Ein Roadtrip entlang des Fife Coastal Path beweist, dass man in Schottland dem Wetter niemals glauben darf. Und auch die Strecke selbst ist fast zu schön, um wahr zu sein.

„Sind wir tot?“, frage ich Abby, die rechts neben mir am Steuer sitzt. „Hatten wir womöglich einen Autounfall, sind gestorben und fahren jetzt ohne es zu wissen durch den Himmel?“

Ich frage sie nicht ohne Grund. Vor grünen Hügeln erstrecken sich weite Felder mit goldenem Getreide, das sich träge in der Sommerbrise wiegt. Ab und zu tauchen leuchtend weiße Cottages am Straßenrand auf. Rechts glitzert das Meer in der Nachmittagssonne. Jemand hat in gleichmäßigen Abständen Wölkchen auf den blassblauen Juli-Himmel getupft. In der Ferne schippert ein kleines Boot über die Wellen.

Es ist der perfekte Sommertag.

Und außer uns ist niemand auf dem Fifa Coastal Path unterwegs. Keine Menschenseele. Als wären wir in ein Bilderbuch oder eine Geschichte von Enid Blyton geklettert. Oder halt gestorben und im Himmel wieder aufgewacht.

Dabei fing unser kleiner Roadtrip über den Fife Coastal Path am Morgen ganz anders an.

Diesiges Dunfermline

„Gut, dass ich meine Regenjacke UND den Fleecepulli eingepackt habe“, sage ich ein paar Stunden zuvor, während ich mich auf dem Beifahrersitz von Abbys Auto auseinanderfalte und die Snacks verstaue. Glasgows Bleihimmel spuckt seit Stunden Niesel aus. Davon lassen wir uns unsere lang geplante Tour entlang des Fife Coastal Path natürlich nicht vermiesen. Wenn ich eins in Schottland gelernt habe, dann in Sachen Wetter auf alles vorbereitet zu sein.

Die erste Station auf unserer locker zusammengestellten Tour ist Dunfermline in Fife. Wie viele Ortschaften in Schottland strotzt auch Dunfermline vor Geschichte. Vor allem aber befindet sich hier das Grab von Robert the Bruce. Der echte Braveheart, wenn man so will, wurde 1329 hier bestattet. In der Dunfermline Abbey – einem der wichtigsten historischen Gebäude Schottlands.

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Der neuere, neugotische Bau von 1821 überlappt Teile der alten Abtei aus dem zwölften Jahrhundert und der Palastruine. Im Ergebnis liegen mehrere schwere, unterschiedliche Mauern übereinander und über Kreuz. Es wirkt, als wären in mehreren Jahrhunderten gleichzeitig. Wie eine Zeitreise. Und es stimmt ja auch irgendwie, der Ort ist derselbe. Nur der Schleier der Zeit trennt uns von David I und Robert the Bruce.

Die schweren Wolken sorgen für eine angemessen dramatisch-düstere Kulisse. Außer uns sind wenige andere Leute hier unterwegs. Auch im Inneren der Kirche sind wir allein. Ein merkwürdiges Gefühl, wir unterhalten uns flüsternd. Das Original-Grab von Robert the Bruce wurde vermutlich während der Reformation zerstört und 1818 bei Baubeginn der neuen Abby wiedergefunden. Jetzt liegt dort eine Grabplatte.

Die historische Abtei in Dunfermline in Scotland

Als wir schließlich wieder rauskommen, um durch Dunfermline zu spazieren, lugt vereinzelt die Sonne hinter den Wolken hervor und kitzelt das Grau weg. Übermütig werfen wir die Fleecepullis ins Auto und gönnen uns ein feines zweites Frühstück bei 269 Vegan.

Anschließend inspizieren wir Dunfermlines Ortskern, einschließlich des orangepinkfarbenen Abbot House. Das entpuppt sich als echter Geheimtipp. Denn der Kräutergarten dahinter mit dem Garden Café bietet Bienchen, Blümchen, Ruhe und Frieden bei strahlendem Sonnenschein. „Wenn ich jemals eine erfolgreiche Autorin werden sollte und Interviews geben muss, dann nur hier“, konstatiere ich. Die Sonne macht mich eindeutig übermütig.

Kekse und Kirschen am Strand von Elie

Unser nächster Halt auf dem Fife Coastal Path ist das Dörfchen Elie, besonders für seinen Sandstrand bekannt. Inzwischen brennt die Sonne solide vom Himmel und es sind sommergemäße 25 Grad. Wir parken, schnappen uns die Picknickdecke und machen uns auf den Weg ans Wasser.

Das Fischerdorf Elie in Schottland am Fife Coastal Path

Während im Hintergrund die Möwen fiepen und die Wellen plätschern, liegen wir wenig später bäuchlings auf der Decke, haben Sand zwischen den Zehen, salzige Meeresluft in der Nase, Sonne auf der Haut und essen Kekse und Kirschen.

Augen zu, Herz auf, Sommer rein.

Wir bleiben in Elie, bis Keksen und Kirsche alle sind und uns das Meer gezeitenbedingt fast bist an die sandigen Fußspitzen schwappt. Dann geht’s weiter zur nächsten Etappe.

Putziges Pittenweem

Der Fife Coastal Path führt durch eine ganze Perlenkette zauberhafter Küstendörfer. Das macht ihn touristisch sehr beliebt, was wiederum die braunen Extra-Schilder mit der Aufschrift „Fife Coastal Tourist Route“ zur Folge hat. Doch von all diesen verschnuckelten Örtchen dürfte Pittenweem der malerischste sein.

Aussicht auf die Häuser des Dorfes Pittenweem in Fife in Schottland

Wir sind in erster Linie hier, um uns den Tidal Pool anzusehen – ein flaches Fleckchen mit Meerwasser. Weil ein Tidal Pool nicht so tief ist, ist es darin minimal wärmer und auch die Wellen sind nicht so wild. Ideal zum Baden. Vorausgesetzt, man ist abgehärtet – das hier ist immer noch Schottland, nicht Salvador da Bahia.

Tatsächlich gibt’s in Pittenweem eine ganze Reihe von Schott*innen, die sich durch beherztes Schwimmen abkühlen. Ich dippe todesmutig einen Zeh und bin gar nicht traurig, dass ich meine Badesachen zu Hause „vergessen“ habe. Auch Abby verzichtet aufs Schwimmen. Mittlerweile sind wir nämlich ausgesprochen hungrig und haben auf dem Fife Coastal Path für heute nur noch ein Ziel: die preisgekrönte Pommesbude in Anstruther.

Anstehen in Anstruther

Auf der Straße vor der viel gerühmten Anstruther Fish Bar hat sich eine Schlange gebildet. Weil wir dem Hype glauben und offenkundig milde verblendet sind, stellen wir uns brav hinten an. Zwar kommt relativ zügig eine Mitarbeiterin mit Zettel und Stift und sammelt alle Bestellungen ein, aber voran geht es danach nur ziemlich zäh.

Das allerdings gibt uns genug Gelegenheit, den kleinen Hafen von Anstruther in Augenschein zu nehmen. Gründlich. Hier treiben sich augenscheinlich viele Golfer rum, ich höre auch ein paar Deutsche. Tja, es gibt kein Entrinnen.

Boote im Hafen von Anstruther, eine Möwe fliegt durch den blauen Himmel

Schließlich schaffen wir es bis zur Tür – nur, um festzustellen, dass sich die Schlange innen weiterschlängelt. Doch zu diesem Zeitpunkt haben wir schon zu viel investiert, um jetzt noch aufzugeben. Durchhalten ist die Devise. An einer Pinnwand erfahren wir durch Zeitungsausschnitte, dass selbst Camilla und Tom Hanks hier schon Pommes gegessen haben. Nicht gemeinsam, aber immerhin.

Irgendwann sitzen wir also mit Fish & Chips auf einer Bank, die Sonne steht schräg über dem blauen Firth of Forth und die Anstruther Möwen halten sich brav von unserem Abendessen fern. Ob sich das Warten gelohnt hat? Oh ja. Der Teig um den Fisch ist hauchdünn und macht beim Reinbeißen entzückende Knuspergeräusche. Die dicken Fritten sind auch nicht schlecht und die hausgemachte Remoulade ist gar göttlich. Aber alles schmeckt doppelt so gut, wenn einem der Magen in den Knien hängt.

Zum Nachtisch gibt’s noch ein Eis auf der sonnenwarmen Mauer, bevor wir zwecks Übernachtung zu Abbys Mutter fahren, die in Fife lebt.

St. Andrews

Nach einem Frühstück mit anschließendem Spaziergang durch die Felder von Fife machen wir uns auf Richtung St. Andrews. Das Städtchen beherbergt nicht nur die älteste Uni Schottlands und gilt als weltbekannte Golf-Zentrale, sondern ist auch architektonisch bildhübsch und bis oben hin voll mit Geschichte. Und Leuten mit Geld. Auch Prince William hat an der Uni in St. Andrews studiert. „Man sieht hier im Winter schon mal Leute in Pelzmänteln“, fasst Abby die Klientel zusammen.

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Wir gucken uns die beeindruckenden Ruinen der Kathedrale an, direkt an den Klippen gelegen – dramatischer und atmosphärischer geht’s kaum. Gebaut und gebetet wurde hier schon 1130. Fertig war die Kathedrale 1318, eingeweiht wurde sie von – natürlich – Robert the Bruce.

Allein die Reste und Umrisse lassen erahnen, was für ein massives Gebäude hier gestanden haben muss. Kein Wunder: Bis zur schottischen Reformation 1560 galt St. Andrews als das geistliche Zentrum Schottlands.

Ruine der Kathedrale von St. Andrews in Schottland

Gemächlich bummeln wir anschließend durch die historischen Kopfsteinpflaster-Gassen und Straßen, vorbei an Golfshops und einem Weihnachsladen. Und stolpern im alten Fischer-Viertel ins St. Andrews Heritage Museum.

Das ist mein zweiter Geheimtipp; hinter dem Häuschen aus dem 17. Jahrhundert verbirgt sich nämlich – ähnlich wie im Abbot’s House in Dunfermline – eine grüne Oase der Stille, in die sich kaum jemand anders verirrt.

Fife Coastal Path – jederzeit wieder

Auf dem Rückweg von unserer Tour den Fife Coastal Path entlang halte ich die Hand aus dem Fenster, der warme Fahrtwind gleitet wie Samt durch meine Finger. Es war das perfekte Wochenende.

Tot sind wir (noch) nicht, aber der Sommer in Schottland kann wahrhaftig himmlisch sein. Zwischen den Regenschauern jedenfalls.

Und ich hätte nichts dagegen, die gleiche Strecke direkt noch mal zu fahren. Nur vielleicht mit ein bisschen mehr Zeit.


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