Schottland ist meine neue Heimat. Aber viele Deutsche wissen nicht viel über Schottland. Also, außer Whisky, Golf und Outlander. Deshalb hier mein Schottsplainer. In der ersten Folge: Warum will Schottland Unabhängigkeit?

Vorab: Das Thema ist extrem komplex und weit verzweigt, das hier sind nur vereinfachte Zusammenfassungen und ein grober Überblick.

Also! Entgegen erstaunlich verbreiteter Annahme ist Schottland KEIN eigener Staat – es gehört zum Vereinigten Königreich (wie England, Wales, Nordirland) – sehr wohl aber eine eigene Nation. Mit einer eigenen, speziellen kulturellen Identität. Und diese Identität unterscheidet sich von der englischen. Sie baut seit etwa 1000 Jahren sogar weitgehend explizit darauf auf, eben NICHT englisch zu sein.

Aber: Schottland WAR sehr lange ein eigenes, unabhängiges Land. Mit eigenem Parlament und allem.

Hier die gestraffte Kurzversion der Union:

Im Zuge der Reformation wurde Schottland 1560 protestantisch. Damit veränderten sich auch politische Allianzen. Statt zum katholischen Frankreich oder Spanien auf dem Festland ging der Blick verstärkt zum ebenfalls protestantischen Nachbarn England. Nach dem Tod der kinderlosen „virgin queen“ Elizabeth I von England wurde 1603 der Sohn von Mary Queen of Scots – James VI – König von Schottland UND England/ Irland (und zu James I). Das war die Union of Crowns. Es gab aber noch zwei Parlamente und jede Menge Komplikationen durch einen abwesenden Monarchen, der fortan statt in Schottland am Hof in London weilte. Doch dazu ein anderes mal mehr.

Jacobites?

Kleiner Exkurs: Jacobites hießen Jacobites, weil sie als Anhänger*innen der ursprünglich schottischen Stuart-Könige namens James (Lateinisch „Iacobus“) galten. James hatte nämlich mehrere gleichnamige Vor- und Nachfahren. Ob jemand sich als Jacobite verstand oder nicht, hing in erster Linie damit zusammen, ob der*diejenige daran glaubte, dass Monarch*innen von Gott ausgesucht und unanfechtbar waren – oder eher daran, dass ein Souverän eine eingeschränkte, konstitutionelle Funktion in Zusammenarbeit mit einem starken Parlament haben sollte.

Klar gab es Überschneidungen mit Religionszugehörigkeit und ob man schottisch oder englisch war. Aber nicht alle Jacobites waren katholisch und schottisch; manche waren auch englisch und protestantisch. Von irischen Jacobites fange ich jetzt mal gar nicht erst an. Das ist das Faszinierende an Geschichte: Es steckt immer so viel mehr dahinter als angenommen, wenn man genauer hinschaut!

Union

Zurück zur Union: Im Jahr 1707, also gut 100 Jahre nach der Union of Crowns von 1603, löste sich das schottische Parlament – Protesten zum Trotz – freiwillig auf und schloss sich England an.Zu dem Zeitpunkt war Schottland nach einem gescheiterten Versuch der Kolonialisierung bankrott. Von 1707 an gab es nur noch ein einziges gemeinsames Parlament in Westminster – das war die Union of Parliaments. Diese Regierung aus der Distanz brachte etliche Probleme mit sich. Tut sie bis heute.

[Lies auch: Warum zur Hölle ausgerechnet Schottland?]

Ein Großteil der schottischen Bevölkerung war auch dagegen, aber der Großteil der Elite setzte sich durch. Kniffliges Thema, aber das hatte unter anderem mit Landbesitz und Zugang zu Kolonien im Empire zu tun. Kurz: mit Profit. Im Laufe des 18. Jahrhunderts profitierten dann auch insbesondere schottische Eliten massiv vom British Empire. Im Klartext: vor allem von der Ausbeutung und Versklavung von Menschen, besonders auf Tabak- und Zuckerplantagen.

In Glasgow (das in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur „second city of the empire“ avancierte) zeugen noch heute viele Straßennamen davon, woher das Geld für Architektur, Wohlstand & Co. kam: Jamaica Street usw. Hier dazu mehr. Und hier Forschungsprojekte zum transatlantischen Sklavenhandel

Industrialisierung und Ausbeutung

Unterdessen schritt im späten 18. und im Verlauf des 19. Jahrhundert die Industrialisierung auch in Schottland rapide voran, unter anderem finanziert durch die Gewinne des transatlantischen Handels mit versklavten Menschen.

Gleichzeitig galten andere Strukturen als nicht mehr profitabel und tragbar: Im Zuge von Optimierung, Modernisierung und Fortschritt setzten Großgrundbesitzer*innen beispielsweise vermehrt auf Schafzucht statt auf Verpachtung an Kleinbauern. Vor allem in den Highlands wurden Menschen teilweise mit Zwang oder Gewalt aus ihrem Zuhause entfernt und umgesiedelt – die Highland Clearances. Auch das ein sehr vielschichtiges und emotional aufgeladenes Thema, aber diese brutalen Zwangsräumungen und Umsiedlungen haben ein tiefes Trauma hinterlassen und ganze Landstriche entvölkert.

Doch auch darüber hinaus emigrierten viele Schott*innen in die ganze Welt. Seit dem 16. Jahrhundert verließen schätzungsweise 3,6 Millionen Menschen Schottland. Aktuell leben hier ca. 5,5 Millionen Menschen. Zum Vergleich: allein in London sind’s 8,9.

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Unterdessen schritt ab dem späten 18. und im 19. Jahrhundert die Industrialisierung auch in Schottland rapide voran, unter anderem finanziert durch Gewinne des transatlantischen Handels. In Glasgow waren es vor allem Textilien.

Die Dampfmaschine in einer effizienten Form hat James Watt verbessert und entwickelt – ein Schotte. Auch der Philosoph und Ökonom Adam Smith war Schotte; Edinburgh galt als das Athen des Nordens, intellektuell war ordentlich was los hier im 18. und 19. Jahrhundert – die Aufklärung blühte in Schottland so sehr, dass vom „Scottish Enlightenment“ gesprochen wird. So viel zum Thema „Die Wilden hinterm Hadrianswall mit den blauen Gesichtern“…

Anfang des 20. Jahrhunderts waren die Folgen der Industrialisierung überall deutlich zu sehen: Umwelt-Verschmutzung, Urbanisierung, Wohnraum-Mangel, Verelendung. Glasgow war damals ein Zentrum für Schwerindustrie und Schiffbau. Durch den Beginn des Krieges 1914 stieg die Nachfrage nach Munition, Schiffen und Maschinen zusätzlich und sorgte für einen Zustrom von Arbeiter*innen nach Glasgow; Stadtteile in der Nähe von Werften oder Fabriken waren heillos überbevölkert. Die soziale Ungleichheit war stark ausgeprägt. Wohnraum war knapp, Vermietung war Privatsache. Deshalb konnten Vermieter*innen die Mieten erhöhen, wie sie wollten und wurden selbst die heruntergekommensten Löcher los. Mietende zahlten oder mussten ausziehen. Die in Glasgow üblichen sogenannten Tenements (Mehrfamilien-Mietshäuser mit kleinen Wohnungen) waren überbelegt und oft in desaströsem Zustand. Dass sich 30 Menschen eine Toilette teilten, war keine Seltenheit.

Weil diese Umstände jedoch die weniger wohlhabende Bevölkerungsschicht betrafen, interessierten sich die Mitglieder der Mittel- und Oberschicht nicht dafür. Es kam zu Streiks, Protesten und Unruhen.

Fast forward: Nach den beiden Weltkriegen ging es mit der Industrie in Schottland bergab, spätestens seit den 1960er Jahren. Die soziale Ungleichheit war extrem und noch ausgeprägter als traditionell ohnehin. Teile des Landes waren leer, in Städten wie Glasgow hausten viele bis in die 1960er und 1970er im Elend. Und auf diesen Strukturwandel kam die brutale Austeritätspolitik der konservativen Tory-Premierministerin Margaret Thatcher (1979 – 1990). Thatcherism und die Folgen haben die Menschen in Schottland bis heute nicht vergessen.

Nationalismus ≠ Nationalismus

Parallel entwickelte sich im Laufe des 20. Jahrhunderts der schottische Nationalismus, unter anderem vorangetrieben durch den schottischen Dichter Hugh MacDiarmid. Richtig Auftrieb gab’s in den 1970ern mit den Ölfunden vor der schottischen Küste.

Seit den späten 1950ern wählen die Schott*innen mehrheitlich sozialdemokratisch ausgerichtete Parteien wie Labour. Weil aber der Rest Großbritanniens immer wieder mehrheitlich die konservativen Tories wählt, bekommen die Schott*innen seit Jahren eine Politik, die sie nicht wollen, für die sie nicht gestimmt haben und die den Bedürfnissen der Menschen hier nicht gerecht wird.

Schon 1979 haben Schott*innen über Teildezentralisierung („devolution“) abgestimmt. Damals war eine hauchdünne Mehrheit von 51,6 Prozent dafür, die Wahlbeteiligung allerdings so niedrig, dass den Schott*innen trotzdem ein eigenes Parlament verweigert wurde.

Wieder fast forward: Im September 1997 gab es ein Referendum, bei dem die Schott*innen für die Devolution (Dezentralisierung) stimmten – also dafür, wieder ein eigenes Parlament mit teilweisen eigenen Befugnissen (z.B. Bildung, Gesundheit) zu haben.

Das britische Parlament verabschiedete daraufhin den Scotland Act. 1999 wurde dann das schottische Parlament auch tatsächlich feierlich wieder eröffnet. In den historischen Worten der schottischen Politikerin Winnie Ewing: „The Scottish Parliament, adjourned on the 25th day of March in the year 1707, is hereby reconvened.“

Die 1934 gegründete und seit 2007 hier regierende Scottish National Party (SNP) ist nicht das, was man sonst so unter einer typischen nationalistischen Partei versteht. Sondern sozialdemokratisch. Hauptziel: Endlich komplett selbst bestimmen, was hier in Schottland passiert.

Anmerkung: Ich stehe Nationalismus skeptisch gegenüber. Schottland ist deshalb auf gewisse Weise eine Ausnahme, weil es hier eben nicht um ethnische oder kulturell ausschließende und diskriminierende Konzepte geht, sondern um Souveränität. Wie sich das mit dem schottischen Nationalismus entwickelt, wird sich zeigen, falls Schottland unabhängig wird. Denn dann wird das politische Feld neu sortiert.

First Minister ist Nicola Sturgeon. Sie hat Schottland bisher ziemlich engagiert und souverän durch die Pandemie geführt und ist eine der beliebteste Politiker*innen in ganz Großbritannien.

Erstes Referendum

Bei der Parlamentswahl 2011 holte die SNP, damals unter Alex Salmond, mit 69 Sitzen die absolute Mehrheit. Das hat der damalige UK-Premierminister David Cameron als demokratisches Mandat für ein Referendum akzeptiert. Im September 2014 gab es dann in der Tat ein Referendum zur Unabhängigkeit. Damals stimmten 44,7 Prozent der Schott*innen dafür, 55,3 Prozent dagegen. Knappes Kiltchen.

Das wichtigste Argument der Unionists – also der Pro-United-Kingdom-Fraktion – war damals: „DANN SEID IHR NICHT MEHR IN DER EU!“

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Tja, 2016 kam dann die Brexit-Abstimmung. Eine eindeutige Mehrheit von 62 Prozent der Schott*innen wollte laut Abstimmung in der EU bleiben und war gegen den Brexit. Weil ja aber in solchen Fragen seit 1707 Westminster das Sagen hat, wurde Schottland gegen seinen Willen aus der EU gezerrt. Mit all den negativen wirtschaftlichen und menschlichen Folgen, die der Brexit mit sich bringt.

Hier ein hinkender, aber dennoch hilfreicher Vergleich. Es ist ungefähr so, als würde jemand sagen: „Wenn du dich von mir trennst, wirst du die Katze nie, nie wiedersehen.“ Weil man die Katze liebt, bleibt man mit der Person zusammen – und dann setzt der*die andere eisenhart die Mieze aus. So in etwa müssen sich die Schott*innen nach dem Brexit-Referendum im Sommer 2016 gefühlt haben. Reingelegt und ratlos.

Darum will Schottland Unabhängigkeit

Und unter anderem deshalb will die SNP eine erneute demokratische Abstimmung über eine mögliche Unabhängigkeit Schottlands auf den Weg bringen – #indyref2. “Das Chaos und das Fiasko der vergangenen Jahre haben deutlich gezeigt: Das Schlimmste für Schottland ist es, an Westminster gebunden zu sein … Wir wären weitaus besser dran, wenn wir selbst für unsere Angelegenheiten verantwortlich wären“, so Schottlands Regierungschefin.

Unionists hingegen – also Leute, die die Union der vier Nationen unter dem Dach Großbritanniens befürworten – reden hinsichtlich des Referendums oft von „once in a generation“. Also, einmal abstimmen alle 50 Jahre und dazwischen Klappe halten. Aber die Grundvoraussetzungen haben sich seit 2014 halt einfach drastisch geändert, das Kern-Argument ist geschmolzen. Und so normale Wahlen gibt’s ja auch nicht nur einmal in 50 Jahren.

Die Union of Parliaments von 1707 wurde freiwillig beschlossen. So wie der EU-Beitritt Großbritanniens. Deswegen verstehen viele nicht, warum es nicht möglich sein sollte, sie freiwillig und demokratisch wieder aufzulösen. Insbesondere, nachdem Großbritannien ja auch mit dem Brexit die Europäische Union verlassen hat. Das macht die Argumentation gegen Unabhängigkeit noch mal schwieriger. Die Union des not so United Kingdoms ist in der Tat eine verfassungsrechtlich komplexe Angelegenheit. Hier erklärt Ciaran Martin die Sache ausführlich.

Zusammenfassung:

Schottland ist kein eigenes Land, aber eine eigene Nation und hat guten Grund dazu, unabhängig sein zu wollen. Natürlich denken die Menschen hier nicht alle gleich, es ist eine diverse Nation und es wird viel diskutiert. Schaut euch dazu diesen ARD-Beitrag an.

Und ja, Schottland und schottische Geschichte sind wirklich komplizierte und teilweise sehr aufgeladene Themen. Zu allen Punkten wurden schon etliche akademische Bücher geschrieben. Andere Leute wissen mehr darüber als ich. Aber vielleicht versteht ihr dieses Land, das ich so liebe, jetzt wenigstens ein bisschen besser. <3

Falls ihr Ideen oder Anregungen habt oder es Themen gibt, die euch in Sachen Schottland schon immer interessiert haben – schreibt’s gern in die Kommentare!


+++ Zur Transparenz: Ich bin kein Mitglied einer Partei, unterstütze aber Schottlands Unabhängigkeits-Bestrebungen und das Recht dieser Nation, eine demokratische Abstimmung darüber durchführen zu können. +++


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