Glasgow ist seit einigen Jahren meine Wahlheimat. Anfang November fand hier die UN-Klimakonferenz statt. Aber es gibt auch abseits davon ein paar Dinge, die es sich über Glasgow zu wissen lohnt.

Glasgow existiert auch außerhalb von Cop26. Davor und danach. Hier eine vollkommen zufällig zusammengewürfelte und subjektive Übersicht von Dingen, Fakten und Orten:

Glasgow ist wirklich eine großartige Stadt. Nicht zu groß, weltoffen, voller Kultur und Köstlichkeiten. Wissen allerdings die wenigsten. Tja.

Glasgow spricht sich GlasGO aus. Mit a und o. Quasi wie in snow, nicht cow. Gern auch mit weichem „s“. Also: GLASGO und nicht GLÄSSGAU. Klar soweit?

Die Menschen hier werden „Glaswegians“ – oder auch „Weegies“ – genannt.

Mit ungeübten Ohren versteht man als Nicht-Muttersprachler*in die meisten Weegies wegen ihres Akzents nicht so gut. Macht aber nichts.

Es ist ganz normal, an der Bushaltestelle mit völlig Fremden Lebensgeschichten auszutauschen. Auch, wenn man sich nicht so gut versteht. Tut den Gesprächen keinerlei Abbruch.

Die Busse fahren wie in Berlin – oft zu spät, manchmal zu früh, sehr selten pünktlich. Und: Während der Fahrt unbedingt festhalten. Unbedingt.

Auch unbedingt tun: passendes Kleingeld dabei haben, mit Karte zahlen oder per App. Gewechselt wird im Bus nicht!

Erstaunlich: Die Menschen hier stellen sich zum Ein- und Ausstiegen (gibt nur eine Tür vorne) ohne zu murren ordentlich an. Ja, so habe ich auch geguckt.

Auch erstaunlich: Es gibt mehrere Bus-Unternehmen (wie First und Stagecoach) und Fahrkarten gelten nicht für beide.

Die U-Bahn in Glasgow ist zwar die drittälteste der Welt, aber ein putziger Witz. Es gibt nur eine einzige Linie, die Bahn ist winzig, macht aber einen Riesenlärm, sie fährt immer nur im Kreis und sonntags bloß bis 18 Uhr. Haha. Hahaha.

Bus- und Bahnfahrkarten funktionieren üblicherweise nur für Bus ODER Bahn, nicht beides. Es gibt hier deshalb erheblichen Unmut. Die Besucher*innen der UN-Klimakonferenz Cop26 Glasgow haben nämlich eine Spezialfahrkarte bekommen, die den hier lebenden Menschen nicht zur Verfügung steht. Hmpf.

Fahrradwege sind selten. Erstaunlich im Jahr 2021 und für die ausrichtende Stadt einer weltweiten Klimakonferenz, aber nun mal Realität. Außerdem ist Glasgow hügeliger, als man so annehmen würde.

Sauchiehall Street ist so ähnlich wie die Reeperbahn, nur ohne Prostitution.

Drogen, Armut und Kriminalität sind leider sehr reale Probleme in Glasgow. Es ist hier nicht gänzlich ungefährlich.

Aber, wie meine Freundin Abby sagt: „If you’re lost or need a helping hand, you’ll always find a cheery person to sort you out.“ Und das stimmt. <3

Sehr wichtig: Schottland ist NICHT England. Großbritannien ist ein Staat; England, Schottland, Wales und Nordirland sind vier verschiedene Nationen — siehe Schottsplainer:

Glasgow galt lange als „second city of the Empire“, das sieht man heute noch an der prachtvollen Architektur aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Das Geld dafür stammte großteils direkt oder indirekt aus dem transatlantischen Handel mit versklavten Menschen. Deshalb heißen die Straßen hier auch Jamaica St. und so. Das darf man nicht vergessen.

Man sagt nicht „Police“, man sagt „Polis“.

Die Statue mit dem Kegel auf dem Kopf vor der Gallery of Modern Art ist übrigens der Duke of Wellington. Und inzwischen ein Wahrzeichen. PS: Museen kosten keinen Eintritt, aber eine Spende. Voll okay.

Glasgow hat 1986 den St. George’s Place in Nelson Mandela Place umbenannt. Dort befand sich der Sitz des südafrikanischen Generalkonsulats, deren Post fortan an Nelson Mandela adressiert war. Der zu dem Zeitpunkt übrigens als politischer Gefangener hinter Gittern saß. Nämlich hier:

In Glasgow werden erstaunliche viele Filme gedreht, zum Beispiel neulich erst Batman oder Indiana Jones. Und demnächst Batgirl.

Das Wetter ist hier gar nicht so schlimm. Es ist nur sehr, sehr wechselhaft und ein bisschen wirr. Ich habe hier schon Hagel bei strahlendem Sonnenschein erlebt. Gleichzeitig. Regen kann jederzeit einsetzen, aber auch genau so schnell vorbei sein. Also immer Sonnenbrille UND Schirm dabeihaben.

Zwei Getränke, die Uneingeweihten nichts sagen: Buckfast (Kopfschmerzen in Flaschenform) und Irn Bru (sprich Eien Brrruh; schottisches Nationalgetränk in Giftorange. Hilft angeblich gegen Kopfschmerzen).

In der Öffentlichkeit Alkohol trinken (im Park oder als Wegbier) ist nicht erlaubt. Betrunken sein ist eine andere Sache. PS: Die meisten Pubs machen gegen Mitternacht dicht.

Meine Lieblings-Orte in Glasgow

Die Stadt ist toll, habe ich ja bereits erwähnt. Es gibt da ein paar Ecken, die mir besonders am Herzen liegen. Ich wohne im Süden Glasgows und weil das a) während Cop26 nicht gut zu erreichen ist und ich b) noch einen eigenen Text dazu plane, hier vor allem West End, City Centre und ein bisschen East.

Uni-Campus

Ich studiere hier Geschichte und ich liebe es (bis auf die Hausarbeiten, aber irgendwas ist ja immer). Ja, es sieht aus wie Hogwarts. Ja, es gibt hier ein Quidditch-Team. Nein, Harry Potter wurde hier nicht gedreht.

Kelvingrove Art Gallery and Museum

So stelle ich mir den komplett chaotischen Dachboden ein sehr exzentrischen, sehr reichen Tante vor. Ritterrüstungen, Gemälde, Plastik-Elvis, Statuen, Flugzeug, Bienenstock. Nichts ergibt einen Sinn, alles ist toll.

Kelvingrove Park, Park Circus und Park Terrace

Einer der vielen Parks der Stadt und meiner Ansicht nach der schönste. Und die Häuser oben auf dem Hügel! Feudal, feudal. Aber pssst …. Es gibt hier auch ein Hostel in einem viktorianischen Haus, das mal ein Promi-Hotel war.

Britannia Panopticon

Ein magisches Theater – genauer gesagt: Eine der wenigen noch existierenden Music Halls, in der sich im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert das Volk vergnügt hat. Stan Laurel hat hier seine Karriere begonnen. Die Location wird von einem gemeinnützigen Verein betrieben und mühsam vor dem weiteren Verfall geschützt. Es gibt Vorführungen, Ausstellungen, Märkte. Und halt Magie.

Necropolis

Die Necropolis ist, simpel ausgedrückt, ein viktorianischer Friedhof auf einem Hügel im Osten der Stadt, gleich hinter der Kathedrale. Etwas poetischer formuliert ist es eine Stadt der Toten. Ein malerischer, ruhiger Park mit außerordentlich prunkvollen Grabsteinen, Obelisken, Mausoleen. Naja, und ein beliebter Drehort.

Essen in Glasgow

Und nun zum Essen. Bevor ich nach Glasgow gezogen bin, habe ich immer wieder gehört: „Und was isst dann da den ganzen Tag? Haggis, frittiertes Mars und Porridge?“ Mhm. Genau. Eine willkommene Abwechslung von all dem Sauerkraut und Schwarzbrot, wer kennt es nicht?

Glasgow ist Foodie-Heaven! Es gibt hier so gut wie nichts, was es nicht gibt – ja, auch Käsetoast mit Käsenudeln. Und Haggis. Aber auch so viel mehr. In den meisten Restaurants empfiehlt sich eine rechtzeitige Reservierung. Das geht meist auch per Facebook oder Instagram.

Hier sind ein paar empfehlenswerte Läden in City Centre und West End.

Schicki-Lacki gibt’s im Ox & Finch:

Oder sogar mit Michelin-Stern im Cail Bruich:

Auch sehr köstlich und etwas gehoben ist Stravaigin:

Oder hier, Ubiquitous Chip:

Lecker Vietnamesisch kann man im Hanoi Bike Shop essen:

Die beste Pizza außerhalb Neapels – so haben mir Italiener*innen bestätigt – gibt’s bei Paesano:

Für Sandwiches und Salate empfiehlt sich Piece Glasgow:

Und falls jemand Lust und Zeit hat für einen kleinen Afternoon Tea – ab in den Hidden Lane Tea Room:

Für Süßmäuler gibt’s die unfassbaren Donuts von Tantrum:

Oder auch mit Schokolade überzogene Churros in mehreren Eiskugeln bei Loop & Scoop:

Ja, okay. Frittiertes Mars gibt’s in Glasgow auch. Aber wenn selbst Anthony Bourdain beim Besuch im University Café seinen Segen gegeben hat…

Oh, besonders wichtig auch für Whisky-Trinker*innen – Pot Still. Hier gibt’s eine extrem kompetente Whisky-Beratung und riesige Auswahl!

Oh, und sehr schön, lustig und gemütlich ist’s auch im Arlington.

Sachdienliche Hinweise aus der Community – wie von Iris – haben mir den Pub Oran Mhor in einer umgewidmeten ehemaligen Kirche und die mucklige Asthon Lane (wo sich auch das Ubiquitous Chip befindet) ins Gedächtnis gerufen. Und Claudi.Yeah hat mich zu recht an die sehr lebendige und traditionell großartige Musikszene in Glasgow erinnert. Mit dem Barrowland Ballroom, Old Hairdresser’s oder King Tut’s Wah Wah Hut zum Beispiel. Aber das verdient einen eigenen Blogbeitrag.

Also, Glasgow ist bei weitem kein perfektes Idyll. Natürlich nicht. Aber es ist eben mehr als die Kulisse für die Klimakonferenz. Es ist der ewige Underdog im Schatten Edinburghs. Ein Ort, an dem ich mich wohl und zu Hause fühle. Und das liegt vor allem an den Menschen hier. Oder wie mein Kommilitone Grant es zusammenfasst: „Mostly people here are really friendly.“

Ich hoffe, dass ich euch meine Wahlheimat Glasgow ein wenig näher bringen konnte. Falls ihr Fragen oder auch weitere Tipps habt oder ich irgendwas vergessen haben sollte, schreibt mir gern in die Kommentare!


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