15 Feb

Damals, das mit der Krebs-Diagnose

Neun Jahre ist meine Krebs-Diagnose jetzt her. Neun. Auf den Tag genau neun. Ich lebe noch, ich bin gesund, ich denke nicht mehr rund um die Uhr und von Angst gewürgt an die Krankheit. Es geht mir gut und ich bin dankbar für jeden Tag – ja, auch die schweren, also, im Nachhinein. Alles ist okay.

Und trotzdem.

Trotzdem kann ich um das Datum herum nicht schlafen. Trotzdem kommen Mitte Februar immer ein Bilder und Fetzen wieder hoch. Es war das Jahr von Fukushima und ich lag im Bestrahlungskeller. Ich werde das nicht vergessen, die Krankheit, die meinen Körper angegriffen, mein Herz gebeutelt und mein ganzes Leben verändert hat.

Alles begann am Abend des 15.2.2011 mit einem Anruf. So habe ich die Krebs-Diagnose erlebt – ein Auszug aus meinem Buch Narbenherz:

„Es ist bösartig.“ Der kalte Stimmensirup der Gynäkologin fließt durchs Telefon in meinen Kopf, weiter in mein Herz und betäubt meine Arme. Mit einem leisen Knall fallen meine gerade anprobierten Pailletten-Pumps aufs Laminat vor dem großen Spiegel im Flur. Das kann nicht sein. Ich bin doch noch nicht mal 34. Ein Teil von mir registriert, dass meine Ärztin mich für den kommenden Morgen um acht in ihre Praxis bestellt, „um die genauen Ergebnisse der Biopsie und das weitere Vorgehen zu besprechen.“ Sie verabschiedet sich mit „Machen Sie sich keine Sorgen, alles wird gut“, und mir fällt fast nicht auf, wie mitleidsvoll sie klingt. Ich höre sie kaum. In meinem Kopf ist nur Platz für ein Wort: Krebs.

[Weiterlesen: Diagnose Gebärmutterhalskrebs – und nun?]

Die Angst erstickt alle Geräusche. Minutenlang bewege ich mich nicht. Gucke in den Spiegel, aber sehe nichts. Automatisch hebt sich meine linke Hand mit dem iPhone in mein Sichtfeld. Ich blicke auf die SMS mit dem Foto der roten Schuhe, die ich Ben schicken wollte. Mechanisch tippt mein Daumen auf „anrufen“ – nicht wissen, dass ich damit unsere unkomplizierte Affäre in etwas anderes verwandle.

„Danke, dass du es mir erzählt hast.“ Er holt hörbar Luft und sagt dann unerwartet: „Du musst das nicht allein durchstehen, Hase. Ich bleibe an deiner Seite.“ Ich halte mich an seiner Stimme fest, bevor wir auflegen.

Direkt nach seiner wähle ich die Nummer meiner besten Freundin. „Kommt alle her. Bringt Wodka mit. Ich habe Krebs.“

Dann knicken meine Beine ein.

Puh. Und ja, sie haben wirklich Wodka mitgebracht. Und dann waren wir beim Karaoke in der Thai Oase, weil ganz laut ganz viel Singen echt okay gegen Angst und Schmerz und Kummer hilft. Vorübergehend jedenfalls. Am nächsten Morgen saß ich pünktlich um 8 mit meinen Freundinnen verkatert und komplett unter Schock bei der Gynäkologin. Der Anfang von einem Jahr OPs und Behandlungen, Angst, Ohnmacht, Fremdbestimmung. Und ja, auch der Mann blieb wie versprochen während der Krebs-Zeit an meiner Seite. Ich wünsche allen, die selbst eine schwere Krankheit durchgemacht haben oder durchmachen müssen oder Angehörige und Freund*innen dabei begleiten, von ganzem Herzen viel Kraft, Liebe und die richtigen Menschen um sich herum.

[Das könnte interessant sein: Worte bei Krebserkrankung – was soll man sagen?]

Neun lange Jahre ist das jetzt her. Kaum zu glauben, was in der Zeit alles passiert. Neun Jahre nach meiner Krebs-Diagnose habe ich eine Weltreise gemacht, zwei Bücher geschrieben, in Berlin gelebt (would not recommend), gefühlt drölfzigtausend Artikel und Texte geschrieben, Freunde gefunden und Freunde verloren, zwei geliebte Menschen und ein geliebtes Tier aus dem Leben begleitet, viel, viel, sehr viel geweint, aber auch gelacht, gesungen und getanzt, und studiere inzwischen in Schottland Geschichte und Literatur. Zeit ziemlich sinnvoll genutzt, würde ich sagen. Gelebt. Richtig gelebt. Auf die nächsten neun.


PS: Ich bin freie Journalistin, Autorin und Studierende und das Betreiben dieses Blögchens kostet – genau wie alles andere im Leben – ein wenig Geld. Wer also mag, kann hier via Paypal ein bisschen Trink-, äh, Schreibgeld dalassen. Dankeschön! <3

 

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