Das Tenement House in Glasgow ist ein sehr spezielles Mini-Museum. Vor allem, wenn man sich dort zu einer Art Séance einfindet…

Ich wünschte, sie hätte mir die Bibel weggenommen.

Durch das Erkerfenster im Parlour im 130 Jahre alten Tenement House fließt das fahle Licht des Vollmonds am Herbsthimmel und schimmert auf Caras tiefschwarz gefärbtem Haar. Ihre Haut ist so weiß wie der Mond. Das ist Absicht. Cara Hamilton ist Künstlerin, Medium, Spiritualistin, Historikerin, Magierin und Kartenlegerin.

In diesem Augenblick hält sie eine Porzellanpuppe im viktorianischen Kleidchen hoch, während ich eine Bibel auf dem Schoß habe. Laut Cara ist Sally eine spezielle Séance-Puppe. Sallys Augen sind ebenfalls tiefschwarz.

“Das hat man damals so gemacht, aus Rücksicht auf Mütter, die ein Kind verloren haben und mit ihm kommunizieren wollten”, erklärt Cara mir und den 12 anderen Anwesenden des “Spirits of the Tenement”-Abends. “Damit sie bei einer Séance keinesfalls so etwas wie Leben in den Augen der Puppe entdecken”, ergänzt sie. “Das hätte ihnen das Herz gebrochen.”

Die Puppe hat Cara, so erzählt sie, auf einer ihrer Reisen in einer antiken Kiste in einem Heizungskeller entdeckt. Das klingt angemessen mysteriös und mag stimmen. Genauso gut möglich ist es aber, dass Sally aus einem der Trödelgeschäfte vom Barras-Markt hier in Glasgow stammt. Wichtig ist das nicht. Wir sind schließlich nicht wegen der Puppe hier, sondern um mehr über die Geschichte des Spiritualismus in den Tenements von Glasgow zu erfahren.

Tenement House – ein winziges Spezialmuseum

Tenements sind Mehrfamilien-Mietshäuser aus rotem oder hellem Sandstein, zwischen zwei und fünf Stockwerke hoch. Gebaut wurden sie hier zwischen 1840 und 1920 vorwiegend für die Arbeiter*innen und Immigrant*innen, die aus dem Umland, den Highlands und Irland ins hochindustrialisierte Glasgow strömten.

Das Tenement House hier in der Gegend von Garnethill, wo Glasgows City Centre ans West End grenzt, ist ein typisches Beispiel.

Genau diese Beispielhaftigkeit macht es so besonders. Denn hier existiert eine Wohnung, die seit dem Ersten Weltkrieg so gut wie unverändert erhalten geblieben ist.

Schmink- und Kosmetik-Tisch im Schlafzimmer im Tenement House in Glasgow

Großer, viereckiger Flur, langgezogenes Bad mit Wanne und Wasserklosett, eine große Küche mit Kohlenherd und Alkoven, ein Schlafzimmer und ein Wohnzimmer für besondere Anlässe. In dem stehen heute Abend anlässlich des Exkurses in den viktorianischen Spiritualismus mehrere Holzstuhlreihen zwischen dem Klavier aus Walnuss- und Rosenholz und dem Tisch mit der Häkeldecke im Erker.

Auch ein besonderer Anlass – aber anders, als Agnes Toward es sich wohl je hätte ausmalen können. Das hier ist nämlich ihre Wohnung. Besser gesagt: war.

Das ungewöhnlich gewöhnliche Leben von Agnes Toward

Agnes Toward ist 1911 als junge Frau zusammen mit ihrer verwitweten Mutter hier in den ersten Stock gezogen. Da es damals keine Witwenrente gab, mussten die beiden Frauen nach dem Tod von Agnes’ Vater William ihren Lebensunterhalt selbst verdienen.

Agnes’ Mutter war Schneiderin und hatte ein kleines Geschäft an der Sauchiehall Street in der Nähe; Agnes arbeitete als Stenotypistin für eine Reederei und hat nie geheiratet. Es war aber auch eine ungünstige Zeit für die Liebe: Millionen von Männern aus Agnes‘ Generation sind im Ersten Weltkrieg gefallen.

Einsam war Agnes deshalb aber noch lange nicht. Im Gegenteil: Sie hatte ein reges Sozialleben, viele Freund*innen und ist gern gereist. Auch in ihrer Kirchengemeinde war sie sehr engagiert.

Agnes und ihre Mutter vermieteten das Schlafzimmer zeitweise an Untermieter (quasi Airbnb 1900-Style) und schliefen selbst im Alkoven in der Küche – dank des großen Kohleofens der wärmste Raum der Wohnung.

Kohleofen in der Küche im Tenement House in Glasgow

Nach dem Tod ihrer Mutter 1939 ist Agnes in der Wohnung geblieben. Verändert hat sie so gut wie nichts. Gaslicht zum Beispiel hat sie erst Anfang der 1960er installieren lassen.

Wenig später – 1965, um genau zu sein – musste Agnes aufgrund einer demenziellen Erkrankung in eine Pflegeeinrichtung. Vorher hatte sie jedoch verfügt, dass ihre Miete weitergezahlt werden sollte.

Und so blieb ihre Wohnung zehn Jahre lang bis zu ihrem Tod 1975 unangetastet, während ringsum renoviert und abgerissen wurde. Ein kleines Wunder, dass ausgerechnet dieses Haus eines der wenigen war, die beim Bau der Autobahn M8 mitten durch Glasgow direkt nebenan stehen geblieben sind.

Ein historischer Zufallsfund

Agnes hatte einem der Kirchenältesten ihrer Gemeinde einen Satz Stühle vermacht. Als er in Begleitung seiner Nichte – der Schauspielerin Anna Davidson – die Stühle aus der vollgestellten Wohnung holte, erkannte Anna ihren historischen Wert.

Konserviert seit fast sieben Jahrzehnten, ein Fenster in eine längst vergangene Zeit, in der alles anders war. Blümchentapete, Standuhr aus dem späten 18. Jahrhundert, Großvatergemälde von James Toward, Medikamente in Fläschchen, Zahnbürsten und WC-Brille aus Holz, Bücher, Briefe, Koffer, Kochrezepte, ein Glas Pflaumenmarmelade von 1929… Alles wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Anna machte einen Deal mit dem Eigentümer und kaufte die Wohnung mit allem drum und dran.

Medizinflaschen auf der Fensterbank im Bad des Tenement House in Glasgow

Sie selbst lebte sieben Jahre lang gelegentlich hier, wenn sie in Glasgow war, feierte hier – so munkelt man – ab und an legendäre Partys. Und bis auf einen neuen Gaskocher ließ Anna die Wohnung weitgehend wie sie war.

1982 übernahm dann der National Trust for Scotland und machte ein Museum daraus: das Tenement House.

Die Entzauberung der Bibel

“Der Bibeltest war ein Weg, wie Spiritualisten damals versucht haben zu beweisen, dass es sich nicht bloß um Stubentricks handelt”, sagt Cara während sie uns in Agnes’ einstiger Stube ebendiese Tricks zeigt.

Spiritualismus war im 19. und frühen 20. Jahrhundert enorm beliebt. Das lag unter anderem daran, meint Cara, dass viele Leute schon früh geliebte Menschen verloren – Kindersterblichkeit, Krankheiten von Cholera bis Tuberkulose, entsetzliche Lebens- und Arbeitsbedingungen. Und immer wieder Krieg.

Die Gegenwart war schwierig, die Zukunft ungewiss. Ein Blick hinter den Vorhang auf die andere Seite, wie flüchtig auch immer, brachte Trost und einen Funken Hoffnung.

Auch Agnes hatte – wie ihre Bücher belegen – ein Faible für Tarot, Handlesen und Ähnliches.

Bücher über Tarot, Handlesen und Spiritualismus im Tenement House in Glasgow

Cara hat uns heute schon von der jüdischen Diaspora im Viertel erzählt, die nach den Pogromen in Russland nach Glasgow gekommen sind, und uns Madame Zora und Corlinda Lee vorgestellt; sie hat uns hier im Tenement House Tarot mit Spielkarten, ein Pendel, eine “von Geisterhand” beschriebene Schiefertafel und Ektoplasma gezeigt.

Und jetzt ist der Bibeltest dran.

Cara hält die Puppe Sally hoch, sie kann angeblich mit der Geisterwelt kommunizieren. Ich soll die Bibel an einer beliebigen Stelle im alten Testament aufschlagen. Kein Problem.

“Sally, ist hier jemand mit uns im Raum?”, fragt Cara und runzelt konzentriert die Stirn. “Ja? Ich verstehe. Es ist also jemand hier bei uns.” Sie nickt zustimmend. “Sally, was steht auf der Bibelseite?” Wieder konzentriertes Stirnrunzeln. “Eine fünfzehn? Gut, okay. Was noch? Aha, Pferde und ein Wagen…”

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Cara richtet ihren Blick auf mich. “Magst du vorlesen, was rechts unten auf deiner Seite steht?”

Ich nicke grinsend. Rechts unten steht eine große 15 und ich lese laut: “Danach aber geschah es, dass Absalom sich Wagen und Pferde verschaffte und 50 Mann, die vor ihm herliefen.”

Ein gemurmeltes Raunen geht durch das kleine Wohnzimmer im Tenement House.

“Danke, Sally”, sagt Cara – und fährt dann direkt mit ihrem Vortrag fort.

Strategischer Fehler.

Auf meinen Knien ruht die Bibel und neben mir sitzt Micki, die ich auf der Fahrt hierher im Bus getroffen habe. Sie tippt mich an und flüstert: “Blätter um!” Ich gucke zunächst verständnislos. “Umblättern!”

Es dauert noch drei Sekunden, bis ich verstehe. Dann schlage ich die nächste Seite auf.

Rechts unten steht eine große 15, daneben: “Danach aber geschah es, dass Absalom sich Wagen und Pferde verschaffte…” Nächste Seite: große 15, Absalom, sein Wagen, die Pferde, 50 Mann. Mehrere Seiten weiter: 15, Absalom, Wagen, Pferde, Männer.

“Wusste ich’s doch”, nuschelt Micki triumphierend.

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Tja. Hätte Cara mir bloß die Bibel weggenommen. Nicht, dass wir an mit Geistern sprechende Porzellanpuppen geglaubt hätten, trotzdem fühlt sich die entzauberte Illusion milde antiklimaktisch an. Genauso, wie wir alle genau wissen, dass Elmo bloß eine flusige Handpuppe ist und David Copperfield die Freiheitsstatue nicht wirklich hat verschwinden lassen.

Und trotzdem.

Ich klappe die Bibel wieder zu und lausche dem Rest von Caras Vortrag. Wenigstens ein Zauber wirkt an diesem Abend im Tenement House zwischen Gaslampen und Kohleofen nämlich ungebrochen: die Zeitreise in die Vergangenheit.

 


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