Einmal volle fünf Tage Freelancer-Jahresurlaub, schon küsst mich die Muse. Das liegt wahrscheinlich an der rauen Schönheit der Insel Arran. Und vielleicht am Whisky.

Ich sitze hier unterm Schieferdach eines alten, weiß getünchten, schiefergedeckten Cottages, in meine Strickjacke gekuschelt, schräg neben mir steht ein Glas Whisky (Arran 18 – immerhin schon volljährig, haha) und blicke aufs Meer. Es hat sowas Ewiges und Scheißegales, aufs Meer zu starren. Das Glück, das Leben, alles kommt und geht wie das Meer. Manchmal braucht man eine Insel.

Gedanken, die es im Alltag zu Hause vermutlich nicht durch die innere Zensur schaffen würden. Nur bin ich grad nicht zu Hause in Glasgow, sondern im Vegan B&B in Sannox auf Arran.

Arran – Schottland im Mini-Format

Arran ist gut 430 Quadratkilometer groß – fast halb so groß wie Rügen, etwas größer als Usedom. Arran hat vergleichsweise mildes Klima, rund 5.000 feste Einwohner*innen – die Busfahrer*innen hier kennen die Fahrgäste mit Namen, das habe ich selbst gehört – und gilt als Mini-Schottland: im Süden grüne Wiesen, im Norden zerklüftete Glens. Dazwischen zum Teil fast schon dschungelartiges Grün, das sich von den Seiten auf die schmale Fahrbahn einer von drei Inselstraßen drängt.

Und nichts, aber auch gar nichts, macht meine Muse knutschlustiger als wildromantische Landschaften. Naja, und ein bisschen Scotch.

(Es ist Urlaub, da ist das erlaubt. Urlaub = erlaub. Entschuldigung.)

In der dunstigen Ferne liegen die flachkantigen Hügel der schottischen Küste. Auch die Wolken wirken wie Anhöhen: eine nach rechts oben ansteigende Linie, die den Abendhimmel in unten weiß und oben dunkelgrau spaltet.

Durch das offene Fenster kann ich hören, wie das Meer aufgebracht raschelt. Als hätte es was sehr Wichtiges mitzuteilen, unbedingt und jetzt sofort. Es hat die Farbe von mit Moos überwuchertem Fels, stumpfgrau mit Grünschimmer. Keine weiße Gischt, keine Schaumkrönchen, kein Silberfunkeln auf zahmem Blau. Nur mattes, rauschendes Grau. Die Luft riecht nach Salz und Algen und nassem Stein.

Der Whisky brennt ein bisschen auf der Zunge und rollt dann warm in durch den Hals in den Bauch. Das ist Schottland, wie ich es liebe.

Es ist nicht mild, sanft oder lieblich. Hier ist weniges zart. Es ist Bleigrau. Moos-, Kiefer- und Farngrün. Heidekraut- und Distel-Lila. Wolkenweiß. Rau und kantig. Es zerzaust das Haar und das Herz. Und Arran macht auch in dieser Hinsicht seinem Vorbild alle Ehre.

Es kennt kein Erbamen, nicht beim Regen jedenfalls, und schüttet gnadenlos die vollen Wolken aus. Wenn man nicht auch mal bis auf die Haut durchnässt meilenweit eine einsame Landstraße ohne Fußweg entlang zu wandern bereit ist, umgeben von Schafen, dreht man am besten gleich wieder um. Die Fußweglosigkeit kenne ich ja schon aus Meikleour.

Arran erfahren und erleben

Dafür wärmt die Heizung im Cottage später die Füße und die Seele und trocknet nicht nur die Hose, sondern auch Tränen, die man am liebsten nie geweint hätte. Die Art Wohligkeit, die die nur nach knochentiefer Nasskälte aufkommen kann. Die sich nach Geborgen- und Zufriedenheit anfühlt.

Pläne zählen nicht, Entscheidungshilfen sind obsolet. Hier gibt es nur erfahren, erleben und gucken, was passiert. Man weiß erst, wie es wird, wenn man hier ist.

In einem Geschichtsbuch lese ich, dass Arran als eine Möglichkeit für das wahre Avalon aus der Artus-Sage gehandelt wird. Weil es zuweilen mystisch unter den Wolken verschwindet. Gar nicht so weit hergeholt – siehe Titelbild.

Arran belohnt Regenfestigkeit mit Sonnenschein. Viel öfter als erwartet. Aber auch mit Geschichten und Abenteuern, Robben und Walen und gemächlichen Ponys, Steinkreisen und einem Schloss. Wein, Käse, veganem Superfood, Kaffee- und Schokospezialitäten, frischem Fisch, Whisky und Inselbier.

Mit Leuten, die freundlich plaudern. Mit vollkommen Fremden, mit denen sich an der Bushaltestelle die Revolution gegen Hass, Gier und Ignoranz planen lässt. Und mit den Menschen, die nach dem Regen ein heißes Bad einlassen und Kekse backen – damit man unterwegs auf der Rückreise von Arran mit Fähre, Zug und Bus genug zu essen hat.

Manchmal braucht man eine Insel. Und diese hier ist immer eine Reise wert, bei jedem Wetter. Ja, Arran brennt ein bisschen – aber dann wärmt es von innen. Wie Whisky.


Hier weitere Texte, die dich interessieren könnten:


PS: Ich bin freie Journalistin, Autorin und Studierende und das Betreiben dieses Blögchens kostet – genau wie alles andere im Leben – ein wenig Geld. Wer also mag, kann hier via Paypal ein bisschen Trink-, äh, Schreibgeld dalassen. Dankeschön! <3

Startseite » aktuell » Arran – eine Insel wie Schottland und Whisky