Wenn ich noch ein Weihnachten in Schottland allein in meiner Wohnung verbracht hätte, hätte ich das mental und emotional nicht ertragen. Deshalb bin ich in ein Hotel gefahren. Gute Idee. 

Kurz nach acht Uhr morgens am Heiligabend. Glasgows Queen Street Station ist so gut wie leer. Ich bin so gut wie innerlich tot. Vor sechs aufstehen ist nichts mehr für mich. Ich bin Studentin, ich habe Standards.

Während ich mich also als einzige Passagierin im Waggon mürrisch auf den Sitz sinken lasse und in einem halb betäubten Zustand in Ruhe ein Dreiviertelstündchen vor mich hindämmern will, hat der Schaffner andere Pläne.

Er schleicht sich von hinten an und brüllt plötzlich in markerschütternder Lautstärke: „TICKETS PLEASE!“ – woraufhin ich unwillkürlich ein quiekendes „Wah!“ von mir gebe und aus dem Sitz schnelle. Der Scherzkeks lacht sehr laut und sehr wach. Vermutlich Frühaufsteher. „I’m sorry! But I need to have some fun on my shift today.“ Kann ich nachvollziehen, es ist schließlich Weihnachten, hier das Ticket und jetzt Schnauze.

Der Zug rattert eher gemächlich nach Dunblane kurz hinter Stirling, wo ich in einen Bus Richtung Crieff umsteigen werde. Und dort feiere ich Weihnachten in einem Hotel.

Weihnachten in Schottland statt Deutschlandbesuch

Eigentlich wollte ich ja nach Hamburg zu meiner Schwester und Freund*innen besuchen. Zwei Jahre ist mein letzter Trip nach Deutschland inzwischen her, zwei Jahre, seit ich meine Schwester zuletzt gesehen und umarmt habe. Corona sei Dank. Arschlochvirus. Aber schon vor der Sache mit Omikron wurde ich zunehmend skeptisch. Nicht nur aus Gesundheits- und Sicherheitsgründen, sondern auch wegen eventuell spontan verhängter Reise-Beschränkungen.

Also wieder Weihnachten in Schottland, meiner Wahlheimat.

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Allerdings wollte und konnte ich kein zweites Fest allein in meiner Wohnung in Glasgow verbringen und womöglich drei Tage heulend unterm Baum liegen.

Das war alles okay und schön im vergangenen Jahr. Doch es so okay und schön zu machen – inklusive backen, basteln und irgendwie optimistisch sein – das hat mich einiges an Kraft gekostet. Genau davon ist vor Weihnachten 2021 nichts mehr übrig. Mein Tank ist komplett leer, bis auf den allerletzten Tropfen ausgelutscht.

[Lies auch: Warum zur Hölle ausgerechnet Schottland?]

Ich brauchte dringend etwas – irgendwas – worauf ich mich freuen konnte. Einen Silberstreif am Horizont, wenn man so will. Also nahm ich einen Teil meines im Januar zu zahlenden Steuergeldes und buchte ein Hotel. Januar-Probleme werden im Januar bearbeitet, beschloss ich wahnsinnig wagemutig.

Die Maßnahme hat gewirkt und den Dezember erträglicher gemacht. Selbst, wenn mein festlicher Kurztrip wegen Omikron am 23.12. gecancelt worden wäre, hätte ich wenigstens ein paar Wochen mal wieder sowas wie Vorfreude gespürt.

Und das ist exakt genauso traurig, wie es klingt.

Vorsicht ist die Mutter der Weihnachtskiste

Ich habe durchaus mit mir gerungen. Weihnachten in Schottland im Hotel während einer Pandemie… Hm. Aber ich habe ein Hotel ausgesucht, das nicht weit weg liegt und sich an die Regeln hält, einschließlich Maskenpflicht und Abstand.

Ich bin geboostert, ich trage Maske, ich fahre außerhalb der Stoßzeiten. Als ich in Dunblane in den Bus steige, bin ich den Großteil der Fahrzeit auch hier die einzige Passagierin. Alles in allem ein okayer Kompromiss.

Seelenverwandtschaft mit Fauli-Pferd

Das Hotel in Crieff ist 15 Fußminuten von der Bushaltestelle entfernt. Klingt weniger, als es ist – insbesondere, wenn man den Trolley-Rucksack bergauf hinter sich her zerren muss. Aber hey, es ist Heiligabend. Also bemühe ich mich um innere Festlichkeit. Klappt so semi.

Das Hydro ist ein gigantisches viktorianisches Kurhotel von 1868 aus Sandstein im neogotischen Stil, mit Türmchen und Erkerchen. Es würde mich wundern, wenn’s hier nicht spukt.

Zum Einchecken bin ich zu früh, aber ich wollte unbedingt einen Ausritt machen und es war kein anderer Slot mehr frei. Ich stelle meinen Rucksack neben der Rezeption ab und stapfe zum Stall. Wie immer bin ich die einzige Erwachsene. Macht nix, auch mein inneres Kind hat Weihnachten.

Da ich einigermaßen groß und einigermaßen schwer bin, bekomme ich bei Ausreite-Veranstaltungen logischerweise immer das einigermaßen große und einigermaßen schwere Pferd. Das ist dann aber oft auch das unmotivierteste. Ich kann’s ja verstehen. Immer die gleiche Runde, immer fremde und unfähige Leute auf dem Rücken, dann auch noch an Heiligabend und Snacks gibt’s auch nicht. I feel you, Jasper. I can relate.

Wenn Leute von schottischer Landschaft schwärmen, dann meinen sie meist die wildromantischen Highlands mit schroffen Bergkanten, silbernen Lochs, dramatischen Glens und Weite.

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Perthshire ist anders, milder, aber auch wirklich ausgesprochen zauberhaft – mit seinen sanften Hügeln und magischen Wäldern. Mehr Rosamunde Pilcher als Outlander, denke ich so, während Jasper träge hinter den anderen Pferden durchs Gelände trottet. Die Luft ist kalt und frisch, die Sonne scheint ein bisschen und ich fühle ein kleines Weihnachtskribbeln. Doch nicht ganz innerlich tot. Yay.

Nach der Stunde bedanke ich mich höflich bei Jasper, es ist ihm herzlich egal. Ich bin minimal beleidigt, als die Hotelangestellte aufsteigt und er beschwingt, elegant und leichtfüßig mit ihr hinfort trabt. Bergauf.

Zimmer mit Aussicht

Mein Zimmer liegt im zweiten Stock in einer ruhigen, verwinkelten Ecke am Ende eines Flures mit leicht abschüssigem Boden. Als ich reinkomme, erwartet mich eine Überraschung: Meine Schwester hat doch tatsächlich im Hotel angerufen und mir zur Begrüßung edle Schokolade und eine Flasche Prosecco im Silberkübel organisiert. Bestes Geschenk! Aufmerksamkeit, Luxus und Liebe. Vielleicht habe ich ein Glückstränchen im Auge.

Der Ausblick ist atemberaubend: Das Zimmer liegt in einem Winkel, also kann ich rechts ein Türmchen und altes Gemäuer sehen – aber auch die besagten sanften Hügel und den spektakulären Sonnenuntergang. Und zwar schon gegen 15:30. Schottland im Winter halt.

Hach, zum perfekten Weihnachten in Schottland fehlt jetzt eigentlich nur noch Schnee. Aber ich will mal nicht so sein, irgendwas ist schließlich immer.

Heulen am Heiligabend

Am Abend schlüpfe ich statt wie üblich in die Jogginghose in ein Satin-Kleid. Guter Instinkt: Hier haben sich nämlich alle in Schale geworfen und ich weiß vor lauter Pailletten kaum, wo ich hingucken soll. Menschlicher Weihnachtsschmuck!

Das festliche Dinner wird im Hotelrestaurant serviert. Während ich genüsslich die Vorspeise vernichte, nimmt am Nebentisch eine kleine Gruppe mit augenscheinlich pflegebedürftigen älteren Menschen plus Begleitern Platz.

Mir fällt ein älterer Herr auf. Seine Hand liegt neben dem Teller auf dem weißen Tischtuch und zittert rhythmisch.

Parkinson.

Opi.

Und dann sitze ich also am Heiligabend im fancy Kleid im fancy Hotel vor einem fancy Mahl unter einem fancy Kronleuchter, gucke auf meinem Handy alte Weihnachtsvideos von Omi und Opi und weine.

Inzwischen kann ich gut damit umgehen. Sie werden mir immer fehlen, solange ich lebe. Besonders zu Weihnachten, ob in Schottland im Hotel oder sonst wo. Das ist okay. Trauer ist ein Zeichen von Liebe und so.

Plötzlich plumpst ein Krückstock gegen meinen Tisch und einer der Betreuer entschuldigt sich wortreich. Unnötig. Wenn er wüsste… Wir unterhalten uns kurz sehr nett und das mit dem Weinen ist auch schon wieder vorbei. Zeit fürs Dessert.

Schottisches Spukhotel

Sowieso liebe ich es sehr, wie plauderfreudig die Schott*innen sind. Ich quatsche mit Hamish, dem jungen Kellner, und Andrea, einer Restaurantmanagerin, und Lisa von der Rezeption… Weil ich ein morbides Faible für Spukgeschichten habe, frage ich alle nach unerklärlichen Vorkommnissen. Das Hotel ist immerhin 150 Jahre alt und na ja, das hier ist Schottland.

Niemand weiß was Genaues; nur Andrea berichtet von umherwandernden Gestalten in einem anderen Hotel in Dunkeld.

Doch dann erwische ich Restaurantmanager Barclay. Er arbeitet seit 12 Jahren hier und hat schon einiges erlebt. Zum Beispiel, wie in der leeren Küche nachts regelmäßig Dinge durch die Gegend fliegen, weshalb er bei seinen Rundgängen immer außen lang geht. Oder in einem windstillen Saal von selbst schwingende Kronleuchter.

„Ich war immer Skeptiker“, sagt er, „aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.“ Weihnachten ist in der Tat die Zeit der Spukgeschichten und ich bin zufrieden. Der perfekte Abschluss. Schlafen kann ich in dieser Nacht allerdings nicht so gut, aber wie gesagt: Irgendwas ist ja immer.

Weihnachten in Schottland im Hotel zu verbringen war eine famose Idee. Ich habe mich vorsichtig und verantwortungsbewusst für Selbst- und Seelenpflege entschieden; ich war spazieren, schwimmen, reiten und Bogenschießen.

Ich musste nicht selber kochen, habe sehr viel und gut gegessen, gebadet, gelesen und geschlafen (meistens). Vor allem: Ich war nicht allein, trotz Abstand.

Obwohl die Umstände widerlich widrig waren, war mein Weihnachten in Schottland ziemlich schön. Und dafür bin ich ziemlich dankbar.

 


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