Der Tod wartet auf uns alle, irgendwann verlassen wir diese Welt. Und ich habe mich neulich gefragt: Was bleibt eigentlich von mir, wenn ich sterbe?

„Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt.“ – Brecht

Dank der Sache mit dem Gebärmutterhalskrebs habe ich keine Kinder und werde folglich auch keine blutsverwandten Enkelchen haben, die nach meinem Tod Heiligabend weinselig zusammensitzen, durch alte Fotos scrollen und sagen: „Weißt du noch, wie Omi…?“

Da ist niemand, der in mehreren Generationen noch meine Kohlblattohren haben wird und den Hang, beim Tanzen mit geschlossenen Augen die Hände in die Luft zu werfen. Mit mir stirbt die Linie aus und das ist auch okay so.

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Eines Tages werde ich ein Häuflein Asche in einer hoffentlich halbwegs geschmackvollen Vase sein, die keinen Meter tief in der Erde steckt. Über mir wird ein Stein liegen, möglicherweise in Buchform, auf dem mein vollständiger Name und zwei Daten stehen. Wenn genug Geld für Extra-Buchstaben da ist, vielleicht noch ein kleiner Spruch. Aber wahrscheinlich eher nicht.

Die Jahreszeiten werden an mir vorüberziehen, Eichhörnchen und Amseln über mir entlanglaufen; die ersten Jahre, so lange noch Geld da ist, wird die Gärtnerei ein standardisiertes Blumenbeet pflanzen und pflegen. Eventuell verwunschene Glockenblumen oder sogar Rosen. Aber wahrscheinlich eher nicht.

[Lies auch diesen Text: Wenn ein Mensch stirbt, den man liebt]

Ein, zwei mal im Jahr werden Besucher anderer Verstorbener im Vorbeigehen ihren Blick schweifen lassen, innehalten und sich vielleicht ein paar Sekunden lang kurz eine Geschichte ausdenken, die zwischen die beiden Daten passt, so wie ich es manchmal auf Friedhöfen mache. Aber wahrscheinlich eher nicht.

Es gibt ja inzwischen auch Grabsteine mit QR-Codes, so kann man die tatsächliche Lebensgeschichte erfahren. Da würde dann wohl mein Blog auftauchen und Interessierte könnten nachlesen, was ich so gemacht und erlebt habe, wer und was mir wichtig war. Möglicherweise gibt es, wenn ich erst in vielen, vielen Jahren sterbe, sogar Hologramme. Dann würde ich in meinen Space-Leggings und Metallic-Sneakern auf meinem eigenen Grab stehen und so was sagen wie: „Hi, ich bin Jessy – und das ist meine Geschichte. Schnäpschen?“ Aber wahrscheinlich eher nicht.

Das bleibt, wenn ich sterbe

Vor allem jedoch würde ich von all dem überhaupt nichts mitbekommen, das ist ja die Sache mit diesem Totsein. Und deshalb habe ich mir schon jetzt zu Lebzeiten mal ein paar Gedanken darüber gemacht, was von mir bleibt, wenn ich sterbe. Nicht erschöpfend und ganz bis zu Ende überlegt, bloß ein paar Fragmente.

Zum einen ist da natürlich die Tatsache, dass ich David Hasselhoff zum Singen gebracht habe:

Daran denke ich fast ein bisschen zu gerne zurück.

Zum anderen sind da aber natürlich auch meine beiden Bücher, „Narbenherz“ und „Wir geben Opa nicht ins Heim“. Ich bekam dazu ein paar sehr berührende Nachrichten, Mails und Kommentare. Hier ein kleiner Auszug:

„Ich habe deinen Bericht auf stern.de gelesen, indem du schriebst, dass du dem Krebs dankbar bist. Daraufhin habe ich dein Buch gekauft, denn ich sehe das zu 100% genauso. Ich hatte die ganze Zeit die gleichen Gedanken und du hast sie gefühlt einfach in Worte gefasst.“ – Birte

„Dein Buch hat etwas bei mir in Gang gesetzt, was sich nicht mehr stoppen lässt (…) Die Entschlossenheit Deines Vorgehens war dabei Vorbild für mich.“ – Jürgen

„Deine Reiseberichte haben mich ermutigt, dieses Weltreiseding endlich durchzuziehen.“ – Jinory

„Ich habe heut morgen Dein Buch Narbenherz durchgelesen und die letzten Sätze haben mein Herz und Hirn von jetzt auf gleich noch mal auf links gekrempelt….wie wahr…vielen, vielen Dank! – Lena

„Du bist eine starke Frau. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor Dir. Und ICH fühle mich jetzt verstanden. Das klingt komisch, ist aber genau so.“ – Nadin

„Mit einem ganz dicken Kloß im Hals suche ich jetzt nach viel zu langer Zeit wieder eine Zugverbindung zu meinem Meckeropa raus, danke dafür.“ – Vanessa

„Was Du schreibst ist unglaublich wertvoll. Hut ab vor Dir und Deinem Talent und Deinem Lebensweg. Und danke dass Du mir in vieler Hinsicht die Augen geöffnet hast.“ – Steffi

„Sinnbildlich hat mich Ihr Buch dazu gebracht auf der Kante der Tür Platz zu nehmen und die Flügel auszubreiten (….) Es war mir ein Bedürfnis, Sie wissen zu lassen, dass Ihr Tun ein weiteres Leben berührt und in eine etwas andere Richtung gelenkt hat.“ – Markus

„Ich sehe so viele Parallelen zu meinen Großeltern und zu wissen, dass es auch anderen Enkeln genauso geht, hilft sehr. Es gibt mir Kraft für die Katastrophen, die noch kommen werden.“ – Esther

Alles nur das Ego, oder?

Ein sehr guter, kluger Freund würde jetzt wohl sagen, das sei alles nur mein Ego; es könne schlicht die eigene Bedeutungslosigkeit nicht ertragen. Und auch, wenn er damit Recht hätte – für mich liegt trotzdem auch ein kleines bisschen Trost in dem Gedanken, dass ich vielleicht ein paar Spuren auf dieser Welt zurückgelassen habe. Auch, wenn sie mit den Jahren verblassen und verwittern wie ein flüchtig in Baumrinde geritztes Herz.

Es bedeutet mir eben viel, dass ich mit meinen Geschichten das eine oder andere Mal vielleicht dazu beitragen konnte, jemandem eine Entscheidung oder Kummer etwas leichter zu machen, und sei es auch nur für einen Augenblick.

[Könnte wichtig sein: Hier findest du ein wenig Trost bei Trauer]

Wenn jemand in meinen Geschichten einen Hauch Inspiration gefunden hat und den Mut, endlich selbst auf eine Reise zu gehen oder in eine andere Stadt zu ziehen; wenn jemand seine Großeltern wieder öfter besucht hat oder ihnen in Zeiten von Krankheit, Leid und Tod besser beistehen konnte; wenn jemand ein authentischeres Leben geführt hat oder ab und zu verständnisvoller mit sich selbst und seinen Mitmenschen war, dann habe ich unfassbar viel erreicht in meinem Leben.

Und das bleibt von mir, wenn ich sterbe. Ich werde es immer in meinem Herzen behalten. Auch, wenn es als Häuflein Asche in einer hoffentlich halbwegs geschmackvollen Vase keinen Meter tief in der Erde steckt.


PS: Ich bin freie Journalistin, Autorin und Studierende und das Betreiben dieses Blögchens kostet – genau wie alles andere im Leben – ein wenig Geld. Wer also mag, kann hier via Paypal ein bisschen Trink-, äh, Schreibgeld dalassen. Dankeschön! <3

 

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