Dunoon in Argyll ist schön und gar nicht weit weg von Glasgow. Aber warum wirkt es stellenweise so traurig, vergessen und verlassen?

Der Zug ist fast leer. Niemand fährt nach Gourock. Also, außer ein paar Teenagern im nächsten Waggon und mir. Bevor mich die Hausarbeiten für die Uni verschlucken, bevor das Wetter bis zum Frühling mordoresk wird, mache ich noch schnell einen letzten Wochenendtrip. Nach Dunoon, ein befreundetes Paar und ihre Tochter besuchen.

An der Zugstrecke ziehen graue, krümelige Häuser vorbei, verlassene Industriegebäude. Verfall. Das ist die unromantische Seite Schottlands. Das, was man in den Reisebroschüren nicht sieht. Niemand singt ein herzergreifendes Lied über strukturschwache, verödete Landstriche. Weniger Braveheart, mehr Trainspotting. Aber eigentlich nicht mal das. Erschöpfung und Traurigkeit senken sich über die Landschaft wie unsichtbarer Nebel.

Dunoon liegt an der Küste der Cowal-Halbinsel in Argyll und ist nicht weit weg von Glasgow, ein Dreiviertelstündchen Zugfahrt und ein Hops übers Wasser mit der Fähre. Also vorausgesetzt, man findet sie. Es gibt nämlich am und um den Bahnhof in Gourock keine entsprechenden Schilder. Dafür jedoch so druckvollen Regen, dass meine Dusche zu Hause neidvoll staunen würde.

Ich frage eine Frau mit hellgrauem Bob und Blümchenmaske nach dem Weg. Sie nimmt mich freundlicherweise mit zur An- und Ablegestelle. Auch sie fährt nach Dunoon und besucht eine Tante. Wie es in Schottland nun mal so ist, kommen wir ins Plaudern und bleiben die gesamte Fahrt über dabei. Ihre Tochter, so stellt sich heraus, hat Medizin studiert und ein Jahr in Hamburg am UKE verbracht. Und zwar zur selben Zeit, als auch ich ein Jahr quasi im UKE verbracht habe. Allerdings aus anderen Gründen.

Trotzdem ist es nett, mal mit jemandem über meine Geburtsstadt zu sprechen. Hamburg fühlt sich inzwischen weit weg an. Nur der schottische Regen verbindet Erinnerung und Gegenwart.

Dunoon ist traurigschön

Als wir nach knapp 30 Minuten in Dunoon anlegen, schüttet es minimal weniger. Mordor ist in diesem Jahr etwas früher dran als sonst, denke ich während ich meine Gastgeber*innen in ihrem Auto suche. Eigentlich hatte ich gehofft, dass wir am viktorianischen Pier von Dunoon anlegen. Doch der ist, wie ich später erfahre, nicht für Roll on/ Roll off-Fähren gemacht.

Im neunzehnten Jahrhundert war Dunoon ein beliebtes Ausflugsziel und ein Ferienort für vornehmlich vornehme Glaswegians, die dem Smog ihrer hochindustrialisierten Stadt entkommen wollten. Davon zeugen die grandiosen viktorianischen und edwardianischen Villen am Hang mit Blick aufs Wasser. Ihr Vermögen ließ sich meist auf den transatlantischen Handel mit versklavten Menschen im achtzehnten Jahrhundert zurückführen. Das habe ich immer im Kopf, wenn ich die Architektur sehe. Ohne die Ausbeutung und Versklavung von Menschen gäbe es hier in Dunoon wohl vorwiegend grüne Hügel.

Der erste Pier wurde 1835 gebaut und 1867 erweitert, 1881 wurde der Steg verlängert und 1895 wurde alles renoviert. Das hatte vor allem mit dem wachsenden Dampfschiff-Verkehr zu tun. Dunoon wird auch heute noch vom Ausflugsschiff Waverley angesteuert.

Ab dem Zweiten Weltkrieg war die Bucht Holy Loch ein Navy-Stützpunkt, später lagen hier bis 1992 US-Boote. „Nachdem die Amerikaner weg waren, ging es langsam bergab“, erzählt mir meine Freundin später. Auf unserem Spaziergang kommen wir an leeren neogotischen Kirchen vorbei, an 100 Jahre alten verlassenen Schulen, an bemoosten Mauern, an von Brombeeren überwucherten Hanggrundstücken mit Blick aufs Meer. Die perfekte Halloween-Kulisse – wenn es nicht so traurig wäre.

Warum verfällt der historische Pier?

Der Pier steht unter Denkmalschutz und wurde erst vor ein paar Jahren wieder instand gesetzt, zumindest ein Teil davon. Doch die Farbe blättert schon wieder ab und die renovierten, zuckrig-viktorianischen Gebäude stehen leer; der Holzsteg verrottet.

Dabei ist das eine brillante Lage. Zum Beispiel für ein Brunch-Café. Waffeln am Meer – was könnte schöner sein? Oder für eine Cocktailbar mit Palmen und Klavier. Draußen am Pier und auf der Promenade könnte ein altes Karussell mit Holzpferdchen stehen, vielleicht ein*e Orgelspieler*in, Stände mit Zuckerwatte und kandierten Äpfeln, ein Mini-Riesenrad… Ein kleines Zeitreise-Ausflugsziel für einen Tag oder zwei oder drei. Aber nichts dergleichen passiert.

„Die Verwaltung tut schon alles, was sie kann“, sagt meine Freundin. Doch es gibt offenbar nicht genug Investor*innen, nicht genug Jobs, nicht genug Tourismus. Im wunderschönen, großen Argyll Hotel liegt ein Hauch von altem Frittierfett in der Luft. Wir sind fast die einzigen Café-Gäste. Und die Menschen ziehen eher weg statt nach Dunoon. Es gibt zwar ein Krankenhaus, aber medizinische Notfälle werden mit dem Helikopter nach Glasgow geflogen.

So ähnlich ist die Lage in mehreren Gegenden in Schottland. In sieben von 32 Gebieten ist die Bevölkerung zurückgegangen. Argyll und Bute steht ziemlich weit oben auf der Liste: 2019 lebten hier vier Prozent weniger Menschen noch als zehn Jahre zuvor.

Für Leute, die hier nur mal hinreisen, ist das nicht ersichtlich und nicht wichtig. Doch Schottland ist nicht bloß Tartan-Kitsch und Kilts, Whisky, Braveheart und Bonnie Prince Charlie, Highlander, Outlander oder sonstige -lander. Es ist vor allem auch das Zuhause von Menschen, die seit Jahrzehnten mit Strukturwandel zu kämpfen haben.

Unter dem dicken Tartan liegen ein paar modrige Stellen.

Bevor ich am Sonntag wieder zurückfahre, kommt die Sonne raus. Dunoon ist zauberhaft, die ganze umliegende Landschaft ist malerisch – vor allem die Straße am spiegelglatten Loch Eck entlang mit den dümpelnden Booten, umringt von herbstbelaubten Hügeln und Cottages. Es war ein gemütliches, wunderbares Wochenende mit Hexenhüten, Brettspielen, Burgern, Wein, Mac&Cheese, Unmengen Kaffee, Liebe und Lachbauchweh.

Trotzdem ist mein Herz schwer, als ich wieder auf der Fähre von Dunoon nach Glasgow tuckere. Ich hätte gern einen Zauberstab – oder wenigstens genug Geld, um ein Brunch-Café zu eröffnen. Oder aus einer der verlassenen Villen ein Writer’s Retreat zu machen. Oder jemanden mit einer Orgel zu bezahlen und auf den Pier zu stellen. Plötzlich taucht vor mir ein Regenbogen auf. Das hier ist Schottland, Sonne und Regen gehören zusammen. Es gibt Hoffnung. Immer.

Regenbogen
Ein Regenbogen! | © J. Wagener

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