Sechs Tage auf der schottischen Insel Tiree sind wie sieben Wochen Urlaub und gut für die Seele. Das liegt auch am Regen.

Der Ausdruck „der Regen peitscht mir ins Gesicht“ wäre eine maßlose Untertreibung. Es ist vielmehr ein metallenes, erbarmungsloses Hämmern. Wie konstanter Beschuss aus 1000 Nagelpistolen von allen Seiten. Und dieser niederdrückende, niederträchtige Wind!

Ich genieße jede Sekunde.

Nur ich, das Leihrad und die Elemente. Hier, auf der Hebriden-Insel Tiree inmitten des Regens, ist plötzlich alles gut. Die grenzenlose Ewigkeit des Seins.

Mit dem Mini-Flugzeug nach Tiree

Warum ich meinen Jahresurlaub ausgerechnet auf einem winzigen schottischen Eiland verbringe statt auf Mallorca oder den Malediven – darauf gibt es mehrere Antworten. Kurzversion: Ich habe diese Reise fast aus Versehen gebucht und ich finde Schottland nach wie vor am schönsten. Außerdem sieht zumindest das Meer farblich nach Malediven aus. Es sind die kleinen Dinge.

Klein ist auch das Flugzeug, das uns in gut 30 Minuten von Glasgow nach Tiree bringt. Weniger Passagiere und kürzere Reisedauer = weniger potenzielle Ansteckungs-Chance als auf mehreren Stunden Zug- oder Busfahrt, so meine Logik.

Tiree aus der Luft
Tiree aus der Vogelperspektive | © J. Wagener

Weil Tiree eine kleine Insel ist, gibt es zwar einen Bus – nur muss man den vorher telefonisch bestellen. Doch wie ich bei meinen vergeblichen Versuchen, den Bus, ein Plätzchen im Café und ein Fahrrad zu reservieren, feststellen muss, sind offenbar alle Inselbewohner*innen auf derselben Hochzeit und deshalb zwei Tage lang nicht zu erreichen. Es sei ihnen ja gegönnt.

Letztlich geht alles gut. Nach der Landung holt mich der Busfahrer am wohnzimmerartigen Flughafen ab. Und zwar nur mich, alle anderen Passagiere haben Mietwagen oder wohnen hier. Nach etwa zehn Minuten Fahrt setzt der Fahrer mich an einem weißen Cottage ab. Ich soll schön grüßen, das hier sei übrigens auch ein sehr gutes Bed & Breakfast. An der Seite prangen die Buchstaben „Mannal House“.

Angekommen. Urlaub. Endlich.

Das beste Bed & Breakfast

Das B&B liegt am Wasser. Dieser Küstenabschnitt ist gesäumt mit zerklüfteten Steinen, dunkelschimmernd und nassglänzend. Mein kleines Zimmer hat ein Fenster mit Seeblick und eine Sitzbank davor. Es ist ein sonniger Tag und die schmale Naht zwischen Himmel und Meer leuchtet wie ein Silberfaden.

Ab 22 Uhr liege ich wie ein Seestern mit ausgebreiteten Armen und Beinen auf dem Bett und beobachte durch das Fenster, wie sich das Licht unendlich langsam verwandelt – von honigwarmem Abendgold zu samtigem Nachtblau. Zu meinem Erstaunen schlafe ich hier wie ein Baby. Also wie ein Baby, das durchschläft. Nicht wie eins von denen, die alle fünf Minuten aufwachen. Vielleicht doch eher wie ein Felsen. Ja, ich schlafe wie ein Stein. Und das ist etwas Seltenes und Gutes.

Am Morgen ist die Sonne nicht mehr zu sehen. Jetzt ist derselbe Horizont eine verwischte Gerade, weichgezeichnet vom Wasser in der Luft. Da, wo der Regen ins Meer übergeht und das Meer in den Regen.

Es ist Sonntag, das hier ist ein Bed & Breakfast – und nicht etwa ein Bed & Breakfast & Lunch & Dinner – also muss ich los, Nahrung für später besorgen. Und so setze ich mich nach dem ausgedehnten Frühstück inklusive Overnight Oats und Käseomelette schließlich aufs gemietete Rad.

Google lügt!

Auf Tiree gibt es jede Menge nichts. Die Straßen bestehen, wie an vielen entlegenen Orten Schottlands, aus einem beiläufig ausgerollten, einspurigen Asphaltstreifen. Rechts und links grasen Schafe und Kühe. Hier wächst vor allem Gras, leuchtend grün, und selbst das duckt sich. Es ist der salzige Wind. Der Duft des Ozeans sättigt die Luft: Seetang, Salz und Algen, dazu ein Hauch Jauche – so riecht Tiree.

[Lies auch: Warum zur Hölle ausgerechnet Schottland?]

Google Maps behauptet, der Weg nach dem Hauptort Scarinish würde mit dem Fahrrad etwa 17 Minuten dauern. Ich bin misstrauisch, aber denke: „Na ja, in gut 30 Minuten sollte das zu schaffen sein. Das kriege selbst ich hin.“ Doch wie üblich lügt die App. 17 Minuten? Nur, wenn man an seinen freien Tagen zur Erholung die Tour de France fährt. Ich brauche gut eine Stunde. Das liegt natürlich teilweise an meiner Unfitness. Aber auch an Google. Denn die App hat den Wind unterschlagen.

Sind die ersten dreiviertel meiner einstündigen Fahrradstrecke noch erträglich, mit sanfter Brise und leichter Bewölkung, ändert sich das im letzten Viertel drastisch. Es beginnt, wie aus Kübeln zu schütten und vehement zu wehen. Allerdings nicht nur von oben, sondern von der Seite. Und von vorne. Und von der anderen Seite. Daher die Sache mit der Nagelpistole.

Jessica im Regen auf Tiree
Nass, nass, wir brauchen nass! | © J. Wagener

Die bitterste Erkenntnis in diesem Moment: Ich muss diesen ganzen, elendig langen Weg auch wieder zurückradeln. Hallefuckingluja.

Kontrollverlust und Katharsis

In Scarinish hat fast alles dicht, meine einzige Rettung ist der Supermarkt. Tropfend tapse ich durch die Gänge und decke mich mit Snacks für die nächsten drei Monate ein. Denn hier fahre ich ganz sicher nicht noch mal hin. Dann schwinge ich mich unfroh wieder aufs Rad.

Obwohl das Wetter in Schottland – besonders auf den Inseln und an den Küsten – sonst sehr wechselhaft ist, hat es sich stabil eingeregnet und -gewindet. Ich trage zwar wasserfeste Jacke, Hose und Schuhe – was ich aber nicht habe: wasserfeste Socken. Diese Fahrlässigkeit meinerseits rächt sich grausam. Meine Wollsocken lugen aus den Stiefeln und saugen sich mit jedem Meter weiter voll. Nach einem Drittel des Rückwegs habe ich eklig-nasse Wollsockenfüße bis in die Zehenspitzen. Dazu kommt meine körperliche Untüchtigkeit. Bergauf radeln? Nicht mit diesen Puddingbeinen. Ich steige ab, schiebe und schimpfe. Regentropfen fallen von meiner Nase, das Wasser schmatzt in meinen Schuhen.

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Als ich auf einer Anhöhe pausiere und nach nasser Luft schnappe, passiert es: Ich lasse los. Denn ich habe schlicht keine andere Wahl, als mich der Situation, dem Wetter und der Insel auszuliefern. Keinerlei Kontrolle, nichts zu machen, alles egal. Ein Moment herrlich befreiender Katharsis.

Plötzlich muss ich lachen. Dann fange ich an, aus purem Trotz Lieder in den Windregen zu brüllen, „An der Nordseeküste“ und so. Zum Glück sieht und hört mich niemand. Mit Ausnahme der Schafe. Wie die sich in dem Regen wohl fühlen müssen? Immerhin bestehen sie komplett aus Wolle.

Das Tal der Glückseligkeit

An sonnigen Tagen ist Tiree – übrigens rein statistisch der sonnigste Ort Schottlands – uneingeschränkt glorios. Ein Fetzchen Himmel, unprätentiös und heilsam. Genau an so einem Tag beschließe ich, das Wetter auszunutzen und einen Ausflug ins Happy Valley zu machen. Ja, das heißt tatsächlich so.

Das erste Stück fahre ich mit dem Rad. Ein Kiebitz fliegt minutenlang neben mir her und begleitet mich. Dann geht’s zu Fuß weiter. Und zwar in Sneakers; meine Stiefel sind nämlich noch nass. Von innen. Am Zaun schließe ich nicht mein Rad an – das hier ist Tiree – sondern Freundschaft mit einem sehr netten, schwarzweißen Pony, das meine Hand für einen Snack hält. Habe schon schlechtere Komplimente bekommen.

Pony auf Tiree
Henlo! | © J. Wagener

Der Weg ins Happy Valley führt durch eine mit Iris gesprenkelte Senke, eine Anhöhe hinauf, an der Küste entlang und um einen großen Hügel herum. Als ich die letzten Schritte um den Felsen mache, offenbart sich vor mir plötzlich ein weites Tal, bedeckt mit einem plüschgrünen Teppich aus Moos, Gras und Gänseblümchen.

Es fühlt sich an, als wäre ich der einzige Mensch auf der Welt und trotzdem nicht allein.

Happy Valley auf der Insel Tiree
Happy Valley auf der Insel Tiree | © J. Wagener

Beseelt stapfe ich durch das Tal, bis sich vor mir das seifengrün und glasblau gefleckte Meer erstreckt. Der Kies am Strand mündet in einer Halbkreisbordüre aus Meerschaum. Rechts und links hocken schwere, graubraune Felsen, gepudert mit senfgelben Flechten und blasslila Blüten. Die Gischt klatscht unablässig zischend gegen den uralten Stein. 1000 Tröpfchen explodieren im Donnerhall der brechenden Wellen. Dazu das Kullern und Klödern der dicken Kiesel. Die Sonne scheint und auf den Wellen flackern Lichtpailletten wie Sternenstaub.

Meer von Tiree
Das Meer von Tiree | © J. Wagener

Lächelnd kraxele ich auf einen der warmen, buckligen Felsen. Der Wind zupft an meinen Haaren. Ein winziger Vogel landet ein Stück neben mir und zwitschert mich eine gefühlte Ewigkeit von der Seite an. Ich rühre mich nicht, die Zeit steht still. Erst, als er schließlich wegfliegt, krame ich mein Notizbuch aus dem Rucksack. Ich fange an, zu schreiben – Ideen, Gedanken, Gefühle.

Ein treffenderer Name als Happy Valley fällt mir für diesen Ort beim besten Willen auch nicht ein.

The Trick is to Keep Breathing

Als ich nach sechs Tagen wieder zurück nach Glasgow muss, werde ich wehmütig. Ich wäre gern noch viele Momente lang geblieben. Die Zeit auf Tiree verstreicht gemächlicher, die Nähe zur Natur füllt den Seelenspeicher.

Ich habe auf Tiree ein bisschen gelesen, ein wenig geschrieben. Ich habe Vögel beobachtet, viel geschlafen und gut gefrühstückt. Vor allem aber habe ich geatmet. Und zum ersten Mal seit Langem wieder gefühlt, dass alles okay ist. Wenigstens jetzt.

Bester Urlaub.


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