschen besser. <3

Falls ihr Ideen oder Anregungen habt oder es Themen gibt, die euch in Sachen Schottland schon immer interessiert haben – schreibt’s gern in die Kommentare!


Hier findest du weitere Texte von mir:


Zur Transparenz: Ich bin kein Mitglied irgendeiner Partei, unterstütze aber Schottlands Unabhängigkeits-Bestrebungen und das Recht dieser Nation, eine demokratische Abstimmung darüber durchführen zu können. 


PS: Ich bin freie Journalistin, Autorin und Studierende und das Betreiben dieses Blögchens kostet – genau wie alles andere im Leben – ein wenig Zeit und Geld. Wer also mag, kann hier via Paypal ein bisschen Trink-, äh, Schreibgeld dalassen. Dankeschön! <3

 

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