Sehnsucht nach Schottland? Keine Sorge! Mit ein bisschen Fantasie und ein paar Kleinigkeiten kommt das Schottland-Gefühl ins heimische Wohnzimmer.

Ich bin mal auf ein Buch reingefallen. Es war klein und hübsch und versprach, das schottische Coorie-Gefühl zu vermitteln. The Art of Coorie: How to Live Happy the Scottish Way sollte zeigen, wie man das zu schätzen lernt, was einen umgibt. Wie man „das Leben trotz schwieriger Bedingungen genießen kann.“

Die Fotos waren außerordentlich ästhetisch. Hauptsächlich aber war das Buch voll von Tipps wie „Besorgen Sie sich eine Zimmerpflanze“ oder „Kaufen Sie sich diese Kaschmirdecke für 300 Euro“. Wenn ich mir mal eben eine Kaschmirdecke für 300 Euro kaufen kann, dann sind meine Lebensbedingungen nicht allzu schwierig. (Vielleicht hätte es mir zu denken geben sollen, dass ausgerechnet der Nicht-Historiker und bärtige Verschwörungsschotte Neil Oliver das Buch empfiehlt. Ich habe es jedenfalls in den Charity-Shop um die Ecke verfrachtet.)

Dabei ist Coorie ein schönes, heimeliges Konzept. Das Wort ist Scots und stand um 1900 herum noch für bücken, beugen oder zusammenkauern im weitesten Sinne. Doch im Laufe der folgenden 100 Jahre wandelte sich die Bedeutung in Richtung kuscheln oder anschmiegen. Vergleichbar mit dem skandinavischen Hygge oder, wie ich als Hamburgerin sagen würden, Muckeligkeit.

Ich liebe das Geräusch vom schottischen Regen an der Fensterscheibe und Autoreifen auf nassen Straßen, ich mag Duftkerzen und kuschelige Decken (auch ohne Kaschmir), lesen und Musik hören im Bett bei grauem Himmel.

Und na ja, hier in Schottland gibt’s nun mal viele Tage, auf die diese Beschreibung zutrifft.

Schottland-Atmosphäre schaffen

Aus Deutschland betrachtet ist Schottland weit weg. Ohne Fähre, Flug oder Zug unerreichbar. Stimmt’s?

Nicht unbedingt.

Wir Menschen nehmen die Welt um uns herum mit unseren Sinnen wahr. Das bedeutet: mit fühlen, riechen, sehen, hören und schmecken lassen sich Eindrücke erzeugen – und damit auch ein Stück weit die Realität formen. Gleichzeitig verfügen wir über eine (mehr oder minder) ausgeprägte Vorstellungskraft. Die Macht der Fantasie und Träume.

Beides zu kombinieren heißt: Wer grad nicht nach Schottland kann, holt Schottland eben zu sich!

Und so lässt sich mit allen Sinnen eine kleine schottische Oase einrichten und das Schottland-Gefühl ins Wohnzimmer holen:

1. Schottland fühlen

Schottland ist relativ häufig nass und windig, nicht nur im Herbst oder Winter. Außerdem leben hier etwa 5,5 Millionen Menschen, aber 6 Millionen Schafe. Deshalb sind Materialien wie Wolle und Tweed in Schottland so verbreitet. (Das Wort Tweed geht zurück auf das schottische Wort Tweel oder Twill, aber da soll ein Londoner Tuchhändler im 19. Jahrhundert einen Abschreibfehler gemacht haben…)

Jetzt mal ehrlich: Gibt’s was Schöneres, als es sich an einem grauen Tag mit Kakao, Kerzen und Keksen so richtig gemütlich zu machen? Eben.

Wenn ich mich an einem typischen Schottland-Tag in meiner Wohnung in Glasgow einmuckeln will, dann geht das am besten mit flauschigen Socken, einem kuscheligen Cardigan und einer dicken Decke – dazu fluffige Kissen, meine Wärmflasche namens Angus und ein heißer Tee oder Kakao im Becher.

Hier bin ich übrigens in meinen Multifunktions-Schal im Fraser Hunting Tartan gehüllt:

Jessica Wagener in Glencoe, rosa Kleid und Tartanschal
Quatschkopf im Fraser Hunting Tartan | Foto: Kristy Ashton

2. Schottland riechen

Wonach Schottland duftet? Kommt ein bisschen drauf an, wo man ist. Die Gassen in Glasgows City Centre riechen selbstredend anders als Kuhwiesen in Ayrshire. Am Meer duftet die Luft nach Salz und Seetang. Doch auch frisch gemähtes Gras, Wiesenblumen, Waldboden, Heidekraut, Torf und Whisky liegen in Schottland in der Luft. Das lässt sich am einfachsten mit Duftkerzen und Seifen kreieren.

Schottland-Gefühl: Wildblumen-Seife von der Scottish Soap Witch
© Scottish Soap Witch

Meine derzeitige Lieblingsseife ist übrigens die Oatmeal von Arran Aromatics. Ein Stück hält monatelang und duftet wunderbar cremig und herrlich nach Honig. Beste Seife einfach.

3. Schottland sehen

Ob die hellen Sandstrände, das türkisblaue Wasser und das blassgleißende Licht der Hebriden, die braungrünen, schroffen Kanten von Glencoe, die dunklen Wälder von Perthshire und die lilagesprenkelten Highland-Moore – schottische Landschaften sind variantenreich und mystisch.

Unzählige schottische Künstler*innen fangen den uralten Zauber des Landes auf ihren Bildern ein – wie zum Beispiel in dieser grafischen Interpretation von Glencoe, diesem Schwarzweiß-Foto von Skye oder diesem Bild in Bleu von der Bowmore-Destille von Islay. Oder eben hier auf diesem Kunstdruck des Strandes von Camusdarach:

Gemälde eines schottischen Strandes
© Kirsten Boston Art

Aber auch Filme und Serien bringen Schottland visuell nach Hause. Outlander natürlich, ebenso wie Maria Stuart, Königin von Schottland, Robert The Bruce: König von Schottland, Outlaw King, Braveheart und Rob Roy. Oder auch die BBC-Serie Monarch of the Glen, die mir von meiner Vermieterin ans Herz gelegt wurde (in D. derzeit nur als DVD erhältlich).

Dann ist da noch der in Glasgow spielende Film Wild Rose sowie die schottische Sitcom Still Game, und für alle, die’s etwas rauer mögen, selbstverständlich Trainspotting.

4. Schottland hören

Du willst dich akustisch wie in Schottland fühlen? Wichtigster Tipp: Regengeräusche im Hintergrund.

Hier habe ich außerdem in mühevoller Kleinarbeit eine Playlist mit – wie ich finde – schönen und atmosphärischen Schottland-Songs zusammengestellt:

Und hier oder hier gibt’s schottische Musik zu kaufen, wie früher in den 90ern. Für die Nostalgie-Fraktion und all jene, denen iTunes schon mal heimlich die digitale Lieblingsmusik gelöscht hat. Ich mein ja nur.

5. Schottland schmecken

Auch Schottland hat eine Reihe typischer Spezialitäten zu bieten. Dazu gehört natürlich Whisky wie zum Beispiel der Auchentoshan oder Glengoyne hier aus der Gegend in Glasgow (ein detaillierter Whisky-Text ist in Arbeit). Aber auch andere kulinarische Köstlichkeiten wie Tablet oder Shortbread.

Für kalte Tage empfiehlt sich wärmstens ein Hot Toddy. Und der geht so:

Beliebige Whisky-Menge (no judgment!) in ein hitzefestes Glas oder gleich einen Becher geben, halbe Zimtstange rein, mit 3 bis 4x so viel heißem Wasser aufgießen, Spritzerchen Zitrone und Löffelchen Honig dazu – fertig!

Hilft gegen Erkältung genauso gut wie gegen akutes Schottland-Fieber…

Und für diejenigen, die es lieber kalt mögen, hier ein einfaches Rezept für Whisky-Eis (dafür aber nicht den ganz teuren nehmen):

Schottland-Gefühl wirkt

Also, es muss nicht gleich die große Auswanderung geplant werden; Musik, Duftkerzen & Co. wirken schon ganz gut. Zumindest vorübergehend. Und für ein noch realistischeres Schottland-Gefühl kurzerhand alle Fenster auf Kipp stellen – Durchzug gehört hier in den alten Tenements nämlich auch dazu.

Aber jaja, ich weiß. Natürlich verschwindet die Sehnsucht nach Schottland nicht, nur weil man sich einen Whisky warm macht und mit einer Wärmflasche im Schafspelz kuschelt, während im Hintergrund Jamie Fraser gegen die Redcoats kämpft.

Aber sie wird vielleicht kurz ein bisschen kleiner.


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In meinem kleinen Ratgeber Nach Schottland Auswandern steht alles, was ich bisher über mein neues Heimatland gelernt habe:

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