Beim uisge beatha scheiden sich die (Brand-)Geister. Dabei muss die Antwort auf die Frage nach dem besten schottischen Whisky gar nicht kompliziert sein.

Knarzende Chesterfield-Ledersitze, blaue Wolken aus Zigarrenrauch, herablassendes Handgeschwenke von güldener Flüssigkeit in Kristallgläsern: So stellen sich viele ein Whisky-Tasting vor. Doch Whisky ist weder eine rein männliche Domäne noch anderen Privilegierten vorbehalten. Whisky ist für alle.

Immerhin wurde schottischer Whisky vor der Existenz kommerzieller Destillen oft privat (und nicht selten illegal) hergestellt. Und zwar längst nicht nur von Männern.

Die Annahme, Whisky wäre nichts für Frauen, ärgert auch Annabel Thomas: „Das denken immer noch etliche Leute. Mit der Realität hat das aber nichts zu tun. Ich finde das wirklich, wirklich schade.“

Annabel hat 2013 die Bio-Destille Nc’Nean an der schottischen Westküste ins Leben gerufen – und legt, neben der Umwelt, besonderen Wert auf weibliche Beteiligung:

Die eher praktisch veranlagte Whisky-Expertin Mandy Silver hat eine eigene Whisky-Bar in Stirling, mit vielen hervorragenden schottischen Whiskys im Regal. Hier tummeln sich nicht nur schottische Gäste, sondern auch Whisky-Fans aus Schweden, Polen, Deutschland… Und ab und zu auch illustre Gäste wie Autor Sir Ian Rankin:

„Als Frau mit einer Whisky-Bar muss man sich so oft beweisen“, hat Mandy mir mal erzählt. Doch inzwischen gibt’s in ihrer Bar immer mehr weibliche Gäste, die sich für Whisky interessieren. Auch Destillen entdecken zunehmend eine weibliche Kundschaft.

Trotzdem ist schottischer Whisky aber vor allem was für Profis und Connaisseur*innen. Oder?

Weit gefehlt. Ich persönlich finde, niemand sollte sich von dem „Oha, also da schmeckt man aber den schottischen Inseltorf und das schokoladige spanische Sherry-Fass“-Gerede einschüchtern oder entmutigen lassen.

Schottischer Whisky ist da ein wenig so wie Wein: Man kann sehr elaboriert herumschwurbeln – muss man aber gar nicht.

So ähnlich sieht das auch Frank Murphy, Co-owner und Manager des Whisky-Pubs The Pot Still, in der fantastischen Whisky-Doku The Amber Light von Dave Broom: „Es ist nicht schwer, Whisky herzustellen. Es ist schwer, guten Whisky herzustellen – aber es ist nicht schwer, Whisky herzustellen. Das war schon immer ein simples Getränk.“

Whisky aus Schottland

Ich lebe in Schottland und bevorzuge Scotch. Das ist kurz für Scottish – ergo: Whisky, der in Schottland aus Getreide, Hefe und Wasser hergestellt wird und drei Jahre im Eichenfass reift. Etwa 130 Destillerien gibt es in Schottland. Wer Whisky liebt, kommt also an Schottland nicht vorbei.

Whisky wird aber in vielen Ländern weltweit hergestellt: Indien, Japan, Dänemark, Deutschland… Überall, wo es die nötigen Zutaten und einen Markt dafür gibt. (Kleine Randnotiz: Im Gegensatz zu Irland und Amerika schreibt sich schottischer Whisky ohne e. Also Whisky statt Whiskey.)

Single Malt hingegen heißt, dass der Whisky in einer einzigen Destillerie hergestellt wurde. Die muss nicht in Schottland stehen. Außer, wenn es ein Single Malt Scotch ist – dann schon. Klar so weit?

Und blended bedeutet, dass der Whisky aus verschiedenen Single Malts gemischt ist. Das ist aber keine zusammengepanschte Resteplörre. Im Gegenteil: Es gibt sogenannte Master Blender, die spezifische und erlesene Geschmacksprofile kreieren, unter anderm durch die spezifische Mischung oder die Auswahl der Fässer.

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Wie zum Beispiel Dr. Rachel Barrie, die genau das schon seit 2003 sehr erfolgreich macht. Schottischer Whisky ist für sie mehr als ein Produkt – er ist ihre Leidenschaft: „Am meisten liebe ich es, dass Single Malt Scotch Whisky eine Persönlichkeit hat, die man kennenlernen, verstehen und lieben kann“, meint Dr. Barrie. „Jeder Scotch ist individuell, der Charakter geprägt von der Landschaft, Herkunft, Kultur, dem Gleichgewicht aus Natur und Pflege, und all den Erfahrungen, die der Whisky auf seiner Reise so macht.“

Deshalb ist schottischer Whisky auch so überaus beliebt. Mehr als eine Milliarde Flaschen werden jedes Jahr aus Schottland in die Welt geschickt. Diese Exporte machen Dreiviertel aller schottischen Lebensmittel-Exporte aus und spülen umgerechnet gut vier Milliarden Euro in die schottische Wirtschaft.

Der beste Scotch? Kommt darauf an

Die Frage, welcher schottische Whisky der Beste ist, lässt sich nicht universell beantworten. Jede*r mag und schätzt andere Dinge.

Diejenigen, die auf Prestige und Geld setzen, priorisieren vermutlich den Preis und machen das Etikett „bester“ zu einem erheblichen Anteil daran fest.

Nun, der momentan teuerste Whisky der Welt ist eine seltene Flasche Macallan 1926 Single Malt. Gegenwert: etwa zwei Millionen Euro. Slàinte! (Falls hier jemand Gilmore Girls guckt: Logan trinkt die Marke Macallan) Ob das teuerste Tröpfchen auch am besten schmeckt? Woher soll ich das wissen – ich bin doch nicht Graf Koks. Oder Logan.

Im Sommer 2022 machte aber die Destille Ardbeg auf der schottischen Insel Islay Schlagzeilen und verkaufte ein Fass von 1975 für 16 Millionen Pfund (ca. 18,5 Mio. Euro). Die Brennerei wird in jedem der kommenden fünf Jahre etwa 88 Flaschen Whisky daraus machen und an die Käuferin liefern. Das sind bei 440 Flaschen knapp 42.500 Euro pro Stück. Immerhin soll rund eine Million der Einnahmen zurück in die örtliche Community auf Islay fließen.

Der aktuell älteste Whisky ist The Reach, auch von Macallan, aus dem Jahr 1940. Geschmacksprofil: „Dunkle Schokolade, süßer Zimt, aromatischer Torf, Pflaumen, Leder, rosa Grapefruit, Johannisbeergelee und eine reichhaltige harzige Note.“ Mhm, okay, cool.

Ja, die Reifezeit macht schon einen gewissen Unterschied. Je länger der Whisky im Fass ist, desto weicher und komplexer das Aroma; er ist dann weniger „scharf“.

Allerdings hat sich die Reifungstechnologie für Whisky weiterentwickelt; auch jüngerer Scotch kann ausgezeichnet und rund sein. Gleichzeitig ist nicht jeder alte Whisky automatisch ein Gaumenstreichler – einige können nach langer Lagerung im Holzfass trocken sein oder nicht genug Geschmackstiefe haben.

[Lies auch: Warum zur Hölle ausgerechnet Schottland?]

Mir persönlich wäre ja eine Flasche Scotch nicht den Preis eines Autos wert, da bin ich eigen. Der teuerste Whisky, den ich bisher getrunken habe, war ein Glenlivet Archive 21 für 300 Pfund pro Flasche; mein Ex-Vermieter/ Mitbewohner Paul hatte den irgendwo gewonnen und im Schrank rumstehen. Der war sehr köstlich.

Und Mandy Silver hat mich bei meinem Besuch in ihrem Pub am Ardbeg 19 nippen lassen. Auch so etwa 300 pro Flasche. Ziemlich torfig und daher eigentlich nicht so mein Fall – dabei aber derartig smooth, dass ich ihn trotzdem äußerst lecker fand. Und ihn wieder trinken würde. Bei fünf Richtigen im Lotto.

Scotch vom Discounter

Es gibt zuweilen aber auch recht ordentlichen schottischen Whisky im Discounter.

Lidl zum Beispiel gewinnt ab und zu Auszeichnungen für seinen Whisky. Zum Beispiel für den Ben Bracken Islay Single Malt Scotch, einen 18 Jahre alten torfigen Islay-Whisky. Dabei ist Ben Bracken aber keine reale Destille oder ein echter Berg („Ben“), sondern ein Lidl-eigenes Label. Aldi UK hat im Gegenzug ab und an den preisgekrönten Glen Marnoch (Speyside) im Programm. Auch Glen Marnoch ist weder eine existierende Destille noch ein realer Ort, sondern ebenfalls eine Marke.

Merke also: Günstig ist nicht gleichbedeutend mit weniger gut. Im Gegenteil.

Schottischer Whisky: Nur die Herkunft zählt?

Anderen wiederum ist auch die Region beim Whisky aus Schottland sehr wichtig. „Meine Freundin bestellt immer die torfigen Islay-Whiskys und ich das vanillige Zeug“, salbaderte einst ein selbsternannter Kenner beim Tasting in Berlin vor ein paar Jahren.

Es geht offenkundig nicht ausschließlich um persönlichen Geschmack, sondern sehr ums Auskennen.

Wichtige Whisky-Regionen in Schottland sind: Speyside, Islay, Highlands, Lowlands, Campbeltown. Zu wissen, welcher Whisky woher kommt und was das geschmacklich bedeuten kann, das zeugt von einer gewissen Expertise, die über Geld hinaus geht.

Auch das ist ein Distinktionsmerkmal, auch das ist okay.

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Geschichte spielt dabei ebenfalls eine Rolle. Denn wie gesagt, es geht beim Whisky – wie beim Wein – nicht allein um den Geschmack. Es geht auch ein Stück weit um Identität: Was weiß ich, was kann ich mir leisten, was ist mir wichtig – wer bin ich?

Es gibt Menschen, für die gehört das dazu und ist Teil des Whisky-Gesamtpaketes. Darüber Bescheid zu wissen kann hilfreich sein, wenn man schottischen Whisky verschenken möchte. Und es macht ja auch Spaß, über eine schöne Sache zu fachsimpeln.

Ich bin wahrhaftig keine profilierte Whisky-Expertin, mir ist Distinktion mehr oder minder wumpe. Ich mag halt schottischen Whisky. Manchen mehr, anderen weniger. So einfach ist das.

Hier meine schottischen Lieblings-Whiskys:

Die Aussprache kann mitunter schwierig sein. Das liegt daran, dass gar nicht so wenige Whiskys nach ihren gälischen Herstellungsorten benannt sind. Gälisch ist eine alte und wunderbare Sprache, die leider immer weniger Menschen sprechen. Hier ein kleiner Guide (auf Englisch) mit ein paar Aussprache-Tipps für Ungeübte.

Im Notfall geht aber auch fuchtelnd auf die Flasche zeigen und „Die da mit dem Hirschen!“ rufen.

Probieren geht über Studieren!

Also. Vergiss die Sache mit Topf und Deckel – in jedes Glas passt ein Whisky. Sich ins Thema reinzufuchsen und herauszufinden, was schmeckt… Das braucht mitunter ein bisschen Geduld und Zeit. Wie eigentlich alles Schöne im Leben.

Und auch beim uisge beatha – dem Wasser des Lebens – geht Probieren über Studieren. In vielen Orten gibt es Whisky-Tastings, bei denen man nicht nur verschiedene Sorten aus aller Welt verkosten, sondern auch jede Menge lernen kann.

Welcher schottische Whisky der Beste ist? Meine Antwort darauf ist simpel: immer der, den du grad am liebsten trinkst

 


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